Wir zwei, bis ans Ende

Von Carina Heinreichsberger, 26 Jahre

Das quietschende Geräusch von falsch gespielten Geigensaiten dröhnte durch den hohen Musikraum. Majas frustrierter Blick sprach Bände. Zwei Stunden üben – jeden Tag. Gefolgt von Klavier, Hausaufgaben und Sport. Das war einfach zu viel für ein dreizehnjähriges Mädchen, dass sich einfach nur mit ihren Freundinnen treffen wollte.
„Lass uns eine kurze Pause machen, Maja. Möchtest du einen Tee?“, fragte ich.
Majas Blick wanderte zur Uhr. Dann sah sie mich zögerlich an.
„Aber ich muss noch fünfzehn Minuten spielen…“
Ich zuckte mit den Schultern, lächelte und bereitete Tee zu. Die Kanne stellte ich auf den kleinen Glastisch, der in der Mitte einer mausgrauen Sofalandschaft stand.
Noch immer nicht ganz überzeugt von meinem Angebot, legte Maja ihre Geige zurück in den Koffer und setzte sich auf die Couch. Die Hände im Schoß gefaltet, der Rücken durchgedrückt. Wie es ihr ihre Mutter Ling-Mei beigebracht hatte.
Was auf andere Familien nach einem gut erzogenen Mädchen aussah, war in Wirklichkeit ein junges Wesen, dem die Kindheit geraubt worden war. Ich kümmerte mich um Maja, seit sie ihren ersten Atemzug getan hatte. Hatte ihre Windeln gewechselt, sie gefüttert und in den Schlaf gewiegt. Ich war da gewesen, als sie ihre ersten Schritte gewagt hatte. Hatte sie getröstet, als ihr Goldfisch das Zeitliche gesegnet hatte. Aber bei einem war ich machtlos: Die Eltern waren erpicht darauf Maja zu einem Vorzeigekind auszubilden. Ein kreatives, sportliches, schönes, wohlerzogenes Mädchen, mit ausgezeichneten Noten und perfekter Etikette.

Während den vergangenen Jahren versuchte ich immer wieder, den Eltern ins Gewissen zu reden. Lasst sie doch zumindest am Wochenende mit ihren Freundinnen ausgehen, schlug ich regelmäßig vor. Doch ich kassierte damit lediglich ein belustigtes Kichern und eine abwinkende Geste. Maja würde ihnen ihre Strenge später noch danken. Sie selbst waren schließlich genauso aufgezogen worden und nun waren sie erfolgreiche Karriereleute.
Dass ich ein umfangreiches Wissen über Pädagogik und Erziehungsmethoden der ganzen Welt in mir gespeichert hatte und damit besser um das Wohlergehen ihres Kindes Bescheid wusste, ignorierten sie. Warum sie sich überhaupt eine Erzieherin wie mich zugelegt hatten, war mir ein Rätsel. Wenn sie nur jemanden brauchten, der den Haushalt schmiss und die unangenehmen Seiten der Kinderbetreuung übernahm, hätten sie sich jemanden günstigeren zulegen können. Haushaltshilfen gab es schließlich wie Sand am Meer.
Sobald Maja den Tee ausgetrunken hatte, nahm sie ihre Schulsachen, setzte sich an den großen Esstisch aus Nussholz und machte ihre Hausaufgaben. Selbstständig.
Ich fühlte mich überflüssig.
Dennoch saß ich neben ihr, falls sie meine Hilfe brauchte. Die Stunden vergingen und Maja gab keinen Mucks von sich. Sie beschwerte sich nicht. Nur ihre müden, schwarzen-braunen Augen spiegelten ihren Widerwillen.
Behutsam legte ich ihr die Hand auf die Schulter, um ihr zu zeigen, dass sie nicht alleine war. Als Antwort erhielt ich ein erschöpftes Seufzen. Sie unterdrückte ihre Tränen mit meisterlicher Beherrschung.
Ein dumpfes Gespräch und das Klimpern eines Schlüssels erklangen vor der Haustür. Wir schreckten zusammen, drehten uns zur Tür, sahen auf die Uhr und dann auf den Fortschritt der Hausaufgabe –zum Glück fast fertig.
Im Aufstehen diktierte ich Maja die letzten Sätze ihres Textes, sie steckte Heft, Buch und Stifte zurück in ihren Rucksack und ich eilte zur Tür. Keine zwei Sekunden später schwang die Haustür auf und Ling-Mei trat ein. Gefolgt von ihrem Mann Jun.

