Unwort des Jahres 2020 kommt als Paar

Die Jury wählte die Begriffe „Rückführungspatenschaften“ und „Corona-Diktatur“

Dass das Unwort des Jahres 2020 mit ziemlicher Sicherheit aus dem Themenbereich der Corona-Pandemie kommen würde, damit haben wohl die meisten gerechnet. Schließlich hat kaum etwas anderes die öffentliche Disskussion so in Atem gehalten wie die Ausbreitung des Virus und die damit zusammenhängenden Einschränkungen und Auswirkungen. Doch auch wenn das Thema in den eingereichten 1.826 Vorschlägen dominierte - die Jury wollte zum Ausdruck bringen, dass auch in anderen Bereichen weiterhin inhumane und unangemessene Begriffe geprägt und verwendet werden. Deshalb entschied sie sich zum ersten Mal, zwei Unwörter zu "küren": „Rückführungspatenschaften“ und „Corona-Diktatur“.

Zynischer Begriff für Abschiebepraxis
Mit dem Begriff „Rückführungspatenschaften“, der 41 mal vorgeschlagen wurde, bezeichnete im September 2020 die EU-Kommission einen neuen Mechanismus der Migrationspolitik: Die EU-Staaten, die sich weigern, Flüchtlinge aufzunehmen, sollen ihrer „Solidarität“ mit den anderen Mitgliedern der EU dadurch gerecht werden, dass sie die Verantwortung für die Abschiebung abgelehnter Asylbewerber_innen übernehmen. Dies als „Rückführungspatenschaften“ zu bezeichnen, hält die Jury für zynisch und beschönigend: Der ursprünglich christlich geprägte, positive Begriff der Patenschaft stehe für Verantwortungsübernahme und Unterstützung im Interesse von Hilfsbedürftigen. In der Zusammensetzung mit dem – ebenfalls beschönigend für „Abschiebung“ gebrauchten – Wort „Rückführung“ werde suggeriert, „dass Abschieben eine gute menschliche Tat“ (Zitat aus einer Einsendung) sei.

Verharmlosung tatsächlicher Diktaturen
Das Wort „Corona-Diktatur“, das 21 mal vorgeschlagen wurde, kommt aus der selbst ernannten „Querdenker“-Bewegung. Diese benutzte den Begriff seit Beginn des öffentlichen Diskurses, um den politischen Umgang mit der Pandemie und Maßnahmen zu deren Eindämmung zu diskreditieren. Vor allem rechtsextreme Propagandist_innen fanden Gefallen daran, ihn zu benutzen. Dass der Ausdruck auf Demonstrationen verwendet wird, die – anders als in autoritären Systemen! – ausdrücklich erlaubt sind, stelle schon in sich einen Widerspruch dar. Zudem verharmlose der Ausdruck tatsächliche Diktaturen und verhöhne die Menschen, die sich dort gegen die Diktatoren wenden und dafür Haft und Folter bis hin zum Tod in Kauf nehmen oder fliehen müssten. Hinzu käme, dass das Schlagwort oft von denen verwendet wird, die – wie es in einer Einsendung heißt – „ja selbst und zum Teil ganz offen auf die Abschaffung der bürgerlichen Freiheiten und der sie repräsentierenden Verfassung zielen“. Die Jury kritisierte auch, dass der Ausdruck es schwieriger mache, berechtigte Zweifel an einzelnen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie offen und konstruktiv zu diskutieren.

Über die Aktion "Unwort des Jahres"
Die Aktion "Unwort des Jahres" möchte durch ihre kritische Beleuchtung des öffentlichen Sprachgebrauchs das Bewusstsein und die Sensibilität für Sprache in der Gesellschaft fördern. So untersucht sie Formulierungen in allen Feldern der öffentlichen Kommunikation, die zum Beispiel gegen das Prinzip der Menschenwürde oder der Demokratie verstoßen, oder solche, die einzelne gesellschaftliche Gruppen diskriminieren oder verschleiernd und irreführend sind. Dazu kommt, dass die in die Bewertung einfließenden Formulierungen öffentlich geäußert wurden und eine gewisse Aktualität besitzen. Jede_r kann zum 31.12. eines jeden Jahres schriftlich Unwortvorschläge mit einer kurzen Begründung an die Jury einreichen.

Neue Jury
Mit der Kür des 30. Unworts verabschiedet sich die Jury nach zehn Jahren der Zusammenarbeit in unveränderter Besetzung. Die bisherigen Jurymitglieder Prof. Dr. Nina Janich/Sprecherin (TU Darmstadt), Prof. Dr. Kersten Sven Roth (Universität Magdeburg), Prof. Dr. Jürgen Schiewe (Universität Greifswald), Prof. Dr. Martin Wengeler (Universität Trier) und Autor Stephan Hebel geben diese Aufgabe nun in jüngere Hände, betonen aber, dass sie sich mit den Nachfolger_innen darüber einig sind, dass das Projekt als Seismograf für inhumanen, diskriminierenden, undemokratischen und/oder verschleiernden Sprachgebrauch in der Öffentlichkeit mindestens so notwendig ist wie bei seiner Gründung 1991.
Der Konsens darüber, wo die „Grenzen des Sagbaren“ liegen, sei heute so brüchig wie nie in den vergangenen Jahrzehnten. Gerade deshalb wolle die Aktion exemplarisch auf Verschiebungen dieser Grenzen öffentlich hinweisen, wenn sie einen sachlichen, an Fakten orientierten und nicht-diskriminierenden Diskurs gefährden.
Als jährlich wechselndes Mitglied war in diesem Jahr die Autorin Kübra Gümüşay beteiligt.

Unwort-Statistik 2020
Die Jury erreichten 2020 insgesamt 1.826 Einsendungen. Darunter waren 625 verschiedene Ausdrücke, von denen gut 70 den Unwort-Kriterien der Jury entsprachen. Zu den häufigsten Einsendungen (10 und mehr) zählten im Jahr 2020: Abschiebe-/Rückführungspatenschaft (41 mal), Corona-Diktatur (21 mal), Covidiot (43 mal), Herdenimmunität (41 mal), Öffnungsdiskussionsorgien (50 mal), querdenken (55 mal), Querdenker (116 mal), Schweinestau (35 mal), Social Distancing (34 mal) und systemrelevant (180 mal).

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Autorin / Autor: Redaktion/ Pressemitteilung