Virtuelle Spinnen gegen Phobie

Forschung: Wie VR-Anwendungen helfen sollen, die Angst vor den Achtbeinern zu überwinden.

© Fraunhofer IBMT, Bernd Müller Mithilfe einer digitalen Therapieumgebung, die in einer Datenbrille realisiert ist, wird die Konfrontationstherapie in die virtuelle Realität verlagert.

Jedes kleine Kind weiß, dass Spinnen hierzulande für den Menschen absolut ungefährlich sind. Und dass sie nützlich sind, weiß auch jeder. Trotzdem geraten viele Menschen beim Anblick der Achtbeiner in Panik. Ihr Körper reagiert mit Herzklopfen, Zittern, Schwindel, Schweißausbrüchen oder Atemnot. Manchmal ist der Leidensdruck so groß, die Angst so übermächtig, dass Betroffene sich in Therapie begeben müssen.
Aber wie wird man die Spinnenphobie wieder los? In der Therapie setzt man vor allem auf verhaltenstherapeutische Ansätze, vor allem die Expositionstherapie, bei Patient_innen real mit einer oder mehreren Spinnen konfrontiert werden, gilt als hochwirksam.
Aber wer an Spinnenangst leidet, hat so viel Angst vor der Begegnung mit den Achtbeinern, dass er wohl kaum freiwillig eine solche Therapie in Anspruch nimmt. Zudem gibt es nicht allzuviele solche Therapieangebote.

Konfrontationstherapie in der virtuellen Realität
Im Projekt »DigiPhobie« wollen Forscherinnen und Forscher des Fraunhofer-Instituts für Biomedizinische Technik IBMT gemeinsam mit der Promotion Software GmbH, der Universität des Saarlandes und dem Universitätsklinikum des Saarlandes diesen Problemen entgegenwirken. Sie entwickeln ein neuartiges, digitales Therapiesystem, das die Expositionstherapie in der häuslichen Umgebung ermöglichen soll. Die Konfrontation mit dem angstauslösenden Objekt in der virtuellen Realität soll es den Patient_innen erleichtern, sich ihren Ängsten zu stellen und soll die Hemmschwelle senken, eine Behandlung zu beginnen. Das System setzt sich aus einer digitalen Therapieumgebung, tragbaren Sensoren und einer Datenbrille, genauer gesagt einer Augmented Reality-Brille (AR), zusammen.

Einfangen der Spinne mit einem virtuellen Glas
»Wir übertragen die echte Konfrontationstherapie in das digitale Spielesystem, das auf der Datenbrille läuft. Alle Übungen werden digital abgebildet. Der Phobiker kann die verschiedenen Aufgaben wie das Einfangen einer Spinne mit einem Glas und einer Postkarte oder das Anstupsen des Krabbeltiers in der virtuellen Realität lösen«, beschreibt Dr. Frank Ihmig, Wissenschaftler am Fraunhofer IBMT, den therapeutischen Ansatz. Ihmig und sein Team realisieren die Software zum Therapiemanagement sowie die Biofeedback-Steuerung. Diese besteht aus tragbaren Sensoren, die während einer Sitzung die Vitalparameter des Patienten wie Herzratenvariabilität, Hautleitfähigkeit und Atemfrequenz messen.

Physiologische Angstreaktion mit maschinellem Lernalgorithmus berechnen
An den Messergebnissen lässt sich die Intensität der Angst ermitteln, die dann an den Lernalgorithmus zurückgespielt werden kann. So kann die Therapie individuell an die Bedürfnisse der Betroffenen angepasst werden und die Größe, Anzahl und Abstand, aber auch das Bewegungsverhalten der Spinnen individuell angepasst werden.

Bevor ihr in den Genuss dieser virtuellen Therapie kommen könnt, muss das Verfahren erst auf seine Wirksamkeit untersucht werden. Ähnliche Ansätze mit Virtual Reality-Brillen (VR) haben aber schon gezeigt, dass sich mit dieser Form der Therapie gute Erfolge erzielen lassen. Die Analyseergebnisse sollen den Grundstein für weitere Behandlungskonzepte legen. Denkbar ist es beispielsweise, die Therapie auf andere Phobien wie die Angst vor Schlangen oder Kakerlaken zu übertragen. »Wir hoffen, dass die Ergebnisse der klinischen Studie neue Perspektiven für die Therapie von Patienten eröffnen, die an spezifischen Phobien leiden«, so der Forscher.

Therapiekoffer für die Anwendung zu Hause
Die Ergebnisse stellen darüber hinaus die Basis für die Entwicklung eines Systemkoffers dar, der das komplette Therapieset enthält. »Langfristiges Ziel ist es, dass der Patient den Koffer in Arztpraxen oder Sanitätshäusern ausleihen und einzelne Sitzungen und Übungen zu Hause durchführen kann«, sagt Ihmig.

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung BMBF fördert das Projekt »DigiPhobie«, das von 2017 bis Ende 2019 läuft, im Rahmen der Fördermaßnahme »Medizintechnische Lösungen für eine digitale Gesundheitsversorgung«.

Quelle:

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Autorin / Autor: Redaktion / Pressemitteilung - Stand: 31. Oktober 2018
 
 
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