Muss die Wirtschaftslehre upgecycelt werden?

Nachhaltigkeit gilt als das Topthema unserer Tage. Trotzdem taucht der Begriff der Kreislaufwirtschaft in keinem einzigen Lehrbuch auf. Patrick Brehm, Wirtschaftspädagoge am Berufskolleg Elberfeld in Wuppertal, hat dazu eine Schulbuchstudie verfasst und gibt im Interview interessante Einblicke.

Nachhaltigkeit gilt als das Topthema unserer Tage. Das Internet ist voller Webseiten zur Problematik, dass unser Wirtschaftssystem den Wohlstand auf Dauer in Gefahr bringt. Als Ausweg gilt das „nachhaltige Wirtschaften“. Es sollte schon heute eine zentrale Rolle in der schulischen Bildung haben.

„Weit gefehlt“, sagt Patrick Brehm, Wirtschaftspädagoge am Berufskolleg Elberfeld in Wuppertal. Er unterrichtet die Fächer Englisch und Volkswirtschaftslehre und hat sich auf die Entwicklung einer nachhaltigen Wirtschaftslehre spezialisiert. Seit Kurzem ist seine Studie zur Nachhaltigkeit in volkswirtschaftlichen Lehrbüchern erhältlich. Zum ersten Mal hat sich ein Bildungspraktiker systematisch mit der Frage befasst, ob schulische Lehrbücher den Weg zu einer nachhaltigen Wirtschaftsweise zeigen. Für LizzyNet hat er einige wichtige Fragen beantwortet.

Mit unserem Upcycling-Projekt „Besser Machen“ wollen wir Jugendliche für aktuelle Themen der Nachhaltigkeit sensibilisieren. Sie unterrichten Wirtschaftswissenschaften an einem Berufskolleg, was halten Sie von unserem Engagement?
Das Upcycling-Projekt ist eine große Hilfe. Wir brauchen solche Angebote von außerschulischen Anbietern, um die verkrustete Lehrbuchdidaktik aufzubrechen.

Heißt das, Sie unterrichten sonst nichts zum Thema Upcycling?
Ich persönlich schon, sicher auch einige Kolleginnen und Kollegen. Aber die schulischen Lehrpläne geben nichts dazu vor. Darum ist es ein Stück weit Sache der Fachlehrerinnen und Fachlehrer, ob sie das Thema aufgreifen.

Sie haben eine Studie zu aktuellen Lehrbüchern im Fach VWL geschrieben. Was haben Sie dort zum Thema Upcycling gefunden?
Leider gar nichts. Das ist auch der Grund, weshalb solche Nachhaltigkeitsthemen im normalen Unterricht eher die Ausnahme bleiben oder höchstens vor den Ferien als Lückenfüller behandelt werden. Die Lehrbücher der großen Schulbuchverlage haben in Sachen Nachhaltigkeit erheblichen Nachholbedarf.

Wir dachten, nachhaltige Entwicklung sei eines der wichtigsten Themen der Zeit. Das müsste im Unterricht doch behandelt werden!
Natürlich wird Nachhaltigkeit in heutigen Lehrplänen und Lehrbüchern als Notwendigkeit präsentiert. Ich denke, jede Schülerin und jeder Schüler hört heute etwas dazu in ihrer bzw. seiner Schulzeit. Wenn man sich die ökonomischen Lehrbücher anschaut, die immer noch als Grundlage der Unterrichtsgestaltung dienen, fragt man sich jedoch, wie lösungsorientiert die Thematik behandelt wird. Man liest wohl über Probleme wie den Klimawandel oder Umweltverschmutzung. Lösungen werden jedoch höchstens angedeutet, kaum näher erläutert. Dann erzeugt das Thema eher Zukunftsängste und wird dem Einzelnen aufgeladen, der Verzicht üben soll.

Aber müssen wir nicht unseren persönlichen Konsum hinterfragen? Verzicht – oder „Suffizienz“, wie das heute in der Wissenschaft heißt – ist doch notwendig!
Das sind sehr aufgeklärte Ansichten. Aber sind die die Regel? Kann man von allen Menschen Konsumverzicht oder den Kaufentscheid für teurere Bioprodukte erwarten? Gerade Jugendliche wollen ja auch ihre neue Rolle als Konsumenten ausleben. Und die besteht nicht nur darin, den persönlichen Konsum einzuschränken. Es ist interessant, dass Nachhaltigkeit heute vor allem mit Bioprodukten oder fairem Handel in Zusammenhang gebracht wird. Also wir sollen nachhaltig konsumieren. Das ist auch richtig. Das ist unser eigener kleiner Beitrag. Aber als der Begriff der Nachhaltigen Entwicklung Ende der 80er Jahre entstand, ging es vor allem um staatliche Regeln und Unternehmensentscheidungen für nachhaltige Investitionen. Dazu findet man in ökonomischen Schulbüchern leider nur sehr wenig.

