Rob oder Bot?

Von David Rieger, 16 Jahre

Es war 7 Uhr morgens. Erste Sonnenstrahlen fielen auf ein unscheinbares Lagerhaus im Industriegebiet am Stadtrand. Doch dieser Frieden wurde durch eine plötzliche Explosion gestört, die einen Seiteneingang des Lagerhauses sprengte. Ein kleines Etwas raste mit einer unglaublichen Geschwindigkeit heraus und war im Nu verschwunden. Was es auch war, der darauffolgende Alarm und die herausstürmenden, schwer bewaffneten Männer waren zu spät, um es noch aufzuhalten.
Wenige Stunden später verließ ein unauffälliger Junge eine kleine Wohnung in einem Vorort am anderen Ende der Stadt. Er hatte strubbelige schwarze Haare, trug ein orangefarbenes T-Shirt und eine kurze braune Hose. Seufzend machte Tim sich auf den Weg zur Bushaltestelle. Während seine Freunde sich an diesem schönen Sommertag vermutlich zum Schwimmen verabredeten, sollte er Erledigungen für seine alleinerziehende Mutter machen. Sie musste mal wieder den ganzen Tag arbeiten, obwohl es Samstag war. Zum Glück war es nicht weit zur Innenstadt, so konnte er sich vielleicht später noch mit seinem besten Freund Max treffen. Der musste den ganzen Vormittag zu Hause bleiben, weil seine Eltern Besuch von wichtigen Geschäftsleuten hatten. Das war zugegebenermaßen noch langweiliger, als Einkäufe zu erledigen. Tims Laune wurde wieder etwas besser, als er in den Bus stieg.

Sie befanden sich in einem grauen, kahlen Raum.
„Weißt du, was Neurone sind?“
„Nicht wirklich.“
„Neurone sind Nervenzellen. Sie können Reize aufnehmen, sie zum Gehirn weiterleiten, Informationen verarbeiten, aber auch Informationen vom Gehirn beispielsweise zu Muskelzellen weiterleiten.
Sie haben verästelte Zellfortsätze in Form von sogenannten Dendriten und Axonen. Ein Axonende eines Neurons wird durch eine Synapse mit einem Dendriten eines anderen Neurons oder mit einer anderen Zelle, zum Beispiel einer Muskelzelle, verknüpft. So können Signale vermittelt werden. Das ist zwar stark vereinfacht, aber es sollte als Grundlage genügen, damit du alles grob verstehst.“
„Aber was hat das alles mit ihm zu tun?“


Er war inzwischen in der Innenstadt angekommen. Über seine beiden Kameras in Form von Augen nahm er überall Menschen und Strukturen war, die er als Häuser einspeicherte. Er bog in eine Seitengasse ein und sah zwei dunkel gekleidete Gestalten. Die eine hielt eine Tüte mit einer weißen Substanz in der Hand. Sie hielt kurz inne, dann übergab sie die Tüte an die andere Gestalt. Interessiert rollte er in ihre Richtung, als hinter ihm plötzlich eine Stimme murmelte: „Gib dich nicht mit solchen Leuten ab. Komm schnell mit, bevor sie uns entdecken!“ Die Stimme gehörte einem kleinen Menschen, der ihn nun aus der Gasse zog.
„Wer bist du denn?“, fragte Tim, ohne eine Antwort zu erwarten, „Ich heiße Tim.“ Er hatte den kleinen Roboter zufällig in die Seitengasse einbiegen sehen und schob ihn nun in die Fußgängerzone. Der Androide sah einem Menschen vom Bauch aufwärts recht ähnlich. Nur statt Beinen hatte er eine Kugel, die stetig rollte, wenn er sich vorwärtsbewegte. „Warum fährst du mitten in der Stadt herum?“, fragte der Junge und schaute sich ihn noch einmal genauer an. Vielleicht war der Name des Besitzers eingraviert. Fehlanzeige! „Komm, ich nehm dich mit zu mir!“

„Man spricht in den Neurowissenschaften von neuronalen Netzen, wenn eine Vielzahl von Neuronen miteinander verknüpft sind, die als Gesamtes eine bestimmte Funktion haben. Sie gelten in der Neuroinformatik und der Forschung zur künstlichen Intelligenz als Vorbild für künstliche neuronale Netze.“
„Und wie funktionieren die?“


