"Das geht mir zu weit"

Forschung untersuchte, warum auch "grüne" Menschen Widerstand gegen Umweltpolitik empfinden können

Wie sieht das Leben aus, wenn Gesellschaften alle notwendigen Schritte für den Klimaschutz umgesetzt haben? Die gängigsten Visionen zeigen Vegetarier:innen, die Fahrrad fahren, autofreie Innenstädte und Menschen, die auf Flugreisen verzichten. Klingt das für euch toll oder eher abschreckend? Eine in Nature Sustainability veröffentlichte Studie kommt zu dem Schluss, dass Klimapolitik, die darauf abzielt, unseren Lebensstil zu verändern (z. B. durch Fahrverbote in Städten), die ökologischen Werte der Menschen auch schwächen und damit die Unterstützung für andere notwendige Umweltmaßnahmen untergraben könnte.

„Maßnahmen fördern nicht nur ein bestimmtes Zielverhalten. Wir haben festgestellt, dass sie auch die zugrunde liegenden Werte der Menschen verändern können: Dies kann zu unbeabsichtigten negativen Auswirkungen führen, aber möglicherweise auch umweltbewusste Werte fördern“, sagt Katrin Schmelz, Postdoktorandin am Santa Fe Institute (SFI) Complexity Center und Hauptautorin der Studie.

Die Verhaltensökonomin und Psychologin befragte zusammen mit SFI-Professor und Ökonom Sam Bowles mehr als 3.000 Deutsche, die repräsentativ für die Bevölkerungsstruktur des Landes sind, zu Klimapolitik und, zum Vergleich, zu COVID-19-Maßnahmen.

Die Umfrage ergab, dass gut gemeinte, aber schlecht konzipierte Vorschriften selbst „grüne“ Bürger:innen abschrecken können. Beschränkungen, die ein klimaneutrales Verhalten fördern, wie z. B. städtische Autoverbote, können auch starke negative Reaktionen hervorrufen – selbst bei Menschen, die sich freiwillig für einen nachhaltigen Lebensstil entscheiden würden.

Diese Aushöhlung bestehender Werte ist ein klares Beispiel für das, was in der Psychologie und Ökonomie als „Verdrängungseffekt” bekannt ist. Die Abneigung gegen Kontrolle „verdrängt” die Motivation einer Person, einen grünen Lebensstil zu verfolgen – zum Beispiel mit dem Fahrrad zu fahren, zu Fuß zu gehen und öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen oder sparsamer zu heizen. „Diese Verdrängungseffekte sind so groß, dass sich die Politik Sorgen machen sollte”, sagt Bowles.

Eine weitere wichtige Erkenntnis, die die Autor:innen überraschte, war die um 52 % stärkere negative Reaktion auf Klimavorschriften als auf COVID-19-Vorschriften. „Wir haben in den USA und anderen Ländern während der COVID-19-Pandemie eine unglaubliche Feindseligkeit gegenüber Kontrollen beobachtet, die die Umsetzung dringend benötigter öffentlicher Maßnahmen behindert hat. Es sieht so aus, als könnte die Lage beim Klimaschutz noch viel schlimmer sein“, sagt Bowles. „Die Wissenschaft und Technologie für einen kohlenstoffarmen Lebensstil sind fast ausgereift. Was noch hinterherhinkt, ist eine Sozial- und Verhaltenswissenschaft für wirksame und politisch umsetzbare Klimapolitik.“

Die von Schmelz und Bowles begonnene Forschung findet bereits Anwendung. Im April letzten Jahres trafen sich Politikexpert:innen und Forscher:innen aus verschiedenen Disziplinen am SFI, um die vorläufigen Ergebnisse der Studie zu diskutieren und Ideen für die Gestaltung einer Politik zu sammeln, die grüne Werte fördern kann.

Die Studie zeigt, dass es aber Grund zum Optimismus gibt: „Wir haben drei Bedingungen gefunden, die den Widerstand gegen Vorschriften minimieren und grüne Werte sogar fördern, anstatt sie zu verdrängen“, sagt Schmelz. „Die Menschen sind offener für Maßnahmen, die sie für wirksam halten (bei der Reduzierung der CO2-Emissionen) und die sie nicht als Eingriff in ihre Privatsphäre empfinden. Die Menschen reagieren auch viel positiver, wenn sie nicht das Gefühl haben, dass eine Maßnahme ihre Freiheit einschränkt – so gibt es in Deutschland weniger Widerstand gegen Beschränkungen für Kurzstreckenflüge als gegen andere Maßnahmen, was möglicherweise daran liegt, dass das europäische Eisenbahnnetz eine adäquate Alternative bietet (was beispielsweise in den USA nicht der Fall ist).“

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Autorin / Autor: Redaktion / Pressemitteilung - Stand: 12. Januar 2026