Sie meinen Rahmensetzung für eine nachhaltige Wirtschaft…
Genau. Wenn Upcycling in einer kleinen Öko-Nische bleibt, ist nur wenig gewonnen. Aber wie kann es sein, dass z. B. der Begriff der Kreislaufwirtschaft in keinem einzigen Lehrbuch auftaucht? Dass Ressourcen künftig in Kreisläufen zirkulieren sollen, wird nirgends vernünftig erklärt. Der Begriff Recycling wird – falls er überhaupt erwähnt wird – nicht weiter ausgeführt, auch nicht, dass es dabei viele verschiedene Arten gibt. Upcycling ist doch etwas ganz anderes als beispielsweise das Mehrwegsystem für Glasflaschen! Kein einziges Lehrbuch schafft hier Klarheit. Dabei ist das doch die Art, wie wir in Zukunft wirtschaften müssen!

Kaum zu glauben. Wir dachten, die schulische Wirtschaftsbildung wäre schon weiter.
Es gibt mit Sicherheit viele Lehrkräfte, die schon versuchen, Nachhaltigkeit gebührend in ihrem Unterricht zu behandeln. Ich habe den Eindruck, dass dies in den Fächern Geographie oder SoWi auch schon recht gut gelingt. Aber im Fach Wirtschaft, das ich unterrichte, herrscht ein enormer Nachholbedarf. Das zeigt jedenfalls unsere Schulbuchanalyse. Nehmen wir das Thema Konjunktur. Noch immer lehren alle Lehrbücher, dass wir das Wirtschaftswachstum ankurbeln müssen, um Wohlstand und Beschäftigung zu sichern. Aber ein paar Seiten zuvor oder danach liest man, dass Wirtschaftswachstum die Umwelt zerstört. Und dann wundern wir uns, dass junge Menschen ganz fatalistisch jede Hoffnung auf eine bessere Zukunft aufgegeben haben.

Haben sie das? Das ist ja schrecklich.
Zu viele, nach meiner Beobachtung. Dabei gibt es Dutzende von Ideen, wie man die Wirtschaft nachhaltig umorganisieren könnte. Upcycling ist ein Teil davon. Aber solche Ansätze werden von den aktuellen Lehrbüchern kaum vernünftig erklärt. Lehrbuchautorinnen und -autoren bleiben hier seltsam unkonkret.

Irgendwie nicht nachvollziehbar.
Meine Mutmaßung ist, dass, wer ein Schulbuch verfasst, auch sauber fachwissenschaftlich arbeiten will. Nur leider will die akademische Mainstream-Ökonomie bis heute nicht viel von Nachhaltigkeit wissen. Und bis sich dort ein Umdenken durchgesetzt hat, könnte zu viel Zeit vergehen. Ich denke, Schulbuchverlage brauchen mehr Mut, eigene Wege zu gehen.

Dann sollten sie sich mal mit Ihrer Studie befassen. Können unsere jugendlichen Leserinnen und Leser dort auch etwas lernen?
Die Studie richtet sich eher an Pädagogen, Schulbuchautoren und Fachdidaktikerinnen. Aber sicher könnten Jugendliche ihre Fachlehrer auf die Studie aufmerksam machen, wenn sie im Unterricht zu wenig darüber erfahren, wie wir unsere Wirtschaft nachhaltig umorganisieren können. Außerdem können Lehrpersonen sich auch auf meiner Webseite www.vwl-nachhaltig.de umsehen. Denn auch bei den aktuellen Bildungsplänen lassen sich Wirtschaft und Nachhaltigkeit in Einklang miteinander bringen.

Sozusagen das Upcycling einer veralteten Wirtschaftslehre?
So könnte man das sagen.

Vielen Dank für das Interview!

Patrick Brehm, Wirtschaftspädagoge am Berufskolleg Elberfeld in Wuppertal

Link zur Schulbuchstudie des Düsseldorfer Agenda-Netzwerks:

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Autorin / Autor: Patrick Brehm - Stand: Mai 2017
 
 
 

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