Mit der Musik passt es schon ganz gut

Die Sängerin und Songwriterin Alin Coen ist gebürtige Hamburgerin und seit 2007 Leadsängerin der nach ihr benannten Gruppe “Alin Coen Band”. In Kürze erscheint ihr neues Album "Nah". Tatiana hat mit ihr über ihre neue Musik, Engagement für das Klima, die Corona-Krise und die Präsenz von Frauen in der Musikbranche geprochen.

Alin Coen; Bild: Sandra Ludewig

Am 28.08.2020 erscheint dein viertes Album „NAH“. Eine anschließende Tour war für den Herbst dieses Jahres geplant, musste jedoch wegen Covid-19 auf April und Mai 2021 verschoben werden. Was hat diese Nachricht mit dir gemacht?
Es ist gerade eine sehr spezielle Situation mit dieser Pandemie. Meine Band und ich waren dafür, die Tour zu verschieben. Es würde sich seltsam anfühlen, unter den aktuellen Bedingungen ein Konzert zu spielen. Das Virus kann richtig gefährlich sein; ich kenne Leute, die sich damit angesteckt haben. Außerdem möchte ich natürlich nicht dazu beitragen, dass es sich noch weiter verbreitet und sich Leute auf unseren Konzerten anstecken. Deswegen haben wir entschlossen zu warten, bis Konzerte wieder normal stattfinden können. Natürlich bin ich traurig darüber, aber ich gehe die Sache pragmatisch an, es hilft nicht, zu lamentieren.
Ich freue mich jedoch sehr darauf, dass wir im August ein paar Konzerte im Freien machen dürfen, bei denen wir endlich wieder mit einem Publikum in Kontakt treten können.

Worauf freust du Dich am meisten bei der Tour 2021?
Ist ja noch sehr weit hin – ein Jahr! Ich freue mich besonders auf die Crew, die ich mir zusammengestellt habe: Ich habe zum Beispiel zwei Musikerinnen dazu geholt, mit denen ich vorher noch nie auf Tour war. Und natürlich auch auf das gemeinsame Musizieren.

Erzähl uns was über deine neuen Lieder. Sind Dir welche sehr schwer gefallen zu schreiben, oder auch andersrum, sehr leicht?
Es gibt definitiv Lieder, die einem einfacher von der Hand gehen – und andere, mit denen man eher in einer Sackgasse steckt. Häufig habe ich beim Schreiben nach ein oder zwei Sätzen das Gefühl, ich habe alles erzählt, was ich erzählen möchte zu dem Thema. Ein Lied ist aber nicht nur zwei Sätze lang, man muss also die Musik mit Wörtern füllen. Die fertige Musik habe ich oft schnell im Kopf. Aber die Suche nach dem Text dauert sehr viel länger bei mir.
Bei dem Lied „Ultimatum“ zum Beispiel hatte ich diese Klaviermelodie und trug sie fast zwei Jahre mit mir herum. Bis ich dann irgendwann endlich einen inhaltlichen Zugang zu diesem Lied fand – und einen Text.
Ein Lied, was ich für meine Verhältnisse sehr schnell geschrieben habe, ist “Das Ende”. Da hat sicher auch der Druck eine Rolle gespielt: zu wissen, dass mir noch ein Lied fehlte, um das Album fertig zu stellen, hat mir geholfen, effizienter zu arbeiten.

