Mehr Angst ohne Religion?
Studie: Welche Auswirkungen veränderte soziale Werte und Normen auf Kinder und Jugendliche haben
Immer mehr junge Menschen leiden offenbar unter Angststörungen - und das weltweit. Ein Team des Forschungs- und Behandlungszentrums für psychische Gesundheit (FBZ) der Ruhr-Universität wollte wissen, wie dies mit Veränderungen in gesellschaftlichen Erwartungen und Erziehungswerten zusammenhängt. Dabei zeigte sich, dass religiöser Glaube ein wichtiger Baustein für die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen sein kann, denn in Ländern, in denen die Religiosität stark zurückgegangen ist, gibt es einen vergleichsweisen hohen Anstieg von Angststörungen, wie die Forschenden in der Zeitschrift Developmental Science berichten.
Wandel von kulturellen Werten
Die Forschenden werteten Daten von 1989 bis 2022 aus 70 Ländern aller Kontinente aus. Zum einen Gesundheitsdaten zur Häufigkeit von Angststörungen bei Kleinkindern, Kindern und Jugendlichen in den betreffenden Ländern, zum anderen Kulturdaten des World Values Survey. Dieses globale Netzwerk der Sozialwissenschaft beschäftigt sich mit dem Wandel von kulturellen Werten und deren Auswirkungen auf das politische und soziale Leben.
„Über die Zeit haben sich gesellschaftliche Erwartungen, wie Kinder idealerweise sein sollten, weltweit bedeutend verändert“, sagt der Hauptautor der Studie, Leonard Kulisch. „Wir wollten daher herausfinden, ob diese veränderten Erwartungsmuster mit der Zunahme von Angststörungen im Zusammenhang stehen.“
Individualität statt Religion
Bei der Auswertung der Daten zeigte sich, dass Werte wie Gehorsamkeit in westlichen Ländern heute eine untergeordnete Rolle in der Erziehung spielen. Stattdessen gelte als wünschenswert, die Eigenständigkeit und Individualität von Kindern zu fördern.
Über alle Kontinente hinweg halten die Forschenden insbesondere eine Abnahme an Religiosität in der Erziehung für den entscheidendsten Risikofaktor für Angststörungen, „vermutlich, weil Religiosität das Zusammengehörigkeitsgefühl fördert und dem Leben eine Richtung gibt“, so Kulisch. Wo Religion als Ressource allmählich verschwinde, entstehe möglicherweise eine Lücke. Familien seien seiner Meinung nach einsamer, hätten ein weniger stabiles soziales Netzwerk, und Routinen im Alltag fielen weg. Gerade solche Voraussetzungen findet er aber zentral dafür, dass Kinder psychisch gesund aufwachsen könnten.
Mehr Gemeinschaft fördern
Vor diesem Hintergrund liefere die Studie wichtige Anknüpfungspunkte für Eltern und gesellschaftliche Haltungen. „Individualität und Eigenständigkeit sind in den bestehenden Wirtschaftssystemen sinnvoll, um im Wettbewerb zu bestehen und Innovationen zu fördern“, sagt Kulisch. „Doch in westlichen Ländern hat die Ausprägung dieser Werte das gesunde Maß überschritten.“ Da Religion als Quelle von Gemeinschaft und Sinn in der Erziehung vielerorts immer unwichtiger werde, müsse man alternative Wege zur Förderung dieser Schutzfaktoren bei Kindern stärken. So schlägt er mehr Aktivität in Vereinen und Gruppen sowie zivilgesellschaftliches Engagement vor, um Angststörungen zu verhindern. Auch Kitas und Schulen sollten gezielt daran arbeiten, die Gemeinschaft von Kindern und Jugendlichen in den Einrichtungen zu fördern, empfiehlt der Wissenschaftler.
Die Frage, die sich zur Studie allerdings stellt, ist, ob die höheren Angststörungsraten hauptsächlich durch eine Abnahme von Religiosität zu erklären sind, oder ob in Ländern, wo mehr Wert auf individualistische Konzepte gelegt wird, vielleicht einfach die Bereitschaft von Kindern und Jugendlichen höher ist, über ihre Ängste offen zu sprechen...
Quelle
Autorin / Autor: Redaktion / Pressemitteilung - Stand: 8. April 2026