Männlichkeit unter Druck
Studie untersuchte die Frage, was geschieht, wenn Männer das Gefühl haben, nicht männlich genug zu sein?
Zeichnung: Sarema Babayeva
Während sich auf der einen Seite stereotype Geschlechterbilder aufweichen und immer durchlässiger werden, verfangen gerade wieder traditionelle Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit – besonders im Netz, vornehmlich verbreitet durch rechte Influencer:innen. Dabei wird Männern unterstellt, dass es ihnen schlecht ginge, weil sie nicht männlich sein dürften und Opfer der „Genderideologie“ seien. Was macht es mit Männern, wenn sie an ihrer Männlichkeit zweifeln? Das untersuchte nun ein Forschungsteam um Lea Lorenz von der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität Kaiserslautern-Landau (RPTU) und Sven Kachel von der Universität Kassel.
Ein vermeintlicher Verlust des Männlichkeitsgefühls verändert offenbar messbar ihr Selbstbild, ihr Verhalten und ihre Einstellungen. „Überraschend stark sind die Effekte, wenn Männer selbst zu dem Schluss kommen, nicht dem männlichen Ideal zu entsprechen – stärker als bei bloßer Rückmeldung von außen“, erklärt Sven Kachel. „Auch wenn andere dabei sind, steigt der Druck, sich männlich zu präsentieren“. In der Sozialpsychologie spricht man von der sogenannten „prekären Männlichkeit“, weil das Gefühl leicht verloren gehen kann und immer wieder bestätigt werden muss.
Von Risikobereitschaft bis Aggression
Haben Männer das Gefühl, dem männlichen Ideal nicht zu entsprechen, setze sie das spürbar unter Druck und verursache Angst, Stress, Unbehagen oder Ärger, so die Studie. Nach außen reagieren diese Männer oft mit Einstellungen und Verhalten, die Männlichkeit betonen sollen: Risikobereitschaft, Aggression, Abwertung anderer Gruppen oder stärkerer Zustimmung zu traditionellen, männlich dominierten Gesellschaftsstrukturen, durch sexuelle Belästigung von Frauen oder durch das Absprechen von Rechten für sexuelle Minderheiten. Langfristig schadet solches Verhalten aber oft den Männern selbst, so das Forschungsteam, etwa durch riskantes oder besonders hartes Auftreten. Die ausgewerteten Studien zeigen außerdem körperliche Stressreaktionen, wie eine erhöhte Ausschüttung des Stresshormons Cortisol, eine Veränderung der Herzratenvariabilität, wodurch sich der Körper nicht mehr so gut Belastungen anpassen kann.
Bedroht in ihrer Männlichkeit
Eine Bedrohung liege dann für Männer vor, wenn sie signalisiert bekommen, weniger durchsetzungsstark, dominant oder „männlich“ zu sein als andere, so die Studienergebnisse. Auch wenn sie einer Frau unterstellt sind, die klar die Führung übernimmt, oder sie Aufgaben ausführen sollen, die als „unmännlich“ gelten, könne das entsprechende Reaktionen auslösen.
Wenn Männer grundsätzlich Angst haben vor einem Verlust des traditionellen Selbstbildes, dann fühlen sie sich natürlich auch durch Äußerungen provoziert, Männer seien im Laufe der Zeit „immer femininer“ geworden oder wenn behauptet wird, es gebe keine klaren Unterschiede mehr zwischen heterosexuellen und schwulen Männern.
„Unsere Studienergebnisse haben gesellschaftliche Relevanz“, betont Lea Lorenz. Männlichkeitsbedrohungen können nicht nur Männer selbst belasten, sondern auch negative Auswirkungen auf ihr Umfeld haben. Etwa dann, wenn dadurch aggressives, riskantes oder diskriminierendes Verhalten gefördert wird. Oder wenn sich deswegen das Wahlverhalten in Richtung harter, autoritärer Politik verschiebt. „Wenn wir besser verstehen, wann solche Bedrohungen entstehen und was sie verstärkt oder abschwächt, kann das helfen, Konflikte, Diskriminierung und gesellschaftliche Spannungen zu reduzieren“, fasst Lea Lorenz zusammen.
Ein wichtige Studie, aber diese Erkenntnisse sollten nicht dazu führen, gleichstellungspolitische Errungenschaften wieder zurückzudrehen, um Männer nicht zu provozieren. Vielmehr sollte noch intensiver darüber diskutiert werden, welche gesellschaftlichen und persönlichen Vorstellungen von "Männlichkeit" und "Weiblichkeit" in den Köpfen existieren, ob solche Vorstellungen überhaupt noch gebraucht werden und welche positiven Auswirkungen ein neues Rollenverständnis auf alle haben kann.
Quelle
Autorin / Autor: Redaktion / Pressemitteilung - Stand: 22. April 2026