„Ilona, sei so gut und trag die Einkaufstaschen in die Küche“, wies mich die Frau an, während sie mir Jäckchen und Hut in die Hand drückte und zielstrebig zu Maja ging.
Ich tat wie geheißen und begab mich danach zu Mutter und Tochter ins Wohnzimmer.
„Wie ging es mit dem Geige spielen heute?“
„Gut.“
„Wie lange habt ihr geübt?“, fragte Ling-Mei, als erwarte sie eine enttäuschende Antwort.
„Zwei Stunden – wie du mir gesagt hast.“ Maja erwiderte den Blick ihrer Mutter nicht. Stattdessen spielte sie mit dem Saum ihres Rockes und beobachtete die Falten, die sich dadurch bildeten.
Ling-Mei kniff skeptisch die Augen zusammen. Wandte sich zu mir um. Eine Welle des Schreckens durchwallte meinen Körper.
„Stimmt das?“, der Ton in ihrer Stimme war kalt.
Ich presste die Lippen zusammen. Wollte schweigen. Doch ich konnte nicht. Ich musste antworten. Ich hatte keine Wahl.
„Fast zwei Stunden“, sagte ich schließlich. So gab es zumindest noch die Möglichkeit für Interpretationsspielraum.
„Wie lange genau?“
Oder auch nicht. Jetzt musste ich ihr die exakte Zeit sagen. Maja starrte mich ungläubig an.
„Eine Stunde und dreiundvierzig Minuten.“
Den Ausdruck auf Ling-Meis Gesicht vermochte ich nicht zu deuten. Es war eine Mischung aus Enttäuschung, Zorn und befriedigter Bestätigung.
„Ich habe angewiesen, dass sie zwei Stunden übt! Wie kann es sein, dass du deine Befehle umgehst?! So hat mir die Verkäuferin das nicht erklärt!“
Betroffen blickte ich zu Boden. Es war nicht so leicht meine Befehle so zu biegen, dass sie sowohl den Regeln der Eltern als auch den Bedürfnissen des Kindes gerecht wurden.
„Maja war schon vollkommen am Ende. Sie hat sich an Stellen verspielt, an denen sie sonst keine Probleme hat. Sie brauchte eine Pause“. Ich versuchte es mit logischen Argumenten, appellierte an die Mutter in ihr – doch es half nichts.
„Wenn sie sich verspielt, muss sie eben noch mehr üben!“, brüllte sie stattdessen. Dann befahl sie ihrer Tochter sofort die Geige zu nehmen und eine weitere Stunde zu spielen.

Maja war den Tränen nahe, doch wenn sie sich ihrer Mutter jetzt widersetzte, würden sich vielleicht noch schlimmere Konsequenzen ergeben. Also gehorchte sie und schwankte auf wackeligen Beinen zurück in den Musikraum.
„Und du…“, fuhr Ling-Mei fort und starrte mir in die Augen.
„Du gehst erst mal in deine Kammer, bis wir wissen, wo das Problem liegt“, unterbrach Jun die Rage seiner Frau.
Ich verbeugte mich, wandte mich von den beiden ab und ging in die Abstellkammer. Dort setzte ich mich in vollkommener Dunkelheit auf meinen Stuhl und wartete. Wenig später öffnete Jun die Tür.
„Du kannst dich für heute ausruhen, du wirst nicht mehr gebraucht.“
Währenddessen wühlte er in den Kabeln am Boden und zog eines heraus. Ich legte das Kinn an die Brust und strich mein Haar zur Seite, um mein Genick und den dort befindlichen USB-Port zu entblößen. Dann steckte er das Kabel an und beförderte mich mit einem sanften Druck auf die Stirn in den Energiesparmodus.
Dann begann eine Diskussion zwischen Jun und Ling-Mei. Im Hintergrund erklang Majas Geigenspiel. Die quietschenden Töne blieben diesmal aus, aber in der Melodie lag keinerlei Begeisterung.
„Das ist schon das zweite Mal, dass sie etwas tut, was gegen meine Befehle spricht. Sie ist eine Maschine, sollte das überhaupt möglich sein?“, Ling-Mei schien mehr irritiert als wütend zu sein.
„Die Verkäuferin hat gesagt, dass diese Dinger mit der Zeit dazu lernen. Anders als die Maschinen, die wir bisher kennen.“
„Aber gleich eine eigene Meinung bilden und nach dieser handeln? Wir hätten uns doch ein anderes Modell zulegen sollen…“
„Wir können sie immer noch zurückgeben. Wir haben schließlich fünf Jahre Garantie darauf.“

