Kaum begonnen, schon vorbei

Vorfreude kann schöne Ereignisse verkürzen, zumindest in der Vorstellung haben sie manchmal überhaupt keine Dauer.

Die schwere Prüfung ist "schon", das ersehnte Konzert "erst" in drei Wochen. Und dann ist die Prüfung mit ihren zwei Stunden auch noch ewig lang, während das Konzert vorbei ist, kaum dass es angefangen hat. Unsere Zeitwahrnehmung wird stark davon beeinflusst, wie wir ein bevorstehendes Ereignis bewerten bzw. auf welche Art wir darüber nachdenken.

Forscher_innen der Ohio State University und Kolleg_innen von anderen Universitäten haben herausgefunden, dass die Zeit nicht nur dann verfliegt, wenn wir Spaß haben, sondern ein positives Ereignis uns gedanklich extrem kurz erscheint, wenn wir ihm entgegenfiebern. Die Testpersonen in dieser Studie sollten auf einer Skala von eins (sehr nah) bis hundert (sehr weit) angeben, wie weit ein Ereignis in der Zukunft liegt. Hierfür musste ein Start- und ein Endpunkt des Ereignisses eingestellt werden. Ermittelt wurde das in Onlinebefragungen.
Dabei wurden unangenehme Events als näher an der Gegenwart einsortiert und dauerten länger, während positive Ereignisse weiter weg lagen und scheinbar von nur sehr kurzer Dauer waren.
Wer den Urlaub kaum abwarten kann und jetzt schon darüber nachdenkt, dass er viel zu schnell vorbeigeht, der hat das Gefühl, der Beginn und der Endpunkt des Urlaubs lägen nahezu gleich weit entfernt von der Gegenwart, als hätte er gar keine Dauer und wäre, kaum begonnen, auch schon wieder vorbei.
Negative Events hingegen wurden als näher an der Gegenwart liegend beurteilt, lauern also quasi immer schon hinter der nächsten Ecke, und dauerten in den Einschätzungen der Testpersonen auch länger.

Offenbar vollzieht sich diese merkwürdige Zeitverzerrung aber nur, wenn die Entfernung zum Hier und Jetzt miteinbezogen wird. Wurden die Testpersonen der Studie direkt aufgefordert die Länge eines schönen, gefürchteten oder neutralen Ereignisses einzuschätzen, ohne Bezug zur Gegenwart, dann bewerteten sie die Zeiträume fast identisch.

Für die Forscher_innen, deren Studie im Journal of Consumer Psychology erschienen ist, lässt das folgende Schlüsse zu: Die Art und Weise, wie wir über bevorstehende - sagen  wir zum Beispiel - Urlaube nachdenken, beeinflusst, wie wir diese Urlaube planen und gestalten. Wenn wir die ganze Zeit denken, der Urlaub sei eh sofort wieder dabei, werden wir eher nicht allzu viele Aktivitäten buchen, weil wir denken, dafür sei keine Zeit.
Andererseits würden wir vielleicht Hotels und Luxus bevorzugen, weil uns bei der kurzen Dauer ja nicht auch noch Zeit zum Kochen bleibt ;-).

Ehe wir diese Erkenntnisse nun in konkrete Werbevorschläge für Reiseveranstalter_innen übersetzen, versuchen wir, daraus Schlüsse für unseren eigenen Genuss zu ziehen. Vielleicht hilft es schon, nicht immer zu sehr in die Zukunft zu schielen, was wann endlich stattfinden wird. Lieber sollten wir uns darauf konzentrieren, was gerade ist. Dann sind wir vielleicht überrascht, wenn plötzlich der Urlaub, das tolle Konzert oder die erste Post-Corona-Party vor der Tür steht und sich viel länger anfühlt als sonst.

Quelle:

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Autorin / Autor: Redaktion/ Pressemitteilung - Stand: 4. Juni 2021