Spannender oder genauer?
Forscherin untersuchte ein Dilemma der Wissenschaftskommunikation, das zu falschen Informationen führen kann
Um Menschen dazu zu bringen, sich für Wissenschaft zu interessieren, muss man sie spannend präsentieren. Doch was Inhalte spannend macht, geht oft auf Kosten der Genauigkeit und beeinflusst damit, was die Menschen lernen und was sie nur glauben, gelernt zu haben. Die Folge: Oft entsteht ein falscher Eindruck, selbst wenn das, was man gelesen hat, sachlich zwar richtig, aber unvollständig ist. Zu dieser Frage forschte die Verhaltensökonomin Marta Serra-Garcia, an der Rady School of Management der University of California in San Diego. Die Studie untersuchte, wie die Absicht, mehr Leser:innen zu gewinnen, die Darstellung wissenschaftlicher Informationen beeinflusst. Es geschieht nicht immer aus Böswilligkeit, dass Menschen desinformiert werden - manchmal reicht es auch einfach, Informationen wegzulassen. Genau das geschieht häufig bei gekürzten Studien-Zusammenfassungen, die ein breites Publikum erreichen sollen. Sie sind meist nicht unbedingt sachlich falsch, aber sie enthalten tendenziell weniger Informationen – insbesondere wichtige Details darüber, wie Studien durchgeführt wurden.
Es sei gut, Neugier zu wecken, aber man müsse aufpassen, denn Material, das in erster Linie Interesse wecken will, kann auch unbeabsichtigt Fehlinformationen begünstigen, so die Forscherin. Die Erkenntnis stammt aus einer groß angelegten, mehrstufigen experimentellen Studie, in der freiberufliche Autor:innen fast 600 Zusammenfassungen tatsächlicher wissenschaftlicher Forschungsergebnisse verfassten und anschließend mehr als 3.700 Teilnehmer:innen daraufhin getestet wurden, was sie daraus gelernt hatten.
Warum die Info „bei Mäusen“ wichtig ist
In einer im Experiment verwendeten Studie reduzierte ein Wirkstoff in Brokkoli das Wachstum von Krebszellen – bei Mäusen. Lässt man diese letzten beiden Wörter weg, kann das Ergebnis weitaus wichtiger für die menschliche Gesundheit klingen, als es tatsächlich ist, aber es klicken vielleicht weniger Leute auf so eine Meldung.
Zusammenfassungen, die darauf abzielten, Aufmerksamkeit zu erregen, waren kürzer, leichter zu lesen und ansprechender – enthielten jedoch weniger detaillierte Informationen, insbesondere zu Stichprobengrößen und Methoden.
Obwohl sie die Möglichkeit hatten, sich weiter zu informieren, taten dies nur die wenigsten. Diese Verhalten belegen auch Studien zur Nutzung sozialer Medien, die ergaben, dass die meisten Inhalte geteilt werden, ohne dass Nutzer:innen jemals darauf klicken, um mehr zu lesen.
Bei denjenigen, die sich in Serra-Garcias Studie allein auf die Zusammenfassungen verließen, sank der Wissensstand um etwa 6–7 Prozentpunkte. Die Leser:innen zogen zudem häufiger falsche Schlussfolgerungen – beispielsweise, dass die Ergebnisse auf Menschen übertragbar seien oder fundierte medizinische Empfehlungen widerspiegelten.
Ein Blick hinter die Kulissen der Experimente
Um diese Effekte isoliert zu untersuchen, führte Serra-Garcia eine mehrstufige experimentelle Studie durch. In der ersten Phase verfassten 149 freiberufliche Autoren fast 600 Zusammenfassungen derselben Studienreihe – zu Themen wie Krebs, Schlaf, Impfstoffe und Klima – unter unterschiedlichen Vorgaben: entweder, um die Leser:innen korrekt zu informieren, oder um Aufmerksamkeit zu erregen, indem sie zu Klicks oder Weiterverbreitungen anregten.
In der zweiten Phase lasen mehr als 3.700 Teilnehmer:innen diese Zusammenfassungen unter verschiedenen Bedingungen, unter anderem unter der Frage, ob sie für weitere Informationen weiterklicken konnten.
Die Ergebnisse waren über alle Experimente hinweg einheitlich: Aufmerksamkeitsorientierte Zusammenfassungen steigerten das Interesse und veranlassten nur einige Leser:innen, mehr zu erfahren, bei vielen anderen blieb jedoch nur ein unvollständiges Verständnis.
Das gleiche Muster zeigte sich übrigens auch dann, wenn eine KI das Schreiben übernahm. In weiteren Tests erzeugte ein großes Sprachmodell, das darauf programmiert war, Aufmerksamkeit zu erregen, ebenfalls weniger detaillierte Zusammenfassungen. Der Effekt hängt also weniger davon ab, wer den Inhalt erstellt. Für Serra-Garcia weisen die Ergebnisse auf eine anhaltende Herausforderung für Forscher:innen, Journalist:innen und Institutionen gleichermaßen hin. „Wie macht man Wissenschaft für Leser:innen interessant und wichtig“, sagte sie, „ohne dabei das Wesentliche auszulassen, das das Gesamtbild vermittelt?“
Quelle
Autorin / Autor: Redaktion / Pressemitteilung - Stand: 11. Mai 2026