Wer ich bin? Frag mein Smartphone!

Die tägliche Nutzung des Smartphones hinterlässt massenhaft digitale Spuren, mit denen Rückschlüsse auf die Persönlichkeit möglich sind. LMU-Psychologen erforschten ihre Aussagekraft

Ohne das Smartphone gehen wir fast nirgendwo mehr hin, es begleitet uns rund um die Uhr und die Apps, die darauf installiert sind, sehen ganz schön viel von dem, wie wir so leben. Kein Wunder, dass die digitalen Spuren, die wir darauf hinterlassen, nicht nur für die großen amerikanischen IT-Firmen, etwa zu Werbezwecken, sehr begehrt sind. Auch für die Wissenschaft könnten sie sehr nützlich sein. So nutzen Sozialwissenschaftler_innen beispielsweise die Daten, um mehr über die Persönlichkeit und das soziale Verhalten von Menschen herauszufinden. In einer aktuellen Studie überprüfte ein Team um den LMU-Psychologen Markus Bühner die Frage, ob sich bereits aus gängigen Verhaltensdaten von Smartphones wie Nutzungszeiten oder –häufigkeiten Hinweise auf die Persönlichkeit der Nutzer_innen ergeben.

Eine App, die das Verhalten trackt
Im Rahmen des PhoneStudy-Projekts baten die LMU-Forscher_innen insgesamt 624 Freiwillige zunächst einen umfangreichen Persönlichkeitsfragebogen auszufüllen und danach die an der LMU entwickelte PhoneStudy-Forschungsapp für 30 Tage auf ihren Smartphones zu installieren. Die App schickte Informationen zum Verhalten der Versuchsteilnehmer_innen verschlüsselt an die Server. Im Fokus standen dabei vor allem Daten zu Kommunikations- und Sozialverhalten, Musikkonsum, App-Nutzung, Mobilität, allgemeine Telefonaktivität und Tag- und Nachtaktivität. Sowohl die Daten des Persönlichkeitsfragebogens als auch die vom Smartphone speisten die Wissenschaftler_innen dann in einen maschinellen Lernalgorithmus ein. Dieser Algorithmus wurde anschließend trainiert, um Muster in den Verhaltensdaten zu erkennen und diese dann mit Werten im Persönlichkeitsfragebogen in Verbindung zu bringen. Ganz so einfach gestaltete sich dieser Vorgang allerdings nicht, denn „der schwierigste Teil war die Vorverarbeitung der enormen Datenmengen und das 'Trainieren' der Algorithmen“, so die Forscher. „Hierzu mussten wir auf den LRZ-Hochleistungsrechencluster in Garching zugreifen, um diese Berechnungen überhaupt möglich zu machen.“

Die "Big Five"
Die Forschenden konzentrierten sich bei der Studie auf die fünf wichtigsten Persönlichkeitsmerkmale in der Psychologie, die sogenannten Big Five. Die Big Five beschreiben Unterschiede in der menschlichen Persönlichkeit in einer sehr globalen Art und Weise. Sie umfassen Eigenschaften wie Offenheit (wie aufgeschlossen gegenüber neuen Ideen, Erfahrungen und Werten beschreibt sich eine Person), Gewissenhaftigkeit (wie zuverlässig, pünktlich, ehrgeizig, und organisiert schätze ich mich ein), Extraversion (gibt Hinweise, wie gesellig, durchsetzungsfähig, abenteuerlustig, fröhlich sich jemand beschreibt), Verträglichkeit (wie angenehm, zuvorkommend, unterstützend und hilfsbereit stellt sich eine Person dar) und Emotionale Stabilität (wie selbstsicher, selbstbeherrschend und unbekümmert schätzt sich jemand ein).

Und was sagen die Daten aus dem Smartphone?
Ein wenig erschreckend ist das Ergebnis schon, denn der Algorithmus konnte hier tatsächlich automatisiert aus der Kombination der Verhaltensdaten von der Smartphone-App Rückschlüsse auf die meisten Persönlichkeitsmerkmale der Nutzer_innen ziehen. Die Ergebnisse gaben zudem Hinweise darauf, welche digitalen Verhaltensweisen informativ für bestimmte Selbsteinschätzungen der Persönlichkeit sind. Das Kommunikations- und Sozialverhalten auf dem Smartphone gab zum Beispiel wichtige Hinweise, wie extravertiert sich jemand einschätzt, Informationen zum Tag-Nacht-Rhythmus der Nutzer_innen waren besonders aussagekräftig hinsichtlich der selbsteingeschätzten Gewissenhaftigkeit. Die Eigenschaft Offenheit konnte dagegen nur durch eine Vielzahl sehr unterschiedlicher Verhaltensdaten vorhergesagt werden.

Stimmt deine Selbstbeschreibung?
Für Forscher_innen sind die Ergebnisse von großem Wert, vor allem weil in der Psychologie bislang Persönlichkeitsdiagnostik fast ausschließlich auf Selbstbeschreibungen beruht. Diese sind zwar für die Vorhersage von beispielsweise beruflichem Erfolg nützlich. „Dennoch wissen wir gleichzeitig sehr wenig darüber, wie sich Menschen tatsächlich im alltäglichen Leben verhalten – außer das, was sie uns im Fragebogen mitteilen möchten“, sagt Markus Bühner, einer der beteiligten Forscher. „Smartphones bieten sich durch ihre Allgegenwärtigkeit, ihre Verbreitung und ihre enorme technische Leistungsfähigkeit als ideale Forschungsgeräte an, um die Selbstschreibungen mit realem Verhalten übereinstimmen.“

"Wir dürfen maschinelle Lernmethoden nicht unreflektiert nutzen"
Dass diese Forschung auch Begehrlichkeiten bei den großen IT-Firmen wecken könnte, ist den Wissenschaftler_innen durchaus bewusst. Neben Datenschutz und Schutz der Privatsphäre müsse man daran arbeiten, das Thema künstliche Intelligenz ganzheitlicher zu betrachten, so Stachl. „Der Mensch und nicht die Maschine muss im Mittelpunkt der Forschung stehen. Wir dürfen maschinelle Lernmethoden nicht unreflektiert nutzen.“ Das Potenzial möglicher Anwendungen sei enorm, sowohl in der Wissenschaft wie auch in der Wirtschaft. „Die heutigen Möglichkeiten einer datengetriebenen Gesellschaft können zweifellos das Leben für viele Menschen verbessern, wir müssen aber auch sicherstellen, dass alle Teilnehmer der Gesellschaft von diesen Entwicklungen profitieren können.“

Es lohnt sich aber auch schon jetzt, darauf zu achten, welche App auf meinem Smartphone allzu viele Daten von mir sammelt. Wie ihr das überprüfen könnt und einer App auch bestimmte Berechtigungen verweigern könnt, findet ihr in dem Artikel der Verbraucherzentrale "Apps und Datenschutz". (Link unten)

Die Studie wurde im Fachmagazin PNAS veröffentlicht.

Wer sammelt hier was?

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Autorin / Autor: Redaktion/ Pressemitteilung