Nur 30 Minuten Social Media?

Studie zu Social Media und psychischem Wohlbefinden: Ein Zeit-Limit ist schwer umzusetzen - nicht einmal die Testpersonen schafften es, sich zu beschränken

Intensive Social Media Nutzung wird in der Forschung mit einem schlechteren Wohlbefinden und Beeinträchtigungen der psychischen Gesundheit in Zusammenhang gebracht. Um dem entgegenzuwirken, wird häufig eine Beschränkung des Social Media Konsums empfohlen, oft über ein zeitliches Limit. Dass das funktionieren kann, wurde 2018 in einer einflussreichen Studie von Melissa Hunt und ihren Kollegen gezeigt. Teilnehmende sollten ihren Konsum auf 10 Minuten pro Tag eingrenzen und zeigten im Anschluss weniger Einsamkeitsgefühle. Bei Testpersonen mit einem hohen Maß an Depressionen zeigte sich außerdem eine Verbesserung der Symptome. Aber würde das auch heute noch funktionieren, wo Social Media noch stärker im Alltag von jungen Erwachsenen verankert ist?

Das wollten Andrea Howard, Entwicklungspsychologin an der Carleton University und ihr Team herausfinden. Kleiner Spoiler: Es konnte bei Testpersonen, denen über einige Wochen ein Social-Media-Limit auferlegt wurde, kein besseres Wohlbefinden festgestellt werden, unter anderem auch darum, weil die meisten Testpersonen es erst gar nicht schafften, sich an die in der Studie vorgegebenen Zeitbegrenzungen zu halten. So konnte nicht geprüft werden, ob und welche Vorteile solche Begrenzungen für die Stimmung haben.

In der aktuellen Studie wurden die Teilnehmenden nach dem Zufallsprinzip einer der beiden Gruppen zugeordnet: Entweder nutzten sie soziale Medien wie gewohnt oder schränkten ihre Nutzung drei Wochen lang ein, in der Regel auf 30 Minuten pro Tag. Die Forscher:innen testeten zudem mehrere Varianten: Sie baten die Testpersonen, online nur mit Personen zu interagieren, die sie auch offline kannten, schränkten die Apps ein, von denen sie glaubten, dass sie ihre psychische Gesundheit am stärksten beeinträchtigten, und untersuchten, ob es einen Unterschied macht, ob jemand anonym oder nicht anonym im Netz unterwegs ist.

Keiner dieser Ansätze führte im Vergleich zur normalen Nutzung zu nennenswerten Verbesserungen des Wohlbefindens. Die größte Schwierigkeit lag aber offenbar schon in der Einhaltung der Vorgaben. Zu Beginn nutzten die Teilnehmer soziale Medien durchschnittlich fast drei Stunden pro Tag. Von den 346 Personen in den Gruppen mit Nutzungsbeschränkung, die später Daten zur Verfügung stellten, hielten sich nur 10 % auch nur in einer einzigen Studienwoche unter 30 Minuten; weniger als 5 % taten dies über mindestens zwei Wochen hinweg.

Anschließend verstärkten die Forscher die Intervention. In einer vierten Studie mit 229 jungen Erwachsenen lockerten sie die Obergrenze auf 60 Minuten und versendeten tägliche Erinnerungen. Die Teilnehmenden, denen eine Reduzierung auferlegt worden war, schränkten ihre Nutzung zwar etwas ein, jedoch nicht genug, um sich signifikant von der Kontrollgruppe zu unterscheiden. Mehr als die Hälfte erreichte an keinem der 21 Interventions-Tage das 1-Stunden-Ziel, und nur zwei Teilnehmer erreichten es jeden Tag. Auch hier unterschieden sich die Gruppen in keiner der Messgrößen für das Wohlbefinden.

Die Ergebnisse beweisen nicht, dass eine Reduzierung der Social-Media-Nutzung wirkungslos ist. Da sich so wenige Teilnehmer an die Grenzen hielten, konnten die Studien nicht eindeutig feststellen, was passieren würde, wenn die Menschen ihre Nutzung erheblich reduzieren würden. Die Stichproben beschränkten sich zudem auf iPhone-Nutzer und bestanden überwiegend aus weißen Frauen, was die allgemeine Übertragbarkeit der Ergebnisse einschränken könnte.

Schon das Nicht-Einhalten ist aufschlussreich

Doch das Problem der Einhaltung sei an sich schon aufschlussreich, sagte Forscherin Howard. Soziale Medien dienen mittlerweile vielen Zwecken, von Unterhaltung und Selbstdarstellung bis hin zu Nachrichten und der Pflege von Freundschaften. „Es ist nicht nur eine Website; es ist eine ganze Umgebung, in der man interagiert, Inhalte ansieht, Inhalte teilt und sich selbst ausdrückt“, sagte sie. Der Entzug des Zugangs kann daher verschiedene Menschen auf sehr unterschiedliche Weise beeinflussen.

Die Forschenden raten darum von pauschalen Beschränkungen-Empfehlungen ab. Eine strikte Vorgabe, nur 30 Minuten online zu bleiben, ist nicht nur kaum durchzuhalten, sondern nützt möglicherweise auch nicht viel. Dennoch raten die Wissenschaftler:innen, eine individuelle und stufenweise Veränderung der Gewohnheiten in Angriff zu nehmen und wenn nötig dabei Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Howard sieht darin eine Maßnahme zur persönlichen Weiterentwicklung oder zum Selbstmanagement.

Die Empfehlungen gelten vor allem für junge Erwachsene. Bei Kindern und Jugendlichen findet Howard Grenzen durchaus sinnvoll, allerdings auch hier nicht in Form eines einfachen Countdowns, sondern mit einem Fokus auf die Frage, welches Problem eigentlich gelöst werden soll. Ein junger Mensch, der depressiv oder ängstlich ist oder online Schaden erleidet, benötige möglicherweise umfassendere Unterstützung. „Eltern sollten erkennen, dass wir von den Jugendlichen nicht einfach verlangen können, ihre Handys wegzulegen“, sagte Howard. „Es bedarf Unterstützung und Hilfestellung, um einen Weg zu finden, wie sie ihr Gerät so nutzen können, dass es für sie und für Sie als Eltern funktioniert.

Wenn ihr euch also schlecht fühlt und das Gefühl habt, dass eure Social-Media-Nutzung damit zu tun haben könnte, dann geißelt euch nicht mit strikten Vorgaben, die ihr am Ende doch nicht einhaltet. Erforscht lieber, worum es geht, was euch nicht guttut und wie ihr euch an eine Veränderung herantasten könnte. Wenn ihr das Gefühl habt, das nie zu schaffen, dann holt euch Hilfe.

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Autorin / Autor: Pressemitteilung / Redaktion; Bild: LizzyNet - Stand: 3. September 2026