Egal wohin – einfach weg!

Alina hat einen Freiwilligen-Dienst in Rumänien gemacht und war überrascht, wie viel sie dort erleben durfte

Letztes Jahr im Frühling neigte sich meine Schulzeit dem Ende zu. Neben dem Abi-Stress war ich hin- und her gerissen zwischen sofort studieren oder erst mal ein Jahr Pause einlegen. Schon in der 11 hatte ich ein Auslandsjahr gemacht, und für mich war eigentlich immer klar gewesen: Nach der Schule mache ich einen Sozialdienst, am besten im spanischsprachigen Ausland. Als es dann so weit war, war ich mir gar nicht mehr so sicher. Relativ spät entschied ich mich, mich einfach mal über Sozialdienste im Ausland zu informieren. Eigentlich hieß das nur, irgendein Programm zu finden, bei dem man keine riesigen Summen an Geld an eine Organisation zahlen und einen Spenderkreis aufbauen muss. Zudem sollte es spätestens im Herbst losgehen. Schwierig, denn für die meisten Programme waren die Fristen schon abgelaufen oder die Organisationen verlangten mehrere tausend Euro.

Mein Hoffnungsschimmer

Von einer Bekannten bekam ich schließlich den Tipp, mich bei einer Organisation namens „IN VIA“ zu melden, die den sogenannten „Europäischen Freiwilligendienst“ anbietet. Endlich hatte ich ein Programm gefunden, bei dem man komplett gefördert wird. Das heißt, die EU bezahlt Flug, Transportkosten, Unterkunft, Geld zur Verpflegung, angemessenes Taschengeld und Seminare mit allem drum und dran. Ich hatte schon fast den Glauben verloren, dass solch ein Programm existiert. Über eine Datenbank von Projekten in unterschiedlichen Städten und Ländern der EU, konnte man sich selber, persönlich bewerben. Die Datenbank ist riesig und es gibt die unterschiedlichsten Projekte in verschiedenen Zeiträumen. Die Mitarbeiter von IN VIA rieten mir, so viele Bewerbungen wie möglich rauszuschicken, da es besonders gegen Schulende sehr viele Bewerber und nur noch wenige Projekte gibt. Das tat ich. Dabei beschränkte ich mich auf Spanien, Kroatien und Italien. Länder, die bekannt sind für ihre Schönheit, tolles Wetter und Urlaubsflair. Das klingt auch schon so schön: „Ich mache einen Freiwilligendienst in Italien“. Ich schickte bestimmt 30 Bewerbungen raus, erhielt aber entweder keine Antwort oder eine Absage. Die Plätze schienen alle schon vergeben. Eine Mitarbeiterin meiner Organisation sagte zu mir „Es kommt gar nicht auf das Land oder die Stadt an, in die man kommt“. Ich dachte mir nur „Na klar, wer will denn nach Polen oder Russland?“ aber stimmte ihr mit einem Nicken zu. Irgendwann fing ich dann an, mich auf wirklich alles zu bewerben. Das heißt, willkürlich auf sämtliche Projekte, u.a. auch in Griechenland, Zypern, Rumänien und Ungarn. Ich hoffte natürlich weiter auf ein Projekt in Spanien. Plötzlich bekam ich dann die Zusage: Arad, Rumänien ab Oktober, für acht Monate. Ich konnte es nicht fassen und schwamm irgendwo zwischen Freude rauszukommen und Enttäuschung, dass es Rumänien und nicht Spanien ist. Ich freundete mich aber mehr und mehr mit Rumänien an, fing an Rumänisch zu lernen und freute mich richtig auf die Zeit im Ausland. Ich hatte kein Bild von Rumänien und einfach so gut wie gar keine Informationen zu Projekt und Unterkunft. Es war zwar irgendwie spannend, nicht zu wissen was auf einen zukommt, es machte mir aber auch ganz schön Angst.

Auf ins Ungewisse

Mit 20 kg im Koffer ging es dann am 3. Oktober 2011 los in den Flieger nach Rumänien und die Zeit meines Lebens sollte beginnen. Als ich im Flieger saß, machte ich mich auf das Allerschlimmste gefasst. Im Vorbereitungsseminar wurden wir auf Horror-Szenarien vorbereitet: Allein im Projekt sein, kein Wort verstehen, eisige Kälte, ohne soziale Kontakte leben, ausgenutzt werden, sich mit mehreren Leuten ein dreckiges Zimmer teilen. Immer wieder hatte ich mir diese Situationen vorgestellt und war bereit dazu, acht Monate lang am Rande meiner Komfortzone zu leben. Aber nichts dergleichen trat ein, umso dankbarer und glücklicher war ich mit Allem. Ich wurde mit dem Auto vom Flughafen abgeholt und in das Studentenwohnheim gebracht, das zukünftig mein Zuhause sein würde. Wir waren insgesamt 11 Freiwillige aus Deutschland, Italien, Spanien, Lettland, Mazedonien und der Türkei. Dieser bunte Haufen, 19-28 Jahre, teilte sich eine Küche und jeweils zwei teilten sich ein Zimmer mit Bad.

