Bloß kein Stress!

Forschung: Warum zu viele soziale Kontakte zu Filterblasenbildung und einem Zerfall der Gesellschaft führen können

Was würden wir in diesen Zeiten tun ohne WhatsApp, Insta, Zoom oder Jitsi? Was wären wir ohne unser Smartphone, das uns gerade jetzt mit Menschen verbunden hält, die wir in „echt“ leider nicht sehen können. Viele Menschen haben enorm viele soziale Kontakte in den sozialen Medien, 200 „Freunde“ sind keine Seltenheit. Da sollte man doch meinen, dass all die digitalen Tools und Netzwerke und virtuellen Räume uns mit anderen verbunden halten, die Menschen näher zusammenbringen und einen über den Tellerrand hinausblicken lassen. Das Gegenteil scheint aber der Fall zu sein, wie Forscher_innen um Tuan Pham vom Compexity Science Hub (CSH) an der Medizinischen Universität Wien nun in einem Modell berechnet haben. Verrückterweise zerfällt die Gesellschaft ab einer bestimmten Anzahl sozialer Kontakte in viele kleine Teile, die oft als Filterblasen beschrieben werden.

Gleich und gleich gesellt sich gern und die Harmonie sozialer Dreiecke
Ihre  Theorie der sozialen Fragmentierung stützen die Forscher_innen auf zwei soziologische Grundkonzepte. Die erste ist das der „Homophily, das man gut übersetzen könnte mit „gleich und gleich gesellt sich gern“. Wir möchten Stress vermeiden und sind glücklicher, wenn wir mit anderen übereinstimmen. Infolgedessen gleichen sich Meinungen in Gruppen mit der Zeit oft aneinander an.
Das andere Konzept ist die Balancetheorie, die im Prinzip besagt, dass wir immer darauf aus sind, dass unsere Freunde, mit denen wir uns gut verstehen, auch untereinander klarkommen.
KSH-Präsident Stefan Thurner erklärt: „Wir konstruieren gerne soziale Dreiecke. Am liebsten haben wir es, wenn alle drei in dem Dreieck einander mögen. Wir mögen es hingegen gar nicht, wenn zwei Leute, mit denen wir uns gut verstehen, einander nicht leiden können oder nicht miteinander reden.“ Tatsächlich kommt das in Gesellschaften darum auch eher selten vor.

In ihrem Modell kombinieren die Wissenschaftler_innen nun diese beiden Konstrukte zusätzlich mit einem Gesetz zur Minimierung des Energieaufwands – die Forscher_innen unterstellen, dass Menschen versuchen,  einen Zustand geringster sozialer Belastung herzustellen – also möglichst stress- und konfliktarm durchs Leben zu kommen.

Erst Austausch und Kooperation, dann Blasenbildung
Dabei wurden zwei Phasenzustände deutlich, in denen sich eine Gesellschaft befinden kann: entweder ist sie kohärent, was soviel heißt, dass es Zusammenhalt, Austausch und Kooperation geben kann, oder sie zerfällt in kleine Blasen von Gleichgesinnten. Die verstehen sich dann zwar gut untereinander, aber eine konstruktive Kommunikation über die Blasen hinweg ist nicht mehr möglich, so dass die Gesellschaft zerfällt.

Zahl der sozialen Kontakte sind der Kipppunkt
Es sind ausgerechnet zu viele soziale Kontakte, die dazu führen, dass die Gesellschaft von der einen Phase in die andere übergeht. Dabei sei der Übergang abrupt, sagen die Forscher_innen und der Kipppunkt sei die Anzahl von Kontakten. Warum? Weil das oben vorgestellte Modell davon ausgeht, dass ich Stress vermeiden und eine Balance herstellen will. Streitigkeiten mit zwei Personen aus einem Bekanntenkreis von 20 Menschen kann ich ertragen, nicht aber, wenn sich von meinen 100 "Freunden" plötzlich 20 gegen mich wenden. Ich werde die 20 dann künftig eher meiden und mich lieber in meiner gemütlichen Blase aufhalten. Wenn viele Menschen das gleichzeitig tun, kommt es zum gesellschaftlichen Zerfall. "Das ist so sicher wie ein Naturgesetz", sagt Thurner.

Gefahr für die Demokratie
Thurner sieht hier eine enorme Gefahr für unsere demokratischen Gesellschaften und für den Kampf gegen  die großen Herausforderungen unserer Zeit wie den Klimawandel oder die Pandemie. Wenn die Menschen in ihren Blasen blieben und keine Bereitschaft mehr da wäre, diese Komfortzonen zu verlassen, wie könnten dann wichtige Themen noch verhandelt und Kompromisse gefunden werden, die die Basis unserer Demokratie ausmachten, fragt der Forscher. Um sie zu retten, sei aus seiner Sicht das wirksamste Mittel, die Kontakte wieder zu reduzieren, was natürlich völlig unrealistisch sei. Aber zumindest müsse dringend darüber nachgedacht werden. Die Forscher_innen wollen ihr Modell nun erstmal mit großen Datensätzen testen.

Bis dahin können wir sicher alle dazu beitragen, auch mal unsere eigene sichere Blase zu verlassen und uns klar zu machen, dass wir Menschen alle in einem Boot sitzen, auch wenn wir unterschiedlicher Meinung sind, wie es gesteuert werden sollte.

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Autorin / Autor: Redaktion / Pressemitteilung - Stand: 23. November 2020