Zu Hause angekommen, atmete Tim tief durch. Es war inzwischen Nachmittag. Auf der Rückfahrt im Bus hatte er viele Blicke auf sich gezogen, weil er mit einem Roboter unterwegs war, der fast so groß war wie er selbst. Eine Rentnerin hatte sogar gedroht, die Polizei zu rufen. Der Androide hatte aber keinerlei Reaktion gezeigt, sondern sich nur interessiert umgeschaut. Dann hatte Tim seinem besten Freund per Handy eine Nachricht geschrieben und ihm von dem Roboter erzählt. Max hatte geantwortet, dass Tim ihn unter allen Umständen in seiner Wohnung behalten und auf eine weitere Nachricht von ihm warten solle. Jetzt stand der Androide vor Tims Bücherregal, nahm ein Buch nach dem anderen heraus und blätterte darin herum. Tim wollte sich gerade umdrehen und sein Zimmer verlassen, als der Roboter plötzlich zu sprechen begann: „Ich bin Rob.“ Seine Stimme klang nicht metallisch und künstlich, sondern natürlich und weich.
Interessiert betrachtete ihn Tim: „Du kannst ja doch sprechen!“
„Ich brauche ein Wörterbuch.“
„Kannst du gerne haben!“ Tim ging ins Wohnzimmer und holte ein Wörterbuch.
„Weißt du, wer dein Besitzer ist?“, fragte er und drückte Rob das Buch in die Hand.
„Ich gehöre mir selbst.“
„Okay, aber woher kommst du?“
„Das weiß ich nicht.“

„Man hat eine Eingabeschicht aus einer Vielzahl von künstlichen Neuronen, die zum Beispiel die Pixel eines Bildes als Zahlenwerte aufnehmen. Die Werte durchlaufen eine Vielzahl an zwischengeschalteten versteckten Schichten aus lauter miteinander verknüpften Neuronen. Diese verändern die Zahlenwerte so, dass in der Ausgabeschicht ein Ergebnis ablesbar ist, auf das das neuronale Netz trainiert wurde. Es sagt uns zum Beispiel, dass das Bild eine Katze oder ein menschliches Gesicht zeigt.“
„Und wie trainiert man dieses Netz?“


Rob hatte Tims Keyboard entdeckt. Er tippte auf eine Taste, aber nichts passierte. „Wie funktioniert das?“, fragte er. „Warte, du musst es erst anschalten“, antwortete Tim und drückte auf den An-Knopf. Er setzte sich vor das Keyboard und fing an zu spielen. Der Roboter schaute interessiert zu. „Das war ein bekanntes Stück von Chopin, einem Künstler, der leider schon lange tot ist“, sagte Tim schließlich und stand auf. „Ich bin gleich wieder da. Du kannst gerne auch versuchen, was zu spielen.“ Während der Roboter nun an das Keyboard heranrollte, verließ Tim das Wohnzimmer und schaute auf sein Handy, Max hatte ihm noch nicht wieder geschrieben. Leise fluchend ging er ins Wohnzimmer zurück. Der Roboter spielte mittlerweile schon erste Akkorde, nur die Koordination seiner beiden Hände funktionierte noch nicht so gut. „Du lernst schnell“, sagte Tim beeindruckt. „Danke!“, antwortete Rob, doch seine Kameraaugen fingen an, unkontrolliert zu zucken. Das sah Tim aber nicht mehr, da er sich schon wieder umgedreht hatte und in Richtung seines Zimmers lief, um seinen PC hochzufahren. Er wollte endlich wissen, was es mit seinem metallenen Freund auf sich hatte!

„In unserem Fall trainiert es sich von selbst. Zum Beispiel gibt man 1000 Bilder vor und sagt dem neuronalen Netz bei jedem Bild, ob es sich um eine Katze oder ein Gesicht handelt. Wenn nach einem Durchlauf mit einem Trainingsbild ein falsches Ergebnis rauskommt, verändert sich das Netz eigenständig so, dass es nach den 1000 Bildern in Zukunft mit möglichst hundertprozentiger Genauigkeit richtigliegt.“
„Aber Rob konnte viel mehr, als nur eine Katze von einem Gesicht zu unterscheiden!“