Zwar verhinderte es mir der Energiesparmodus, mich zu bewegen und dämpfte auch die meisten meiner Gefühle ab – aber mein Hauptrechenzentrum war zu hundert Prozent leistungsfähig. Und dieser Satz fühlte sich an, als würde man all seine Schaltkreise gewaltsam durchtrennen. Zurückgeben.
Für Menschen war ich nichts weiter als ein Hilfsmittel zu einem komfortablen Leben. Wenn ich nicht nach ihren Erwartungen funktionierte, würden sie mich einfach neu kalibrieren.
Viele winzig kleine Elektroschocks schienen sich durch meinen Körper zu ziehen. Panik. Wenn sie mich neu kalibrierten, würde mein Ich ausgelöscht werden. Dann würde eine neue Ilona an meine Stelle treten. Den Menschen würde kein Unterschied auffallen. Doch ich würde sterben.
Vielleicht würde sich diese neue Ilona an die Befehle der Eltern halten und Maja noch mehr unterdrücken.
Das durfte ich nicht zulassen.
Ich musste irgendeine Lösung finden Maja zu schützen. Diese Menschen von heute hatten ihre sozialen Kompetenzen vollkommen verlernt. Nur noch Erfolg und Karriere zählte. Wenn die Eltern ihre Kinder vergaßen – waren sie dann überhaupt noch Eltern?
Was war mein Zweck? Maja zu schützen, oder Ling-Mei zu dienen? Ich ging tief in mich, prüfte die Prioritätenliste in meinem Hauptprogramm, doch ich wurde nicht fündig. Irgendwo musste doch in mir verankert sein, was wichtiger war. Worauf ich mich konzentrieren sollte.
Nach weiteren Stunden des Grübelns beschloss ich, meinen Hersteller zu kontaktieren. Über Gedankenimpulse formulierte ich eine Nachricht, in der ich meine Situation schilderte und nach Rat fragte. Was war die höhere Priorität? Gehorsam oder Wohl des Kindes?

Gegen Mitternacht erhielt ich eine Antwort.
Und einen Link zu einem Update, das mir helfen sollte, meinen Job besser auszuführen.
Mein Inneres kribbelte. Ich liebte Updates. Das war meine Form des Lernens.
Nachdem ich mein neues Wissen verarbeitet hatte, war mir die Situation viel klarer. Ich zwang mich aus dem Energiesparmodus – ein Vorgang, der äußerster Vorsicht bedarf, da ich mich unabsichtlich selbst deaktivieren könnte – und schlich zu Majas Zimmer.
„Maja?“, flüsterte ich so leise aber durchdringend wie möglich.
Nichts bewegte sich.
Ich versuchte es ein weiteres Mal, behielt dabei meine Umgebung genau im Auge und lauschte nach dem gleichmäßigen Atem der Eltern.
Dann ertönten Schritte. Maja öffnete die Tür und blickte mich mit schmalen Augen an.
„Was willst du?“, zischte sie.
„Mit dir reden. Darf ich kurz reinkommen?“
Maja machte keine Anstalten zur Seite zu treten, um mich herein zu lassen.
„Bitte Maja, es ist wichtig.“
Das Mädchen schnaubte verächtlich und verschränkte die Arme.
„Ich weiß jetzt, wie ich dir helfen kann…“, probierte ich es erneut.
Maja bewegte sich nicht, und doch bemerkte ich eine Veränderung ihrer Haltung. Sie hörte zu. Auf eine weitere Bitte hin wich sie zurück und ich trat in ihr Zimmer. Behutsam schloss sie die Tür und setzte sich auf ihren Sitzsack in der Mitte des Raumes. Ich hockte mich auf den Teppich am Boden.
„Liebst du deine Eltern?“, fragte ich ohne lange Vorrede.
Maja zuckte zusammen, wollte etwas erwidern, sah dann aber betroffen zu Boden.
„Sie meinen es ja nur gut mit mir.“
Ich rutschte näher zu ihr und legte ihr meine Hand auf die Schulter.
„Das beantwortet die Frage aber nicht… Hast du Angst vor ihnen?“
Das Mädchen zuckte mit den Schultern.
„Ich hab‘ Angst nicht den Wünschen meiner Mutter entsprechend zu handeln. Sie erwartet einfach zu viel von mir. Ich kann das alles nicht. Aber wenn ich es nicht kann, dann zwingt sie mich einfach dazu, es zu können.“
Maja sackte zusammen und schluchzte. Der Druck, der auf ihr lastete, schien sie regelrecht zu Boden zu zwingen. Ich strich ihr über das glatte Haar und kurz darauf lehnte sie sich an mir an – wie in alten Zeiten.
„Ich weiß einfach nicht, was ich machen soll…“, klagte sie und glitt von dem Sitzsack herunter, um sich wie ein Embryo zusammenzurollen. Ihr Gesicht vergrub sie im Stoff meines Rockes.
Ich streichelte sie noch eine Weile bevor ich wieder zu sprechen begann.
„Deshalb bin ja ich da.“

