Von Kartoffeln und Datenschutz

Karla hat sich durch verschiedene Videokonferenzprogramme durchgeklickt und schildert ihre Erfahrungen

Die meisten von uns haben in den letzten Monaten vermutlich so viel gechattet und telefoniert, wie noch nie. Und besonders Videokonferenzen mit mehreren Freund_innen oder Kolleg_innen gleichzeitig stehen aktuell hoch im Kurs.
Ob privat, für die Uni oder die Arbeit, immer wieder ertappe ich mich dabei, wie ich ein "Kannst du das noch einmal wiederholen?", in meinen Laptop hineinspreche. Während der Wochen und Monate, in denen man so wenig raus sollte, wie nur möglich, hat es einfach echt gut getan, dann und wann die Gesichter von Menschen zu sehen, mit denen man nicht zusammen wohnt. Und auch wenn jetzt schrittweise die Maßnahmen aufgehoben werden, finden viele Dinge immer noch hauptsächlich über das Internet statt.

Videokonferenz statt Telefonat
Mal taucht die Freundin vor einem alten Kinderfoto auf, mal ist der Hintergrund weichgezeichnet, und immer mal wieder hängt das Bild, weil mit der Internetverbindung doch irgendwas nicht klappt, man hört sich selbst mit Hall oder bei jemand anderem ist plötzlich der Ton weg. Und dennoch sind wir alle verrückt danach, nicht nur die Stimme der anderen zu hören, sondern auch das passende Gesicht dazu zu sehen. 
Auch wenn ab und an die Frage aufploppt, wie sicher die eigenen Daten dabei eigentlich sind. Bleibt das, was ich mit Freund_innen austausche wirklich unter uns? Kann noch jemand zuhören, wenn ich mit meiner Familie ein Online-Brettspiel spiele, oder sitzen ein paar stumme Zuhörer_innen im Seminar? Meist unterdrücke ich diese Gedanken recht schnell wieder. Wirklich etwas ändern kann man daran gerade schließlich nichts. Und ganz auf die Videotelefonate verzichten mag ich auch nicht.
In den letzten Wochen habe ich mich durch den einen oder anderen Messengerdienst probiert und teile hier meine (subjektiven) Einschätzungen und ein paar geteste Apps mit euch. :-)

Skype

Den Anbieter Skype kennen und nutzen viele schon seit Jahren. Über die Plattform haben wir früher in der Schule kommuniziert, wenn wir Gruppenreferate vorbereiten sollten, aus dem Ausland mit der Familie telefoniert und in Fernbeziehungen die eine oder andere Träne verdrückten.
Da sich mein Skype-Telefonbuch nach Jahren der Vernachlässigung etwas ausgedünnt hat und ich in den letzten zehn Jahren auch ein, zwei neue Leute kennengelernt habe, musste ich viele Personen neu suchen. Dafür kann man den Skypenamen oder die Emailadresse eingeben und dann hoffen, dass die besagte Person ein einigermaßen erkennbares Profilbild eingestellt hat. Denn oft finden sich mehrere Profile unter dem gleichen Namen. Ich will nicht wissen, wie vielen Leuten ich schon aus Versehen eine "Freundschaftsanfrage" geschickt habe. Geskypt habe ich bisher aber immer mit Menschen, die ich schon kannte. ;-)
Für Gespräche mit der Chefin, dem Dozenten oder für virtuelle Dates bietet es sich an, den Hintergrund weichzuzeichnen. So sieht niemand das Chaos oder ganz private Einzelheiten im Bücherregal.
Bisher hat Skype bei mir recht gut funktioniert. Auch mit mehreren Menschen bleibt die Verbindung stabil und es gibt nur selten Hall. Ab und zu gibt es ein Rauschen oder eine Rückkopplung mit einem Gerät, aber das hängt scheinbar eher an den Computern oder (nicht) genutzten Headsets.

