Verdient oder unfair?
Studie: Materielle Ungleichheit wird weltweit unterschiedlich bewertet
Die einen erben einen Haufen Geld, die anderen haben sich ihr Vermögen hart erarbeitet, ein paar wenige Glückspilze gewinnen vielleicht im Lotto? Aktuell wird viel über Ungleichheit diskutiert und auch darüber, wie man Vermögen gerechter verteilen kann. Soll man Erben großer Vermögen Geld wegnehmen, denn sie haben es sich ja nicht selbst verdient? Ist es unfair, reich durch Glück zu sein?
Mit solchen Fragen beschäftigt sich die Wirtschaftswissenschaftlerin Ingvild Almås von der Universität Zürich. Sie möchte wissen, aus welchen Gründen Menschen auf der ganzen Welt bereit sind, Ungleichheit zu akzeptieren. Und unter welchen Bedingungen sie eine Umverteilung – etwa durch höhere Besteuerung von Reichen – befürworten.
«Ungleichheit ist ein wichtiges globales Thema. Eine entscheidende Frage ist, wie Ungleichheit in der Gesellschaft moralisch gerechtfertigt wird», sagt Almås. Ihre soeben publizierte Studie, gemeinsam durchgeführt mit norwegischen Kollegen, zeigt, dass es hier deutliche Unterschiede zwischen den Ländern gibt. «Menschen halten ein verschiedenes Ausmaß an Ungleichheit für akzeptabel und haben auch unterschiedliche Rechtfertigungen dafür.»
65.000 Menschen aus sechzig Ländern befragt
Die Untersuchung schloss insgesamt 65.000 Menschen aus sechzig Ländern ein und deckte somit achtzig Prozent der Weltbevölkerung ab. Die Versuchsteilnehmenden mussten zum Beispiel entscheiden, auf welcher Basis echte Mitarbeitende auf einer Online-Arbeitsmarkt-Plattform einen Bonus bekommen sollten − entsprechend ihrer Leistung oder durch eine zufällige Auslosung. Die Studie erfasste auch, inwieweit eine Umverteilung des Wohlstands befürwortet wird – etwa durch mehr Steuern für Wohlhabende oder andere politische Maßnahmen.
Einkommen durch Leistung gilt als fair
Die Auswertung zeigte, dass die Menschen es im Durchschnitt eher gerecht finden, wenn Wohlstand durch Leistung entsteht und nicht auf purem Zufall beruht.
Insbesondere in der Schweiz waren die Testpersonen dieser Meinung, aber auch in anderen "Ländern mit demokratischen politischen Systemen, die wohlhabend, gleichberechtigt und individualistisch sind" setzten die meisten auf dieses leistungsorientierte Verständnis von Fairness, sagt Almås.
Eine Umverteilung wird in diesen Ländern eher akzeptiert, wenn sie allein auf Glück beruht.
Höhere Akzeptanz von Glück in Asien
Die Meinung, dass Wohlstand ohne eigene Leistung eher unfair ist, teilen aber nicht alle Länder; hier gibt es auffällige Unterschiede: Eine große Akzeptanz von Glück fanden die Forschenden in nicht-westlichen Ländern wie China und Indien. Die dortige Bevölkerung war auch mehrheitlich dagegen, einen durch Zufall errungenen Wohlstand umzuverteilen. Einen Grund für diese Einstellung sieht Almås in kulturellen und anderen Faktoren - etwa religiösen Gründen.
Neue Basis für Ungleichheits-Forschung
Die Studie illustriert, dass es wichtig ist, menschliches Verhalten nicht nur in den sogenannten WEIRD-Ländern (westlich, gebildet, industrialisiert, reich und demokratisch) zu untersuchen. «Die Ergebnisse haben einen wichtigen Kontrast zwischen westlichen und nicht-westlichen Gesellschaften aufgedeckt», so Almås. Die Resultate helfen zu verstehen, wie Gesellschaften eine Ungleichheit moralisch rechtfertigen − und dies wiederum die Einstellung zu einer Umverteilung beeinflussen kann. Der Datensatz biete deshalb eine wertvolle Grundlage für zukünftige Forschung auf diesem Gebiet.
Wie gefällt dir der Artikel?
Autorin / Autor: Pressemitteilung / Redaktion; Bild: LizzyNet - Stand: 11. September 2026