Woher weißt du das?

Immer mehr - vor allem junge Leute - lesen Nachrichten online und in sozialen Netzwerken. Gleichzeitig steigt das Misstrauen in diese Medien. Ergebnisse des Reuters Institut Digital News Survey 2020

Wo informieren sich Menschen über aktuelle Nachrichten im digitalen Zeitalter? Und welchen Quellen vertrauen sie? Diese Fragen stellt der Reuters Institute Digital News Survey jährlich, und er zeigt, dass das Fernsehen zwar noch immer auf Platz eins der Nachrichtenquellen liegt, aber das Internet stetig an Bedeutung zunimmt. Die gute Nachricht ist: Der Großteil der Internetnutzer_innen in Deutschland interessiert sich nach wie vor für Nachrichten und nutzt diese auch regelmäßig. Der Wermutstropfen: die Anzahl derjenigen, die sich unsicher sind, ob sie den Nachrichten vertrauen können, steigt. Und nur wenige Onliner_innen haben Angst, etwas zu verpassen, wenn sie Nachrichten nicht nutzen. Besonders unter jungen Internetnutzer_innen ist die Überzeugung, dass unabhängiger Journalismus für das einwandfreie Funktionieren einer Gesellschaft wichtig ist, vergleichsweise gering ausgeprägt. Während fast 90 Prozent der über 55-Jährigen unabhängigen Journalismus für wichtig halten, sind es bei den 18- bis 24-Jährigen nur 56 Prozent. Insgesamt findet fast jede_r Neunte dieser Altersgruppe unabhängigen Journalismus unwichtig (11 %).

In Deutschland gibt es ein großes Interesse an Nachrichten
Immerhin: 94 Prozent der erwachsenen Onliner_innen behaupten, mindestens mehrmals pro Woche Nachrichten zu nutzen. Merklich gegenüber dem Vorjahr angestiegen sind die Anteile der interessierten 18- bis 24-Jährigen (50 %, +7 Prozentpunkte) und 25- bis 34-Jährigen (66 %, +9). Jeweils 70 Prozent der Erwachsenen schauen sich mindestens einmal pro Woche Nachrichten im Fernsehen an oder nutzen sie im Internet, 45 Prozent hören Nachrichten im Radio und ein Drittel liest Zeitung.

Fernsehen bleibt wichtigste Nachrichtenquelle
Das klassische Fernsehen ist weiterhin die mit Abstand am weitesten verbreitete Nachrichtenquelle mit leicht rückläufiger Tendenz (70 %; 2019: 72 %), und es ist für 42 Prozent der Onliner_innen auch die wichtigste Ressource. Aber das Internet als Hauptnachrichtenquelle ist mit 38 Prozent um zwei Prozentpunkte gestiegen. Unter den 18- bis 24-Jährigen nutzen inzwischen 82 Prozent das Internet, um sich über das Nachrichtengeschehen zu informieren; für 72 Prozent ist es auch die Hauptnachrichtenquelle.

Für Jüngere ist Social Media immer häufiger die wichtigste Nachrichtenquelle
Auffällig ist der Anstieg der Reichweite von sozialen Medien als Nachrichtenquelle. 2020 nutzen 37 Prozent der Befragten eine dieser Plattformen als Quelle für Nachrichten, 3 Prozent mehr als im Vorjahr. Bei den 18- bis-24-Jährigen informieren sich 2020 56 Prozent über Social Media, das entspricht einem Anstieg von sechs Prozentpunkten gegenüber 2019. Vier Prozent gaben an, Nachrichten ausschließlich über diese Plattformen zu erhalten, bei den 18- bis 24-jährigen sind es sogar 9 Prozent (vier Prozentpunkte mehr als 2019). WhatsApp, YouTube und Facebook sind die sozialen Medien, die unter erwachsenen Internetnutzer_innen in Deutschland am weitesten verbreitet sind und dementsprechend auch die Plattformen, auf denen anteilig die meisten mit Nachrichteninhalten in Kontakt kommen. 22 Prozent sehen im Jahr 2020 regelmäßig Nachrichten auf Facebook, 16 Prozent auf WhatsApp und 14 Prozent auf YouTube. Hier hat sich zahlenmäßig kaum etwas zum Vorjahr verschoben, bis auf die altermäßige Zusammensetzung. Denn Facebook verliert in allen Altersgruppen unter 45 Jahren Konsument_innen, unter den 18- bis 24-Jährigen sind es sogar minus sechs Prozentpunkte. In dieser Altersgruppe erreicht aber auch Instagram mit 20 Prozent eine geringere Reichweite für Nachrichten als im Vorjahr (2019: 23 %).

