Von Sonne, Mond und Sternen

Wettbewerbsbeitrag von L.A. Blum, 17 Jahre

„Ich denke, ich habe Liebeskummer“, sagte sie leise während ihre Beine über dem Abgrund baumelten.
„Ja? Wie kommst du darauf?“, fragte die Fremde.
Langsam wanderte der Blick des Mädchens dem Horizont entgegen. Ihr Gesicht war noch jung, die Wangen, welche noch etwas rundlich waren, wurden von den roten Strahlen der Sonne gestreichelt, doch ihre Augen waren erschreckend erwachsen. Eine tiefe, unergründliche Trauer lag in ihnen und ein dunkler Schleier versperrte den Blick in ihr Innerstes, der bei jungen Kindern normalerweise noch so einfach ist. Man blickt in ihre Augen und sieht bis auf ihre Seele. Erst im Alter verdunkelt sich das Blickfeld und die Menschen beginnen Mauern zu errichten, die sie vor der Welt schützen. Mauern, für die dieses Kind noch viel zu jung war, und die trotz allem schon da waren.
„Es passiert“, sagte das Mädchen, den Blick noch immer in die Ferne gerichtet, „wenn die Sonne sich dem Horizont entgegen neigt. Wenn das Licht langsam schwindet und der Mond bereits auf der anderen Seite des Himmels zu sehen ist. Dann frage ich mich, wie die Sonne es aushält, all die Tage…“ Sie schwieg wieder und in ihren Augen brach sich das letzte Licht des Tages.
„Was meinst du?“, fragte die Fremde, ihre Stimme sachlich und tonlos, denn sie konnte den Gedanken des Kindes nicht folgen.
„Wie sie es erträgt, jeden Abend und jeden Morgen dem Mond zu begegnen, ihn zu sehen in der Ferne, wissend, dass sie ihn niemals treffen wird, ihn niemals berühren, niemals seine Nähe spüren wird. Sie wird ihn sehen, für alle Zeit, jeden Morgen und jeden Abend. Immer wieder. Doch niemals wird sie ihm wirklich begegnen können“
Die Fremde schwieg. Ob ergriffen von den Worten des Mädchens oder doch bloß aus Desinteresse, war nicht zu erkennen, denn auch sie trug ihre Mauern weit oben. „Und du fühlst dich wie die Sonne?“, hakte sie schließlich nach.
Das Mädchen überlegte. „In gewisser Weise vielleicht. Dem Mond folgen all die Sterne, stetige, treue Begleiter, die Sonne hingegen ist ganz allein. Sie strahlt so hell, doch niemand erkennt ihre Einsamkeit. Ich kenne ihn, ich sehe ihn, ich rede mit ihm und doch sind wir Lichtjahre voneinander entfernt. Lichtjahre, die ich niemals werde überbrücken können, denn er lebt in seiner eigenen Welt, er hat seine Sterne, er ist niemals einsam. Und er ist frei.“ Die Sonne war nur noch zur Hälfte zu sehen und langsam breiteten sich die Schatten aus.
„Warum bist du dir dann nicht sicher, dass du ihn liebst?“, fragte die Fremde.
„Da sind keine Schmetterlinge. Auch mein Herzschlag ist ganz normal. Es flattert nichts… nein kein Flattern. Es gibt auch kein Feuerwerk und keine Geigen. Es ist mehr… wie eine langsame, schleichende Vergiftung.“ Das Mädchen sah die Fremde nicht an während ihre Beine über dem Abgrund baumelten, und die Fremde hielt es genauso.
„Ach ja?“, sagte die Fremde nach einer Weile. Das machen Erwachsene so, wenn sie nicht wissen, was sie sagen sollen, aber auch nicht nichts sagen wollen. Sie ertragen die Stille nicht, doch sie wissen auch keine Frage, die sie stellen sollen. Sie wollen nur, dass du weiterredest, dass du diese unendliche Stille durchbrichst, die für sie so unangenehm ist. Sie wissen nicht, dass Schweigen aussagekräftiger sein kann als jedes Wort. Das Mädchen wusste um die Intension der Fremden, doch sie antwortete dennoch, denn vielleicht wollte ja auch sie diese Stille vertreiben, die sich bereits in ihrem Inneren breit gemacht hatte.
„Ja. Ja wie eine Vergiftung. Wenn ich atme, dann bleibt mir nicht die Luft weg, aber etwas stimmt nicht. Als würde etwas auf meine Luftröhre drücken. Wie eine Hand um mein Herz. Eine bleierne Hand, sie drückt nicht zu, doch sie ist da und ich weiß eines Tages wird sie doch zudrücken und dann gibt es nichts, was ich tun kann, um mein armes Herz zu schützen“ und nach kurzem Nachdenken fügte sie hinzu: „Ich dachte, die Liebe sei voller Farben und Feuerwerk.“
Die Frau lachte leise und rau auf. „Oh nein mein Kind, da hat dich jemand belogen. Die Liebe ist genauso düster, wie sie voller Farbe ist, sie ist mindestens so schmerzhaft wie schön und manchmal macht sie die Liebenden zu Lügnern. Aber ohne sie ist das Leben doch furchtbar langweilig, nicht wahr?“
Das Mädchen überlegte. „Vielleicht könnte ich mit etwas Langeweile ganz gut leben. Doch so fühlt es sich an…“
„Als wäre eine Hälfte von dir nicht da?“, fragte die Frau sanft.
Das Mädchen nickte leicht. „Als wäre eine Hälfte von mir nicht da. Ja, und als würde sie nie mehr zu mir zurückkehren“
„Weißt du Kind, der Mond kann ohne die Sonne nicht strahlen. Ohne sie ist er bloß ein großer Stein, von niemandem gesehen. Und frei ist er sicher auch nicht. Er umkreist die Erde, für immer gefangen auf seiner Kreisbahn, während die Erde sich nur um sich selbst dreht. Die Sonne hingegen strahlt ganz von alleine. Denn sie ist unabhängiger als jeder andere. Sie braucht niemanden, um ganz zu sein und vielleicht muss sie erst erkennen, dass sie allein schon genug ist, bevor sie jemand anderen lieben kann.“
Das Mädchen schwieg, erstaunt über die Worte der Fremden. Eine ganze Weile brauchte sie, um über das Gesagte nachzudenken. Langsam drehte sie den Kopf, um ihrer unbekannten Ratgeberin in die Augen zu blicken, doch da war niemand. Nur die blanke, kalte Steinmauer und der tiefe Abgrund über dem die Füße des Mädchens baumelten. Als sie den Blick wieder gen Horizont wandte war auch die Sonne hinter dem Horizont verschwunden.

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Autorin / Autor: L.A. Blum, 17 Jahre