Die Lebensmittel-Schönheitsfalle

Studie: Menschen halten ästhetisch gestaltete Lebensmittel für gesünder und natürlicher, als sie sind.

Foto: Daniel Reche / Pexels

Die Lebensmittelindustrie, Restaurants und Werbetreibende verbiegen sich deko-mäßig geradezu bei der Präsentation von Gerichten, die sie unters Volk bringen wollen. Food-Stylisten sorgen für kunstvolle Muster, perfekte Symmetrien oder eine perfekte Ausgewogenheit – alles Merkmale klassischer Schönheitsvorstellungen, wie wir sie auch in der Natur finden.
Tatsächlich finden wir ästhetisch präsentierte Lebensmittel nicht nur unwiderstehlich, sondern sie erscheinen uns auch natürlicher und gesünder.

Das haben Forscher_innen um Linda Hagen von der University Of Southern California in einer Studie herausgefunden, die kürzlich im Fachblatt Journal of Marketing erschienen ist. 
"Marketingspezialisten stylen Lebensmittel häufig so, dass sie hübsch aussehen", sagte Hagen, die Hauptautorin der Studie. "In unseren Köpfen verbinden die Menschen ästhetische Schönheit mit der Natur und mit natürlichen Dingen, was sich auf die Wahrnehmung überträgt, dass hübsches Essen gesundes Essen ist, aber die Menschen werden oft durch die Attraktivität von Essen in die Irre geführt, das nicht gut für sie ist.“

In einer Reihe von Experimenten mit 4.300 Proband_innen bat die Forscherin die Menschen, Fotos von Lebensmitteln sowie reale Lebensmittelproben zu betrachten und dann zu bewerten für wie gesund oder ungesund und wie stark verarbeitet oder naturbelassen sie die Lebensmittel einschätzten.
In der ersten Studie wurden 800 Personen gebeten, im Internet nach hübschen oder hässlichen Lebensmitteln zu suchen. Die Testpersonen kehrten unter anderem mit Bildern von Eiscreme, Lasagne, Omeletts und Sandwiches zurück. Als nächstes wurden die Testpersonen gebeten, festzustellen, ob das Essen nahrhaft und gesund ist oder nicht. Überwiegend berichteten sowohl Männer als auch Frauen, dass hübsches Essen gesünder sei.

Das perfekter gestylte Avocado-Toast ist auch gesünder?
In einem anderen Experiment bewerteten 400 Testpersonen Avocado-Toast: einmal auf einem Bild mit perfekt geschnittenen Halbmonden auf dem Toast, dann ein anderes, das die Frucht als klobigen grünen Klecks auf dem Brot darstellte. Die Teilnehmer wurden gebeten, die Bilder nach Gesundheit, Natürlichkeit und Schmackhaftigkeit zu bewerten.
Für jedes Kriterium gaben die Probanden die hübsche Version des Avocado-Toasts als gesünder und natürlicher an, aber die Lebensmittel wurden als gleich teuer und schmackhaft angesehen, wie die Studie zeigt.
Das gleiche Ergebnis trat bei einer anderen Gruppe von 800 Studienteilnehmer_innen auf, die Bilder von Lebensmitteln wie Muffins, Mandelbrot mit Bananen und einem Teller Spaghetti sahen. Allerdings wurde ihnen eine Vorabinformation zu dem folgenden Bild gegeben: Ein und dasselbe Bild wurde mal als schön oder ästhetisch fehlerhaft angekündigt. Befangen durch ihre Erwartungshaltung hielten die Testpersonen das "hässliche" Essen für weniger natürlich und nahrhaft als das "hübsche" Essen, obwohl es gar keinen Unterschied gab.
Auch beim Anblick von Paprikaschoten kam Testpersonen die Frucht gesünder vor, wenn sie perfekt geformt war. Sie waren auch bereit mehr für sie auszugeben als für eine Paprika mit einer etwas merkwürdigen Form.

Schön scheint weniger fettreich, kalorienärmer, natürlicher
"Bei jedem dieser Experimente empfanden die Menschen immer wieder das gleiche Lebensmittel als natürlicher, wenn es schöner aussieht, und glauben, dass diese Natürlichkeit Gesundheit impliziert", sagte Hagen. "Die Verbraucher erwarten, dass Lebensmittel nahrhafter und weniger fetthaltig sind und weniger Kalorien enthalten, wenn sie nach klassischen Kriterien schön aussehen. Diese verzerrte Wahrnehmung führt den Forscher_innen zufolge nicht selten zu einer ungesunden Essensauswahl. Sie empfehlen darum Warnhinweise auf Essensdarstellungen, die die Verbraucher_innen darüber informieren, dass die Darstellung bearbeitet wurde, um die Lebensmittel gesünder darzustellen.

Gegen einen solchen Vorschlag dürften Lebensmittelproduzenten wohl Sturm laufen.

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Autorin / Autor: Redaktion / Pressemitteilung (eurekalert.org); Bild:  Daniel Reche / Pexels