Pushback - Unwort des Jahres

Die Jury wählte die Begriffe „Rückführungspatenschaften“ und „Corona-Diktatur“

Das Unwort des Jahres wurde gekürt und es lautet Pushback. Der Ausdruck stammt aus dem Englischen und bedeutet zurückdrängen, zurückschieben. Im Migrationsdiskurs bezeichnet das Wort die Praxis von Europas Grenztruppen, Flüchtende an der Grenze zurückzuweisen und am Grenzübertritt zu hindern. Ganz unterschiedliche Politiker_innen, Journalist_innen und Organisationen verwendeten im Jahr 2021 den Ausdruck in Debatten zur Einwanderung über die europäischen Außengrenzen.

Beschönigung eines menschenfeindlichen Prozesses
Die Jury kritisiert die Verwendung des Ausdrucks, weil mit ihm ein menschenfeindlicher Prozess beschönigt wird, der den Menschen auf der Flucht die Möglichkeit nimmt, das Menschen- und Grundrecht auf Asyl wahrzunehmen. Den Flüchtenden wird somit ein faires Asylverfahren vorenthalten. Der Einsatz des Fremdwortes trägt zur Verschleierung des Verstoßes gegen die Menschenrechte und das Grundrecht auf Asyl bei. Mit dem Gebrauch des Ausdrucks werden zudem die Gewalt und Folgen wie Tod, die mit dem Akt des Zurückdrängens von Migrant_innen verbunden sein können, verschwiegen. Die Jury kritisiert die in den Medien unreflektierte Nutzung dieses Wortes auch bei Kritiker_innen der Maßnahmen.

Auf Platz 2 und 3 im Jahr 2021: Sprachpolizei und Vergleiche mit dem Nationalsozialismus
Sprachpolizei: Mit dem Ausdruck Sprachpolizei werden Personen diffamiert, die sich u.a. für einen angemessenen, gerechteren und nicht-diskriminierenden Sprachgebrauch einsetzen, der bisher benachteiligte und ausgegrenzte Gruppen sprachlich einschließt. Die Jury bewertet ihn als irreführend, weil er suggeriert, dass es eine exekutive Instanz gäbe, die über die Einhaltung von Sprachregeln ‚wacht‘ und bei ‚Nichtinhaltung‘ Bestrafungen vorsieht oder Bestrafungen durchsetzt.
Vergleiche mit dem Nationalsozialismus: Unter den Einreichungen fanden sich zudem eine Vielzahl an Ausdrücken, die im Zuge der Corona-Demonstrationen von Impfgegner_innen verwendet werden und völlig unzulässig eine Ähnlichkeit zwischen Maßnahmen gegen die Covid-19-Pandemie und der nationalsozialistischen Diktatur nahe legen. Zu nennen wären hier z.B.: Impfnazi, Ermächtigungsgesetz (für Infektionsschutzgesetz) oder der gelbe Stern mit dem Aufdruck ungeimpft. Die deplatzierte Verwendung solcher Ausdrücke führt zur Verharmlosung des Nationalsozialismus, zur Verhöhnung der Opfer der nationalsozialistischen Diktatur und in manchen Fällen zu einer Opfer-Täter-Umkehr.

Jury und persönliches Unwort des Gastjurors: Militärschlag
Die Jury der institutionell unabhängigen und ehrenamtlichen Aktion „Unwort des Jahres“ besteht aus folgenden Mitgliedern: den vier Sprachwissenschaftler:innen Dr. Kristin Kuck (Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg), Prof. Dr. Martin Reisigl (Universität Wien), Dr. David Römer (Universität Trier), Prof. Dr. Constanze Spieß/Sprecherin (Philipps-Universität Marburg) sowie der freien Journalistin Katharina Kütemeyer. Als jährlich wechselndes Mitglied war in diesem Jahr der Journalist Harald Schumann beteiligt. Letzterer durfte als Gastjuror außerdem noch sein ganz persönliches Unwort benennen: Militärschlag. Der Begriff sei eine zutiefst euphemistische Bezeichnung für einen aggressiven kriegerischen Akt. Schon seit Jahrzehnten bedienen sich Politiker_innen und unkritische Medien dieses Ausdrucks und verschleiern damit, worum es eigentlich geht: Bombenangriffe und Artillerie- oder Raketenbeschuss auf Ziele, bei denen die Aggressoren skrupellos den Tod unschuldiger und zumeist auch unbewaffneter Opfer in Kauf nehmen.
Wenn eine Regierung ihre Bomber, Drohnen, Panzer und Raketen für Angriffe auf andere Völker oder auch Widerstandsgruppen im eigenen Land einsetzt, dann handelt es sich um Krieg, nicht bloß um ein paar Schläge, so der Juror.

Unwort-Statistik 2021
Die Jury erreichten 2021 insgesamt 1308 Einsendungen. Darunter waren 454 verschiedene Ausdrücke, von denen knapp 45 den Unwort-Kriterien der Jury entsprachen. Unter den häufigsten Einsendungen (mehr als 10x), die aber nicht zwingend den Kriterien der Jury entsprechen, waren: boostern (22x), Covidiot (20x), Eigenverantwortung (14x), Gendersternchen (16x), illegaler Kindergeburtstag (71x), Impfangebot (13x), Impfdurchbruch (13x), Impfdrängler (11x), Impfverweigerer (11x), Pandemie der Ungeimpften (16x), Querdenker (47x), systemrelevant (24x), Tyrannei der Ungeimpften (287x), Ungeimpft(e) (21x), Verweilverbotszone (30).

Über die Aktion "Unwort des Jahres"
Die Aktion "Unwort des Jahres" möchte durch ihre kritische Beleuchtung des öffentlichen Sprachgebrauchs das Bewusstsein und die Sensibilität für Sprache in der Gesellschaft fördern. So untersucht sie Formulierungen in allen Feldern der öffentlichen Kommunikation, die zum Beispiel gegen das Prinzip der Menschenwürde oder der Demokratie verstoßen, oder solche, die einzelne gesellschaftliche Gruppen diskriminieren oder verschleiernd und irreführend sind. Dazu kommt, dass die in die Bewertung einfließenden Formulierungen öffentlich geäußert wurden und eine gewisse Aktualität besitzen. Jede_r kann zum 31.12. eines jeden Jahres schriftlich Unwortvorschläge mit einer kurzen Begründung an die Jury einreichen.

Unwörter aus den Vorjahren

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Autorin / Autor: Redaktion/ Pressemitteilung - Stand: 13. Januar 2022