Skype erlaubt es einem, entweder in der Rasteransicht zu kommunizieren, bei der man bis zu vier Parteien gleichzeitig sieht (der Rest erscheint in kleinen Kreisen neben dem eigenen Bild), oder eine Sprecher_inneneinstellung zu wählen, bei der das Programm immer die Person groß zieht, die gerade spricht. Entscheidet man sich für die Rasteransicht, finde ich es schön, dann und wann durchzurotieren, um alle mal zu Gesicht zu bekommen.
Einige Nutzer_innen schaffen es, bei Skype alternative Hintergründe einzustellen - ich bin an dem Versuch bisher kläglich gescheitert und präsentiere meist stolz das Chaos in meiner Wohnung.

Auch gemeinsame Aktivitäten lassen sich über Skype organisieren. Will man beispielsweise ein Kahoot Quizz mit Freund_innen veranstalten, kann man den eigenen Bildschirm, auf dem Fragen und Antwortmöglichkeiten prangen, mit den anderen Teilnehmenden teilen. Der Rest muss dann nur noch einen Tab mit dem zugeschickten Link öffnen, über den sie sich dann an den Antworten versuchen. Und auch Geburtstagsständchen über Skype machen sich hervorragend und lassen sich für den späteren erneuten Hörgenuss sogar aufzeichnen. ;-)
Generell darf man aber nicht denken, unbedacht Videos aufzeichnen zu können oder Schnappschüsse zu machen. Zumindest diejenigen, die die eingebaute Funktion in der App dafür nutzen, schicken das Foto auch direkt an alle Teilnehmer_innen der Konferenz.
Man kann das Programm meines Wissens sowohl über den Computer als auch über das Handy nutzen, in beiden Fällen muss Skype heruntergeladen werden, und man muss einen Account anlegen. Anscheinend ist es auch möglich, Skype über Alexa Produkte zu verwenden, in der Versuchung war ich allerdings noch nie.

Zoom

Für viele vermutlich etwas neuer, aber in letzter Zeit rasant gewachsen und von allen möglichen Unternehmen, Unis und Schulen genutzt, ist Zoom. Auch dieser Dienst ermöglicht es einem, per Videoanruf mit vielen Menschen gleichzeitig zu sprechen. Das Programm wurde ursprünglich für Webkonferenzen von Unternehmen entwickelt, wird inzwischen aber auch von immer mehr Freundesgruppen genutzt, um in Kontakt zu bleiben, da es sehr einfach zu bedienen ist. Außerdem findet es derzeit einen reißenden Absatz bei Unternehmen, Schulen und Unis, die Webinare oder Online-Seminare veranstalten, da der Videodienst auch bei an die Hundert Menschen recht stabil ist und man so unkompliziert Inhalte rüberbringen und sich austauschen kann.
Gerade für Seminare und Webinare (wie zum Beispiel das Ausgepackt-Webinar von LizzyNet) eignet sich Zoom hervorragend, da die Verbindung auch bei mehr als 80 Teilnehmer_innen überwiegend stabil bleibt.

Außerdem bietet Zoom ein paar spaßige Zusätze an. Man kann beispielsweise einen „AR-Filter“ (Augmented Reality Filter) über das eigene Gesicht legen, sodass die anderen Nutzer_innen im Chat nur noch eine Kartoffel mit Mund und Augen sehen, oder (ähnlich wie bei Skype) den eigenen Hintergrund verändern. Für viele attraktiv ist auch, dass man für Zoom nicht unbedingt ein Konto braucht, um mit anderen in Kontakt zu treten. Also einfach telefonieren, Freund_innen zumindest auf dem Bildschirm sehen und sich dann und wann in Gemüse verwandeln, ohne ein Abo abzuschließen oder irgendwo Nutzerdaten zu hinterlassen? Scheinbar nicht ganz.
Den Bogen, wie ich mich erfolgreich über den Browser anmelde, habe ich noch nicht ganz raus. Wenn es überraschend mal klappt, hapert es mit dem Ton, sodass ich über kurz oder lang doch wieder auf die App zurückgreife. Und auch im Browser wird mein Name scheinbar gespeichert, denn ich musste ihn nur einmal eingeben, ganz ohne (zwischen-)gespeicherte Daten scheint dieser Dienst also auch nicht auszukommen.