Mein neues Leben

Wir waren für acht Monate die „Freiwilligen“ der Stadt, neben weiteren acht Freiwilligen, die gute Freunde von uns wurden. Wir lebten in einer Kleinstadt namens Arad, mit einem winzigen aber sehr schönen Stadtzentrum. Die restlichen 80% der Stadt bestanden aus Plattenbauten; relativ weit außerhalb lag unser Wohnheim. Glücklicherweise bekamen wir Fahrräder gestellt, sodass wir innerhalb von 20 Minuten im Zentrum sein konnten, wo sich auch unser eigenes Büro befand. Dort trafen wir uns regelmäßig mit unserer Koordinatorin und organisierten soziale Projekte in der Stadt: Workshops im Behindertenzentrum, Basteln in Schulen und Kindergärten, Bücherspenden etc. Neben den vorgeschriebenen Projekten durften wir uns unsere eigenen überlegen.

Wenn man ganz ehrlich ist, hatten wir keine harte Arbeit zu leisten und genossen sehr viel Freizeit und Möglichkeiten zum Reisen. In Rumänien kann man unglaublich gut reisen; in alten, stinkenden Zügen mit Abteilen kommt man langsam aber billig von Stadt zu Stadt und in Orte voll unberührter Natur. Jedes Wochenende reisten wir in kleinen Gruppen in fremde Orte, genossen die Freiheit, die niedrigen Preise, die Stunden zwischen Raum und Zeit. Wir erlebten Monate lang völliges Freisein von Bürokratie, Stress, Terminkalender, Druck, Alltag. Es fühlte sich grandios an, einfach im Hier und Jetzt zu leben und nicht an Morgen denken zu müssen. Es waren nicht nur Abenteuer und endlos viele Geschichten, es waren auch tiefe Freundschaften zwischen Menschen, die sich, nachdem sie miteinander lebten, arbeiteten, reisten, Freizeit verbrachten, völlig in- und auswendig kannten. Natürlich gab es Streits, Probleme, Krisen und all das, was eben dazu gehört, wenn so viele junge Leute auf einander hocken, aber das hat nichts an unserem Zusammenhalt geändert. Die letzten Monate, blieben wir in unserer Stadt, Arad, und verbrachten in einer riesigen Gruppe von Freiwilligen und Erasmus-Studenten unsere restliche Zeit im bereits heißen Frühling.

Der Ort ist völlig egal

Wir sind, fast ohne es zu merken, wie eine Familie zusammengewachsen und haben erfahren, wie einfach und schnell man sich an eine neue Umgebung und neue Menschen gewöhnen kann. Ich habe mich nie wohler und glücklicher gefühlt als in unserem schäbigen Wohnheim, was wohl daran lag, dass man immer umgeben war von aktiven Menschen. Es blieb gar keine Gelegenheit, alleine zu sein und sich zu allem Gedanken zu machen. Das Leben mal nicht so ernst zu nehmen, hat mir persönlich sehr gut getan und mir gezeigt, was ich mir für mein Leben in Zukunft wünsche, sodass es mir nun leichter fällt, mich für ein Studium zu entscheiden. Und immer wieder ist mir während der Zeit klar geworden, dass es wirklich überhaupt gar keine Rolle spielt, wohin man geht. Für mich ist das eine wichtige Erfahrung, weil ich immer die beneidet habe, die nach Südamerika gehen oder nach Australien. Bis zu meiner Abreise aus Deutschland habe ich ein wenig über meine verpasste Chance getrauert und geglaubt, dass die, die es nach Chile schaffen, mehr Außergewöhnliches sehen und erleben werden. Jetzt weiß ich, dass es nicht um den Ort geht, sondern vielmehr um das Reisen an sich und sich in einem fremden Ort ein Leben mit neuen Menschen aufzubauen. Jetzt heißt es, mithilfe dieses gewonnenen Optimismus, die Abschiedstrauer zu überwinden und auf einen genauso glücklichen Lebensabschnitt im Studium zu hoffen. Ich wünschte, jeder würde diese Erfahrung machen.


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Autorin / Autor: Alina - Stand: 17. Juli 2012
 
 

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