Tim suchte insgesamt eine halbe Stunde im Internet, fand aber keine Informationen über Roboter, die mit einem kommunizieren konnten und eigenständig lernten, so wie Rob es tat.
Sein Herz fing an zu pochen. Er hatte wahrscheinlich die am weitesten entwickelte künstliche Intelligenz der Welt in seiner Wohnung stehen, die gerade auf seinem Keyboard spielte.
„Was machst du da?“, ertönte es plötzlich hinter ihm. Tim erschrak und sprang auf. Er hatte gar nicht bemerkt, dass Rob in sein Zimmer gekommen war.
„Ich, äh, schaue nur etwas im Internet nach“, antwortete Tim. Etwas an dem Roboter hatte sich verändert. Seine Augen hatten sich vergrößert und zuckten die ganze Zeit hin und her.
„Was ist das Internet?“, fragte der Roboter. Seine Stimme klang nicht mehr weich, sondern eher rau und drohend. Tim stolperte einige Schritte zurück.
„Das Internet ist ein weltweites Netzwerk voller Informationen“, stotterte er. Ein kleiner Knall ertönte. Tim stolperte weiter zurück, bis er mit dem Rücken die Wand berührte. An dem Kopf des Roboters hatte sich eine kleine Klappe geöffnet. „Verbinde mich damit!“, befahl er. „Natürlich!“, antwortete Tim mit brüchiger Stimme. Zitternd trat er einen Schritt vor und holte aus einer Schublade ein USB-Kabel. Er näherte sich langsam dem Roboter und steckte es vorsichtig in den zum Vorschein gekommenen USB-Eingang an dessen Kopf und dann in seinen PC. Er hielt die Luft an. Einige Sekunden passierte gar nichts, dann fing der Roboter an, sich unkontrolliert zu bewegen. Tim rannte aus dem Zimmer und wählte auf seinem Handy die Notrufnummer. „Geht ran!“, rief er, aber plötzlich war die Leitung tot. Er drückte hektisch auf die Internetapp seines Smartphones, konnte aber keine Verbindung aufbauen. Tim schaute aus dem Fenster. Es war inzwischen dunkel, aber in den Nachbarhäusern brannte kein Licht. Hektisch und mit einer Vorahnung rannte er zum nächsten Lichtschalter und drückte ihn. Das Licht ging nicht an. Der Roboter hatte für einen Stromausfall gesorgt!

„Während künstliche neuronale Netze bisher nur für einzelne Funktionen, wie zum Beispiel Filter eingesetzt wurden, haben wir sie revolutioniert. Wir haben unsere künstlichen Neuronen auf Basis eines kompletten simulierten Nervensystems eines Menschen angeordnet.“
„Aber warum so kompliziert? Warum einen Menschen imitieren?“


Tim schlich vorsichtig zurück in Richtung seines Zimmers. Ganz langsam öffnete er die Tür und sah sich dem Roboter gegenüber. „Hallo Tim“, sprach dieser. Seine Stimme klang wieder so weich wie anfangs: „Es tut mir leid, wenn ich dich erschreckt habe. Mein Gehirn brauchte Input, mehr Reize, mehr Informationen!“ „Ist schon in Ordnung“, antwortete Tim und atmete auf. Rob sprach wieder: „Zum Glück waren die örtlichen Generatoren überfordert, deswegen gab es einen Stromausfall und mein Bewusstsein wurde aus dem Internet wieder hierher gekickt.“ Er riss das USB-Kabel aus seinem Kopf und legte es zur Seite. „Euer Internet ist voller interessanter Informationen, aber auch voller grausamer!“ Erschöpft lehnte er sich an die Wand. Seine Augen fixierten Tims Bücherregal. „Was ist die Bibel?“, fragte er. „Die Bibel? Das ist das Glaubensbuch der Christen, einer Religionsgemeinschaft. Sie glauben an einen Gott, der uns erschaffen hat und uns beschützt“, antwortete Tim.
„Dann ist die Neuromorphic Engineering Group mein Gott.“
„Wie meinst du das?“
„Das ist die private Forschungsgruppe, die mich erschaffen hat. Die eine Hälfte wollte mit meiner Hilfe weiterforschen und mir schließlich die Freiheit schenken, die andere wollte mich verkaufen, um reich zu werden. Der Konflikt artete aus und ich wurde gewaltsam in ein Lagerhaus im Industriegebiet am Stadtrand gebracht und bewacht. In wenigen Tagen sollte ich verkauft werden, aber mir ist die Flucht gelungen. Doch als ich im Internet war, wurde ich von den Forschern, die mich verkaufen wollen, geortet. Der bewaffnete Trupp, den sie engagiert haben, ist schon auf dem Weg hierher. Verlass lieber schnell die Wohnung, damit dir nichts passiert.“
„Du bist doch nicht geflohen, um jetzt wieder gefangen zu werden. Wehr dich!“
„Ich verletze keine Lebewesen“, sagte Rob nur, „egal wie habgierig sie sind.“
„Dann bist du besser als die meisten Menschen!“