Alternative Medien bekannt, aber wenig genutzt
Sogenannte „alternative“ Medienangebote, also Angebote im Internet, die sich in Auswahl und Darstellung der Inhalte tendenziell eher an den Rändern des politischen Spektrums orientieren, sind bis zu 12 Prozent der Befragten über 18 Jahren bekannt. Regelmäßig genutzt werden sie aber von bis zu vier Prozent.

Vertrauen in die Medien weiter gespalten
45 Prozent vertrauen den Nachrichten in Deutschland. Das sind zwei Prozentpunkte weniger als im 2019. Diese leichten Rückgänge sind in den meisten Altersgruppen zu beobachten, am stärksten jedoch unter den 18- bis 24-Jährigen (2020: 31 %; 2019: 40 %). Es zeigt sich aber auch, dass der Anteil derjenigen, die den Nachrichten allgemein nicht vertrauen, im Jahr 2020 mit 23 Prozent nicht gewachsen ist. Diejenigen, die unsicher sind, ob man den Nachrichten vertrauen kann oder nicht, sind dagegen mit 32 Prozent etwas mehr geworden (2019: 29 %). Den Nachrichten, die die Befragten tatsächlich nutzen, vertrauen insgesamt 59 Prozent; 13 Prozent vertrauen ihnen nicht, und 28 Prozent sind unentschieden. In ihrer Tendenz ist diese Verteilung seit 2017 stabil. Bei den 18- bis 24-Jährigen hat das Vertrauen mit 48 Prozent im Jahr 2020 um 14 Prozentpunkte nachgelassen (2019: 62 %).
Nach wie vor ausgesprochen geringes Vertrauen haben Internetnutzer_innen in Nachrichten, denen sie in sozialen Medien begegnen. 14 Prozent geben an, sie vertrauen diesen, unentschieden sind 36 Prozent und 50 Prozent vertrauen ihnen nicht (50 %).

Unsicherheit über Fake News auf Facebook wächst
In Deutschland haben 37 Prozent der erwachsenen Onliner_innen Bedenken, eventuelle Falschmeldungen nicht von Fakten unterscheiden zu können, 22 Prozent machen sich darüber keine Sorgen und 42 Prozent sind unentschieden. In der Gesamtbetrachtung ähneln diese Zahlen denen des Vorjahres 2019. Deutliche Unterschiede lassen sich jedoch bei den 18- bis 24-Jährigen feststellen. Während 2019 noch 39 Prozent von ihnen sagten, sie haben Bedenken, den Unterschied nicht erkennen zu können, sind es im Jahr 2020 nur noch 28 Prozent. Insgesamt sind jüngere Altersgruppen tendenziell überzeugter davon, Fakten von Falschmeldungen unterscheiden zu können als ältere Nutzer_innen.
Falsche oder irreführende Informationen werden von den meisten auf Facebook erwartet, wobei jüngere Onliner_innen ihre Sorgen tendenziell eher auch auf Suchmaschinen und YouTube beziehen als ältere.

Wer teilt Nachrichten im Netz?
Nur elf Prozent teilen regelmäßig Nachrichtenbeiträge in sozialen Medien und ebenfalls nur zehn Prozent kommentieren sie dort. Das ist über die Jahre auf einem ähnlichen Niveau stabil und variiert auch nicht in den Altergruppen. Vielmehr zeigt sich erneut, dass Onliner_innen, die sich selbst im linken oder rechten Teil des politischen Spektrums verorten, anteilig eher Artikel teilen, kommentieren und liken als Nutzer_innen in der politischen Mitte.

Zahlungsbereitschaft steigt leicht, besondesr bei Jüngeren
Im Jahr 2020 geben zehn Prozent der Befragten an, in den vergangenen zwölf Monaten für Online-Nachrichten Geld bezahlt zu haben. Das sind immerhin 2 Prozent mehr als noch 2019. Und den Anstieg gibt es in allen Altersgruppen. Am größten fällt er in der Gruppe der 18- bis 24-Jährigen aus. Im Jahr 2020 gehören 16 Prozent dieser Altersgruppe zu den zahlenden Nutzer_innen, im Vorjahr 2019 waren es elf Prozent.

