Kornblume und Feldlerche? Nicht bekannt!
Studie: Jüngere Erwachsene kennen deutlich weniger typische Arten ihrer Umgebung
Na, erkennt ihr diese Blumen?
Wieviel Arten würden euch einfallen, wenn ihr spontan Wildblumen oder heimische Vögel aufzählen solltet? Wahrscheinlich nicht allzu viele, denn viele junge Erwachsene kennen zwar bekannte Arten wie Löwenzahn oder Spatzen, aber Pflanzen und Vögel, die typisch für Felder, Wiesen und andere Agrarlebensräume sind, haben die meisten nicht auf dem Schirm. Das zeigt eine neue Studie des Leibniz-Zentrums für Agrarlandschaftsforschung (ZALF), für die 463 Erwachsene verschiedener Altersgruppen in einer landwirtschaftlich geprägten Region Deutschlands befragt wurden. Dabei stellte sich heraus, dass das Wissen über typische Arten der Agrarlandschaft insbesondere bei jüngeren Generationen abnimmt.
Für die Studie sollten die Teilnehmenden alle Wildpflanzen und Vogelarten nennen, die ihnen aus ihrer Umgebung bekannt sind. Anders als bei klassischen Artenkenntnistests mit Fotos untersuchte das Forschungsteam damit, welche Arten tatsächlich spontan im Wissen der Menschen und im kulturellen Gedächtnis einer Region präsent sind und welche zunehmend in Vergessenheit geraten.
Insgesamt nannten die Befragten 165 verschiedene Pflanzen sowie 116 Vogelarten und Vogelgruppen. Viele dieser Nennungen entfielen jedoch auf allgemein bekannte Arten. Typische Pflanzen und Vögel der Agrarlandschaft wurden deutlich seltener genannt. Im Durchschnitt konnten die Teilnehmenden lediglich zwei charakteristische Pflanzenarten und drei charakteristische Vogelarten nennen. In der Untersuchungsregion kommen allerdings weitaus mehr Arten vor, nämlich 62 typische Pflanzenarten und 25 typische Vogelarten. Die meisten davon waren den Befragten nicht bekannt oder wurde nur von sehr wenigen Personen genannt.
Zu den bekanntesten Pflanzen gehörten Löwenzahn, Klatschmohn, Kornblume, Gänseblümchen und Brennnessel. Bei den Vögeln wurden vor allem Spatzen, Krähen, Meisen, Amseln und Störche genannt. Viele weitere Arten, die regelmäßig in Agrarlandschaften vorkommen, wurden jedoch kaum aufgezählt.
„Besonders typische Pflanzen und Vögel der Agrarlandschaft sind auch kulturell von besonderer Bedeutung. Sie geraten zunehmend aus dem Blick, was auf einer immer mehr entkoppelten Beziehung zwischen unserer Kultur und unseren Landschaften hindeutet“, sagt Dr. Maria Kernecker, Wissenschaftlerin am Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) und Co-Autorin der Studie.
Die Analyse zeigt einen klaren Zusammenhang zwischen Alter und Artenkenntnis. Je älter die Teilnehmenden waren, desto höher lag die Zahl der genannten Pflanzen- und Vogelarten. Besonders groß waren die Unterschiede zwischen den jüngsten Erwachsenen und den mittleren Altersgruppen.
Typische Arten der Agrarlandschaft wie Kornblume, Kamille, Schafgarbe, Star oder Feldlerche wurden deutlich häufiger von Menschen über 45 Jahren genannt. Jüngere Erwachsene nannten dagegen häufiger sehr allgemeine oder weit verbreitete Arten wie Löwenzahn, Gänseblümchen oder Brennnessel sowie unspezifische Gruppen wie Greifvögel, Tauben oder Krähen.
Der schleichende Wissensverlust über die biologische Vielfalt der eigenen Umgebung ist auch deshalb von Bedeutung, weil Studien zeigen, dass Artenkenntnis eng mit Interesse an Natur und der Bereitschaft zum Engagement für den Naturschutz verbunden sein kann.
Artenkenntnis ist mehr als Faktenwissen
Die Studie macht deutlich, dass viele Arten zwar noch in der Landschaft vorkommen, aber kaum noch Teil des gesellschaftlichen Wissens sind. Besonders betroffen sind Pflanzen- und Vogelarten, die typisch für artenreiche Felder und Wiesen sind. Sie helfen Fachleuten dabei, den Zustand von Lebensräumen zu bewerten und Veränderungen der biologischen Vielfalt sichtbar zu machen.
Weil die Untersuchung aber nur in zwei Städten und ihrem Umland in Nordwestsachsen durchgeführt wurde, liefert sie keine repräsentativen Aussagen für ganz Deutschland. Zudem erfasst die Methode vor allem spontan verfügbares Wissen und nicht die gesamte Artenkenntnis einer Person. Die Autor:innen empfehlen deshalb weitere Untersuchungen mit ergänzenden Methoden.
Was tun? Die Forscher:innen empfehlen mehr Umweltbildungsangebote, die Menschen wieder stärker mit ihrer Umgebung in Kontakt bringen. Dazu gehören Unterricht im Freien, Naturbeobachtungen oder praktische Erfahrungen mit Pflanzen und Tieren. Solche Angebote könnten dazu beitragen, das Wissen über Artenvielfalt zu stärken und das Verständnis für die Bedeutung funktionierender Ökosysteme zu fördern.
„Artenkenntnis ist mehr als reines Faktenwissen – sie ist eine wichtige Grundlage für den Erhalt der biologischen Vielfalt“, sagt Dr. Tobias Naaf, Co-Autor der Studie vom ZALF.
Veröffentlict wurde die Studie im Fachjournal Journal of Ethnobiology and Ethnomedicine.
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Autorin / Autor: Redaktion / Pressemitteilung