Du hast mit Deinen Band-Kollegen und zwei Gastmusikern „NAH“ in Deiner Wahlheimat Berlin in nur sechs Tagen aufgenommen. Ging das bei den anderen Alben auch so schnell?
Nein! Die den anderen Alben waren jeweils eine Odyssee! Wir haben da so lange dran geschraubt... Beim ersten Album waren wir nicht in der geplanten Zeit fertig geworden. Aber zum Glück hat uns dann Nils Frahm geholfen und wir haben es gemeinsam fertiggestellt.
Bei unserem zweiten Studioalbum hatten wir uns mehr Zeit nehmen wollen und dreißig Studiotage geplant. Aber das war dann einfach zu viel Zeit und wir haben uns lange an ganz kleinen Details aufgehalten und wurden so nicht fertig.
Bei diesem dritten Album hat es geholfen zu wissen, dass man nur eine begrenzte Zeit hat, um fertig zu werden. Und natürlich auch, dass ich mit dem Produzenten Tobias Fröberg gearbeitet habe. Er ist extra aus Schweden angereist, um das mit uns zu machen. Er hat uns sehr motiviert.

Es sind mittlerweile sieben Jahre vergangen seit deinem letzten Album. In der Zwischenzeit hast Du viel gemacht: Du bist Mutter geworden, hast Land- und Wassermanagement in den Niederlanden studiert und ein Praktikum in Hamburg bei Greenpeace gemacht. Wie hat Dich diese Zeit als Person und Musikerin verändert bzw. beeinflusst?
Ich glaube das Wichtigste daran war, dass diese Zeit mich im Prinzip zur Musik zurückgeführt hat. Ich war 2014 an einem Punkt, wo ich dachte, ich bin durch. Ich habe gedacht, mein Weg als Musikerin endet hier. Ich empfand es irgendwie nicht mehr sinnstiftend, Musikerin zu sein. Ich dachte, es gibt so viele Probleme in der Welt, warum kümmere ich mich nicht darum? Die Umwelt zum Beispiel! Dann bin ich diesen Pfad gegangen mit “Land and Watermanagement” in den Niederlanden und Greenpeace und habe auf dem Weg verstanden, dass es Leute gibt, die in diesem Bereich viel besser sind als ich und die Aufgaben erfüllen können, die ich nicht erfüllen kann.
Ich habe das Gefühl, dass es mit der Musik schon ganz gut passt, weil ich da einfach Intuition und auch Inspiration habe. Vielleicht bin ich keine hundertprozentige Umweltaktivistin, auch wenn ich gerne eine wäre – aber man kann ja auch mit der Musik Menschen inspirieren. Anhand der Reaktionen auf die neuen Lieder, habe ich auch wieder den Eindruck, dass die Musik einigen Leuten hilft, ihre eigenen Gefühle zu sortieren oder besser damit zurecht zu kommen, weil sie sich in den Liedern wiedererkennen und das fühlt sich für mich dann wieder ein bisschen sinnstiftend an.

Du engagierst Dich sehr für Frauen im Musikgeschäft. Dafür hast du unter anderem die #musicwomenwednesday Challenge auf Instagram gestartet. Möchtest Du uns erklären, was das ist?
Ja, alle da draußen unbedingt bitte dem Hashtag #musicwomenwednesday folgen! Ich habe vor ein paar Wochen die Idee gehabt, dass ich gerne Musikerinnen vorstellen möchte. Ich kenne selber so tolle Musikerinnen, aber habe manchmal das Gefühl, dass –  zumindest in Deutschland – nicht wahrgenommen wird, was für eine supertolle Qualität existiert. Es fehlen die Flächen, auf denen Frauen repräsentiert werden. Zum Beispiel sind auf großen Festivals von allen Bands, die dort auftreten, bis zu 95 Prozent reine Männerbands. In der Musikbranche wird den Frauen viel zu wenig Platz gelassen. Also wollte ich selber eine Plattform schaffen, wo die Musik, die Frauen machen, gehört werden kann.
Die Reaktionen und das Feedback von denen, die mitmachen und es hören, sind total schön. Es macht viel Spaß und man entdeckt tolle Sängerinnen, von denen ich selber gar nichts wusste, Sängerinnen wie Ami Warning. Ich bin richtig tief berührt von ihrer Musik.

