Sehnsucht nach Tyrannen?

US-amerikanische Studie sieht Zusammenhang zwischen familiären Konfliktsituationen und späterem Anspruch an Führungspersonen

Viele Gesellschaften erleben momentan immense Spaltungen zwischen politischen Lagern und deren Führungspersönlichkeiten. Leider liegen autoritäre Politiker immer mehr im Trend, gewinnen - oft sogar nur ganz knapp - die Wahlen und tyrannisieren dann jahrelang ihr Land. Aber wie gelingt es solchen egoistisch, manipulativ und herrschsüchtig handelnden Führungskräften in diesen aufgeklärten Zeiten, in denen wir leben, eine so große Anhängerschaft zu gewinnen? Eine kürzlich erschienene Studie von Dayna Herbert Walker, Assistenzprofessorin für Management an der San Francisco State University, fand eine interessante Erklärung dafür und sieht eine Verbindung zwischen dem familiären Umfeld einer Person in ihrer Kindheit und den Führungspersönlichkeiten, von denen sie sich als Erwachsene angezogen fühlt."Wir erleben es immer wieder, dass unausstehliche Führungspersonen Erfolg haben, aber wir wissen nicht genau warum", sagte Herbert Walker. "Tyrannen, ob in der Vorstandsetage oder in der Politik, hätten nicht die Macht, die sie haben, wenn ihre Anhänger sie nicht unterstützen würden."

Welche Eigenschaften hat eine ideale Führungskraft?
Für die Studie wurden 130 Personen zu verschiedenen Zeitpunkten ihres Lebens befragt. Die Forscher_innen verglichen dazu Daten, die 1996 erhoben wurden, als die Teilnehmer_innen 17 Jahre alt waren, mit den Antworten, die sie zwanzig Jahre später auf die Frage gaben, welche Eigenschaften für sie ideale Führungsqualitäten seien. In der Umfrage von 1996 wurden die Teilnehmenden gefragt, in welcher Familiensituation sie sich befänden, z.B. ob die Menschen zu Hause ihre Stimme erhoben, sich gegenseitig kritisierten oder körperlich gewalttätig waren. Zwanzig Jahre später sollten die gleichen Personen auf einer Skala angeben, welche von zehn von den Forscher_innen als "tyrannisch" definierte Eigenschaften (herrschsüchtig, aufdringlich, dominant, manipulativ, machthungrig, eingebildet, laut, egoistisch, unausstehlich und fordernd) sie sich von einer einer "idealen Führungskraft" wünschen würden. Entscheidend war offenbar dabei, dass nach dem gewünschten Idealbild einer Führungsperson gefragt wurde und nicht nur nach allgemeinen Qualitäten, erklärt Herbert Walker.

Verbindung zwischen familiärem Umfeld und Ideal einer Führungskraft
Beim Vergleich der Daten aus den Jahren 2016 und 1996 fand das Forschungsteam eine starke positive Verbindung zwischen denjenigen, die zu Hause mit einem hohen Konfliktniveau aufgewachsen waren, und denjenigen, die sich eine Führungspersönlichkeit mit tyrannischen Eigenschaften herbeisehnten. Diejenigen, die ihre Kindheit und Jugend in einem konfliktbeladenen Umfeld verbracht hatten, bevorzugten mit 20% höherer Wahrscheinlichkeit ein autoritäres Führungsmodell.

Was lernen "Böse Bosse" daraus?
Für die Forschungsgruppe werfen die Ergebnisse ein neues Licht darauf, warum sich Menschen zu autoritären Persönlichkeiten hingezogen fühlen, trotz ihrer harten und oft unmenschlichen Eigenschaften. Laut Herbert Walker könnte aber auch eine andere Gruppe von den Ergebnissen profitieren: die "bösen Bosse", die fest daran glauben, dass Führungspersönlichkeiten anmaßend oder manipulativ sein müssten. "Zuallererst müsste man sie dazu bringen, das was sie tun zu hinterfragen", sagte sie. "Vielleicht verstehen sie dann, dass sie dieses Verhalten nur deshalb gut finden, weil ihr Vater so agiert hat und geschäftlich Erfolg hatte."

Die Forschung beschäftige sich meist mit den Eigenschaften der Führungspersönlichkeiten, um Erklärungen zu finden, aber sie sollte sich auch die Anhänger_innen solcher Figuren genauer anschauen, fordert die Wissenschaftlerin.

Die Studie erschien im Journal of Leadership & Organizational Studies.

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Autorin / Autor: Redaktion/ Pressemitteilung - Stand: 16. Juli 2020