Jüngere suchen lokale Informationen online
Die in allen Altersgruppen am weitesten verbreitete Quelle für Informationen über das lokale Nachrichtengeschehen ist die Lokalzeitung. Insgesamt informieren sich 57 Prozent regelmäßig über deren online oder offline verbreiteten Beiträge. In der Gruppe der 18- bis 24-Jährigen sind es 40 Prozent und unter den über 55-Jährigen 65 Prozent. Tendenziell informieren sich ältere eher über Angebote des Lokalfernsehens und -radios als jüngere, während jüngere Onliner_innen anteilig eher auch lokale Gruppen, soziale Medien oder Online-Foren im Internet aufsuchen, um sich über Lokales zu informieren.

Klimawandel als Medienthema
Als Hauptquelle für Nachrichten zum Thema des Klimawandels betrachten die meisten erwachsenen Befragten (jede_r Dritte) das Fernsehen. Unter den 18- bis 24-Jährigen betrachten die meisten auf Klimafragen spezialisierte Quellen als wichtigste Ressource (18 %), während dem Fernsehen lediglich elf Prozent die meiste Aufmerksamkeit schenken. Die Informationsleistung der Nachrichtenmedien zum Klimawandel wird ambivalent eingeschätzt. Dies gilt sowohl für das Bereitstellen von Informationen als auch in Hinsicht auf die vorgestellten Handlungsoptionen. 42 Prozent der Befragten fühlen sich durch Nachrichtenmedien gut informiert und 36 Prozenten beurteilen ihre Hilfestellungen für das eigene Handeln ebenfalls als gut.

Geänderte Nachrichtennutzung unter COVID-19-Bedingungen
COVID-19 hat dazu geführt, dass sich alle befragten Altersgruppen in Deutschland häufiger über Nachrichtensendungen im linearen Fernsehen (72 %) sowie über etablierte Nachrichtenanbieter im Internet (50 %) und soziale Medien (39 %) informierten. Die am weitesten verbreiteten Quellen für aktuelle Nachrichten und Informationen über das Virus sind Nachrichtenorganisationen (47 %), Einzelpersonen aus Wissenschaft und Medizin (44 %) sowie die nationale Regierung (33 %). Knapp die Hälfte der Befragten (48 %) informierte sich über das Virus auch in sozialen Medien; in der Gruppe der 18- bis 24-Jährigen waren es 72 Prozent, vor allem auf YouTube und Instagram. Dabei werden Informationen von Expert_innen aus der Wissenschaft, der Medizin und anderen Gesundheitsbereichen zum Coronavirus insgesamt als am vertrauenswürdigsten eingestuft. Soziale Medien und Menschen, die man persönlich nicht kennt, gelten hingegen als kaum vertrauenswürdig.

Über die Studie
Seit 2012 untersucht der Reuters Institute Digital News Survey jährlich über Repräsentativbefragungen in mittlerweile 40 Ländern generelle Trends und nationale Besonderheiten der Nachrichtennutzung. Welche Arten von Nachrichten sind von Interesse; welche Geräte und Wege werden genutzt, um diese zu finden; welchen Anbietern wird vertraut und welche Standpunkte vertreten Menschen hinsichtlich der Finanzierung von Journalismus?

Die Studie 2020 wurde unter Koordination des in Oxford (UK) ansässigen Reuters Institute for the Study of Journalism zeitgleich in folgenden Ländern realisiert: Argentinien1, Australien, Belgien, Brasilien1, Bulgarien, Chile1, Dänemark, Deutschland, Finnland, Frankreich, Griechenland1, Großbritannien, Hongkong, Irland, Italien, Japan, Kanada, Kenia, Kroatien, Malaysia, Mexiko[1], Niederlande, Norwegen, Österreich, Philippinen, Polen, Portugal, Rumänien, Schweden, Schweiz, Singapur, Slowakei, Spanien, Südafrika1, Südkorea, Taiwan, Tschechien, Türkei1, Ungarn und in den USA. Pro Land wurden 2020 rund 2.000 Personen befragt. Insgesamt basiert die Studie in der achten Wiederholung auf 80.155 Befragten aus 40 Ländern auf sechs Kontinenten. Die Feldarbeit in allen Ländern wurde zwischen Mitte Januar und Ende Februar 2020 vom Umfrageinstitut YouGov durchgeführt.

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