Dein Promotionsteam für „NAH“ bestand ausschließlich aus Frauen. Was hat Dich zu dieser Maßnahme bewegt?
Ich dachte mir, wenn ich mir mehr Gleichberechtigung in der Musikbranche wünsche, dann muss ich selber auch meinen Teil dazu beitragen. Nachdem mir auffiel, dass ich tagelang fast nur mit Männern im Studio verbracht habe, war mir wichtig, dass ich in der Musikbranche nach Frauen suche, aus denen ich mein Promo-Team zusammenstellen kann. Und ich kann sagen: ich bin richtig happy mit meinem ganzen Team!
Und wo wir schon dabei sind: Ich bin auch Teil von Music Women Germany. Das ist unter anderem eine Datenbank von Frauen, die Profis in ihrem Fach sind und die in der Musikbranche tätig sind. Da ist alles dabei, von der Tontechnikerin bis hin zur Bookerin, nachschlagen kann man das unter www.musicwomengermany.de. Am Besten tragen sich alle “Musik-Frauen” da ein, damit man sie finden kann. Wir wollen das Argument “für diese Tätigkeit gibt es aber nur Männer“ aushebeln und zeigen: Nein, da gibt es auch Frauen. Ein Blick in die Datenbank reicht.
Mit geht es darum, dass wir Frauen ein Netzwerk erschaffen, in dem wir uns gegenseitig unterstützen können. Wenn die Männer uns nicht ins Boot holen, dann müssen wir uns halt gegenseitig reinholen.

Hörst Du zum Vergnügen Deine eigene Musik?
Nein! Ich höre meine Sachen ja ständig selbst, wenn ich daran arbeite. In der Vorbereitung des Albums habe ich meine Lieder natürlich ganz oft gehört, aber da geht man ziemlich technisch dran. In meiner Freizeit höre ich relativ wenig Musik, seitdem ich selbst Musikerin bin.

Was würdest Du einer unserer Leserinnen raten, die gerne Musikerin werden würde, sich jedoch unsicher ist, wegen dieses Themas, dass die Musikbranche eine Männerdomäne sei?
Also erstmal kann ich ein positives Zeichen raussenden. Ich habe mich neulich mit Tex von TV Noir unterhalten und der beobachtet gerade, dass die Videos von Frauen, wie Wilhelmine, Lina Mali oder LOTTE richtig viel geguckt werden und zwar mehr, als die von den männlichen Kollegen. Ich glaube, das müsste man den Festivalveranstaltern sagen oder vor Augen führen, dass Musikerinnen und Künstlerinnen sehr viel gehört werden, mehr als die Männer.
Einer jungen Musikerin würde ich auf jeden Fall raten, ihrem Impuls zu folgen, aber sich auch ein dickes Fell anzuziehen. Man braucht, glaube ich, viel Geduld und Durchhaltevermögen. Manchmal schreibt man zehn Veranstalter an, um ein Konzert zu spielen – und man bekommt neun Absagen. Das kann frustrierend sein. Aber der zehnte Veranstalter sagt dann vielleicht zu! Wenn es einem richtig wichtig ist, muss man Kampfgeist mitbringen, sonst wird es schwer.

Vielen Dank, Alin, für Deine Zeit und diese tollen Antworten. LizzyNet und ich wünschen Dir weiterhin viel Erfolg!
Ich danke Dir, mach‘s gut!

Interview von Tatiana Flores von LizzyNet.de mit Alin Coen vom 15.07.2020

Das Album "Nah" erscheint am 28.August 2020.

Quelle:

Was denkst du darüber?
  • Es hat viel Spaß gemacht Tatiana, 28.07.2020 17:18
    Es hat super viel Spaß gemacht dieses Interview zu führen. Alin ist ist nicht nur eine tolle Musikerin, sondern auch eine total sympathische und nette Person!
Autorin / Autor: Tatiana Flores/ Alin Coen, Interview vom 15.07.2020; Bild: Sandra Ludewig - Stand: 23. Juli 2020