Das Unternehmen selbst versichert, keinerlei Daten weiterzuverkaufen und Gespräche nicht aufzuzeichnen - außer die Nutzer_innen "wünschen" sich eben das.
Wer ein Gespräch später noch einmal sehen will, der kann die Unterhaltung (ähnlich wie bei Skype) aufzeichnen. Und wer später nochmal Liebesschwüre, wichtige Fragen mit passenden Antworten und hilfreiche Apps speichern will, die über den Chat geschickt werden, die oder der sollte sich besagten Chat am Ende einer Sitzung herunterladen. VORSICHT! Einfach so sollte man weder Unterhaltungen mit Freund_innen noch Seminare aufzeichnen. Das ist nicht nur fies, sondern auch nicht legal. Daher vorher immer fragen, ob das in Ordnung ist.
Der Messengerdienst stand zuletzt in der Kritik, da einige Datenlecks entdeckt wurden. Das ist bei einem Unternehmen, dass so plötzlich und rasant wächst vermutlich auch nicht weiter verwunderlich, und die Plattform arbeitet beständig daran, gefundene Lücken zu schließen.

Jitsi

Man könnte sagen, dass Jitsi so etwas wie der Underdog der Messengerdienste ist. Denn die Plattform hat nicht nur ihre kleinen Macken, sondern ist auch noch ein Open Source Programm. Das heißt, dass der Quelltext offen ist und eingesehen und geändert werden kann. Dadurch besteht eine permanente (mögliche) Kontrolle durch andere, und es können wenig geheime Funktionen eingebaut werden, die uns beispielsweise unsere Daten aus der Tasche ziehen.

Das klingt erst einmal ziemlich toll und tatsächlich kann man über Jitsi entspannt ein paar Runden Codenames oder Skribbl mit der Familie spielen, mit Freund_innen virtuell anstoßen oder mit Arbeitskolleg_innen quatschen.
Dafür ist allerdings ein wenig Planung gefragt. So muss man beispielsweie im richtigen Browser sein - wer schonmal versucht hat, Jitsi über Firefox oder Internet Explorer zu öffnen, weiß wovon ich rede. Der einzige Webbrowser, über den das Programm einigermaßen stabil läuft, scheint Chrome (oder bei Linux Chromium) zu sein. Warum genau das so ist, kann ich nicht sagen.
Für eine Verbindung zwischen mehr als einem Dutzend Leute ist Jitsi zu instabil, das Programm ist eher für kleinere Gruppen geeignet, und auch da muss man damit rechnen, dann und wann nichts zu verstehen.
Auch dieses Programm bietet einen verschwommenen Hintergrund an, der allerdings noch in den Kinderschuhen steckt und der eher eine Art Stakato-Filter zu sein scheint, da man auf einmal sehr abgehackt über den Bildschirm flimmert.

Und jetzt?
Einen klaren Messenger-Favoriten habe ich nicht. Für ein schnelles Update oder aus einer Laune heraus, sind die Videofunktionen über das Handy, wie Whatsapp oder Telegram nicht schlecht, will man sich länger unterhalten, kann es nerven, da immer nur der Ton einer Person durchgelassen wird und das Handy permanent vors Gesicht gehalten werden muss. Datenschutztechnisch scheint mir Jitsi am besten, allerdings ruckelt das Programm an einigen Ecken und Enden ganz schön, und mit der ganzen Aufmerksamkeit, die derzeit auf den anderen Diensten liegt, glaube ich daran, dass mögliche Datenschutzschwachstellen dort zeitnah ausgebügelt werden. :-)
Das alles ist natürlich kein Ersatz für einen gemeinsamen Abend im Restaurant, einen Spieleabend mit der Familie oder ein "offline-Seminar" in der Uni. Die Zeit überbrücken, bis all diese Aktivitäten wieder möglich sind, kann man so aber allemal.

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Autorin / Autor: Karla Groth