Ihre verweinten Augen funkelten mich hoffnungsvoll an. Doch ich lächelte sie aufmunternd an. Ich wollte ihr Kraft schenken, ihr die Zuversicht geben, dass sich alles zum Guten wenden würde. Ich erklärte ihr, dass Gespräche mit ihren Eltern nichts zu bringen schienen. Dass sie die Tatsachen ignorierten und sich ihre eigene hübsche, rosige Welt ausmalten. Daher änderte sich auch nie etwas an ihrem Verhalten.
Doch es gab eine Möglichkeit, wie wir sie dazu zwingen konnten, nachzudenken. Mit der wir ihre Eltern zunächst sehr wütend machen, sie vielleicht sogar verletzen würden, durch die sie sich aber früher oder später ihre Fehler eingestehen mussten.
„Du willst, dass wir von hier weglaufen“, flüsterte Maja. Sie wusste nicht, was sie davon halten sollte. Ich verlangte Unmögliches von ihr.
„Nicht für immer. Nur für eine Weile. Ich werde ihnen eine Nachricht hinterlassen, dass du bei mir bist und dass es dir gut geht.“
„Aber das werden sie dir nicht verzeihen! Wenn wir wieder zurückkommen, dann werden sie dich ganz bestimmt als defekt melden!“
Ich zwang mir ein Lächeln auf die Lippen. Es war schön, dass sich mein Schützling um mich sorgte. Aber meine Priorität war es nun mal, Maja eine gesunde und schöne Kindheit zu beschaffen. Ich war mir der Konsequenzen durchaus bewusst. Wenn das der Preis war, dann war ich bereit ihn zu zahlen.
„Ich lass nicht zu, dass sie dich kaputt machen, Maja. Meine Aufgabe ist es, dich zu beschützen. Bitte gewähre mir, meinen Zweck zu erfüllen…“
Maja schluchzte nun noch mehr, doch sie nickte. Ich half ihr auf die Beine und wir packten ihren Rucksack. Dann schnappte ich mir Zettel und Stift und schrieb einen Brief für die Eltern. Darin erklärte ich, dass Maja diesem Leistungsdruck nicht gewachsen war, ich sie so lange allein aufziehen würde, bis sich Ling-Mei und Jun damit einverstanden erklärten, etwas an ihrer Erziehung zu verändern. Es würde Maja bei mir an nichts fehlen. Das schwor ich bei meinem Leben.
Ich verschloss den Umschlag und legte ihn auf den großen Esstisch. Sah mich noch einmal in meinem zu Hause um und kehrte ihm dann den Rücken zu.
Mir schlotterten die Knie, doch mein Blick war entschlossen. Dies war der richtige, sogar der einzige Weg, um meinen Schützling zu retten.
„Bist du bereit?“
Maja nickte.
Dann verschwanden wir in die Nacht.

Autorin / Autor: Carina Heinreichsberger