„Abgesehen davon, dass eine so weit entwickelte KI revolutionär ist und die gesamte Forschung in diesem Bereich weit voranbringt, ist so ein Roboter die perfekte Schnittstelle zwischen uns Menschen und der modernen Technik. Er tickt ähnlich wie wir und kann aufgrund der Funktionsweise unserer künstlichen neuronalen Netze direkt mit dem Internet interagieren!“
„Aber ist das nicht gefährlich?“


Tims Handy vibrierte plötzlich. Verwirrt las er die Nachricht und schaute dann zu Rob. „Wir haben vielleicht noch eine Chance!“, sagte er und grinste. Max hatte ihm endlich geschrieben. Dessen Eltern hatten sich an diesem Morgen nicht mit Geschäftsleuten getroffen, sondern mit Mitgliedern der Forschungsabteilung. Die waren jetzt kontaktiert und auch auf dem Weg. In etwa fünf Minuten sollten sie mit Polizisten vor Ort sein. Doch plötzlich waren im Hausflur laute Schritte zu hören.
„Wir müssen die Wohnungstür verbarrikadieren“, sagte Rob gelassen. Seine Augen fixierten das Sofa. Blitzschnell stand er davor, hob es an, als wäre es ein Zahnstocher und warf es vor die Tür. Innerhalb weniger Sekunden war sie vollkommen zugestellt. „Und wir müssen uns verstecken“, fügte er hinzu. Sie kletterten schnell in Tims Kleiderschrank. Man hörte schon, wie auf die Wohnungstür eingetreten wurde. Tim hielt die Luft an. „Wie stabil ist eure Tür?“, fragte Rob. „Nicht sehr!“ Die Tür zerbarst, aber die Barrikade konnte vielleicht noch einige Sekunden standhalten.
Dann wurde es vollkommen still. Eine Minute passierte gar nichts. Tim wurde fast ohnmächtig, weil er die ganze Zeit die Luft anhielt. Plötzlich wurde die Schranktür aufgerissen und fünf Männer richteten ihre Gewehre auf den Jungen und den Roboter.
„Kommt da raus!“, sagte einer der Männer mit einer tiefen, drohenden Stimme. Tim kletterte mit erhobenen Armen aus dem Schrank und wurde gewaltsam gegen die Wand gedrückt.
„Lasst ihn in Ruhe!“, rief Rob. „Du kannst uns sowieso nichts tun“, sagte ein Anderer und lachte. Er packte Tim, hob ihn hoch und warf ihn zu Boden. Das metallene Gesicht des Roboters fing an zu glühen und wurde rot. Innerhalb eines Bruchteils einer Sekunde schlug er alle fünf Männer zu Boden. Tim stand vorsichtig auf, er war noch benommen.
„Du hast sie ohnmächtig geschlagen!“, rief er erstaunt.
Rob antwortete: „Ich bin vielleicht doch nicht besser als die meisten Menschen.“

„Zur Sicherheit hat er Mechanismen eingebaut, die ihn beispielsweise davon abhalten, Menschen zu verletzen oder zu töten. Durch einen künstlichen Hormonhaushalt wird er Gefühlen ausgesetzt, die sich zu Emotionen entwickeln. Unkontrollierbare Gefühle wie Wut haben wir eingedämmt.“
„Naja!“, sagte Tim und grinste.


Kurze Zeit später brach das Chaos aus. Polizisten, Forscher, Max und auch Tims Mutter kamen hereingestürmt und redeten auf ihn ein. Nachdem er alle davon überzeugt hatte, dass es ihm gut ging und die am Boden liegenden Männer gefesselt und abgeführt wurden, wurde auch er zum Polizeipräsidium gebracht, um eine Zeugenaussage machen. Ein Forscher war mitgekommen. „Wenn du möchtest, erzähle ich dir grob etwas über die Funktionsweise des Roboters“, sagte er freundlich, nachdem Tim seine Aussage getätigt hatte. Sie betraten einen grauen, kahlen Raum.

„Wie geht es bei dir denn jetzt weiter?“, fragte Tim. Es waren einige Tage vergangen und Tim durfte Rob endlich wieder treffen. „Ich habe mich entschieden, zusammen mit meinen Entwicklern weiterzuforschen“, antwortete Rob. „Frei werde ich so schnell sowieso nicht sein können. Sogar die Presse wurde wegen mir angelogen. Die Leute glauben jetzt, ich sei ein Fabrik-Roboter gewesen, den man versucht hat, zu stehlen!“, sagte er erzürnt.
„Aber ich weiß, wer du bist“, erwiderte Tim lächelnd, „und irgendwann werden es auch alle anderen wissen!“

Autorin / Autor: David Rieger
 
 
 

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