Dauerbegleiter Smartphone
Studie „Always-on: Digitaler Stress in Deutschland": Vom ersten Blick am Morgen bis zur letzten Nachricht am Abend hängen wir am Handy
Vom ersten Blick nach dem Aufwachen bis zum letzten Scrollen vor dem Einschlafen: Digitale Geräte begleiten die Menschen in Deutschland durch den gesamten Tag. Das zeigt eine neue IU-Studie. Die Umfrage „Always-on: Digitaler Stress in Deutschland" der IU Internationalen Hochschule, für die im Januar 2.000 Menschen in Deutschland repräsentativ nach Alter und Geschlecht befragt wurden, belegt: Digitale Gewohnheiten sind tief im Alltag verankert – oft unbewusst und entgegen gängiger Empfehlungen zur Schlafhygiene.
Morgenroutine mit Smartphone und Co.
Für die große Mehrheit der Menschen in Deutschland beginnt der Tag digital: 75,1 Prozent der Befragten nutzen laut IU-Studie innerhalb von weniger als 30 Minuten nach dem Aufwachen ein digitales Gerät. Mehr als ein Drittel (36,2 Prozent) greift sogar direkt nach dem Aufwachen zu Smartphone, Tablet, Laptop oder Smartwatch – als Teil der Morgenroutine. Besonders ausgeprägt ist dieses Verhalten bei jungen Menschen: 86,9 Prozent der 16- bis 30-Jährigen nutzen digitale Geräte innerhalb von 30 Minuten nach dem Aufwachen, jede:r Zweite (50,4 Prozent) bis dreißig greift sogar unmittelbar nach dem Aufwachen zum Smartphone und Co.
Schlafhygiene? Fehlanzeige
Auch am Abend gehören digitale Geräte zur Routine: 73,8 Prozent der Befragten nutzen Smartphone und Co. innerhalb von weniger als 30 Minuten vor dem Schlafengehen, 40,4 Prozent sogar direkt vor dem Schlafen. Weniger als jede:r Zehnte (9,5 Prozent) folgt den gängigen Empfehlungen zur Schlafhygiene und legt digitale Geräte mindestens eine Stunde vor dem Schlafengehen zur Seite. Bei den jungen Erwachsenen bis 30 Jahre sind die Zahlen noch deutlicher: 86,3 Prozent nutzen digitale Geräte innerhalb von weniger als 30 Minuten vor dem Schlafen, mehr als die Hälfte (55,9 Prozent) direkt vor dem Schlafengehen.
„Die Menschen in Deutschland sind in einem permanenten mentalen Aktivierungszustand – vom Aufwachen mit Blick auf das Smartphone bis zum Einschlafen mit erneuter Bildschirmzeit", so Prof.in Dr.in Stefanie André, Professorin für Gesundheitsmanagement an der IU Internationalen Hochschule. „Gerade junge Erwachsene nutzen das Smartphone häufig als schnellen Emotionsregulator. Langfristig kann das jedoch dazu führen, dass echte Erholung verdrängt, Stress verstärkt und das Abschalten – besonders am Abend – erschwert wird."
Jede:r Zehnte hat Smartphone ständig in Reichweite
Digitale Geräte sind nicht nur morgens und abends präsent, sondern ziehen sich durch den gesamten Alltag: 62,8 Prozent der Befragten nutzen ihr Smartphone parallel zu anderen Tätigkeiten – etwa beim Essen, in Gesprächen oder beim Fernsehen. Bei jungen Menschen zwischen 16 und 30 Jahren tun dies sogar fast drei Viertel (73,1 Prozent). Die IU-Studie zeigt zudem: 81,0 Prozent der Menschen in Deutschland schauen mindestens ein- bis zweimal pro Stunde auf ihre digitalen Geräte – auch ohne konkrete Benachrichtigung. Fast die Hälfte (47,1 Prozent) checkt diese sogar dreimal oder häufiger pro Stunde, 12,4 Prozent haben ihr digitales Gerät immer in Reichweite.
Mit Blick auf die Altersgruppen zeigt sich ein deutlicher Unterschied: Je jünger die Befragten sind, desto häufiger greifen sie zum Smartphone und Co. 90,6 Prozent der 16- bis 30-Jährigen schauen mindestens ein- bis zweimal pro Stunde auf ihre digitalen Geräte, 68,1 Prozent sogar dreimal oder häufiger.
Der Habit Loop: Gewohnheit statt bewusster Nutzung
Was treibt diese intensive Nutzung an? Oft ist es wohl schlicht Gewohnheit, wie die Ergebnisse zeigen: 71,3 Prozent der Befragten überprüfen ihre digitalen Nachrichten oder Apps aus Gewohnheit, ohne einen konkreten Anlass. Bei den bis 30-Jährigen sind es sogar 79,6 Prozent.
„Bei unseren digitalen Gewohnheiten greift der typische Gewohnheitskreislauf, auch ‚Habit Loop' genannt. Auslöser sind oft Langeweile oder kurze Leerlaufmomente. Darauf folgt die Routine, nämlich das automatische Greifen zum Smartphone. Die Belohnung ist häufig ein kurzer Moment der Stimulation durch etwas Neues oder soziale Signale. So lernt das Gehirn: ‚Checken lohnt sich', und der Kreislauf verstärkt sich bei jeder Wiederholung, bis das Verhalten langfristig zur Gewohnheit wird", erklärt Prof. Dr. Timo Kortsch, Professor für Wirtschaftspsychologie an der IU Internationalen Hochschule.
Eine weitere Erkenntnis: Fast zwei Drittel der Befragten (64,6 Prozent) geben an, digitale Geräte zur Ablenkung zu nutzen, wenn sie schlecht gelaunt sind. Bei den 16- bis 30-Jährigen sind es sogar 78,2 Prozent.
Wahrnehmung und Wirklichkeit: Die Kontrollfalle
Obwohl digitale Geräte den Alltag stark prägen, haben viele Menschen das Gefühl, die Kontrolle zu behalten: Fast drei Viertel (73,7 Prozent) der Befragten stimmen der Aussage „Ich habe das Gefühl, selbst gut steuern zu können, wie stark digitale Geräte meinen Alltag bestimmen" eher oder voll und ganz zu. Dieses Gefühl scheint mit dem Alter zuzunehmen: Während 57,5 Prozent der 16- bis 30-Jährigen dieser Aussage voll und ganz oder eher zustimmen, sind es unter den 61- bis 65-Jährigen mit 85,8 Prozent im Vergleich deutlich mehr.
Insgesamt fällt auf, dass Jüngere weniger Kontrolle über ihre Nutzung digitaler Geräte zu haben scheinen: 43,3 Prozent der jungen Erwachsenen bis zu 30 Jahre stimmen folgender Aussage eher oder voll und ganz zu: „Ohne Smartphone in Reichweite werde ich schnell unruhig".
Ein Blick auf das konkrete Nutzungsverhalten relativiert das oben geschilderte Selbstbild deutlich:
64,6 Prozent aller Befragten schauen direkt nach, wenn eine neue Nachricht oder Benachrichtigung eingeht.
53,2 Prozent machen ständig eingehende Push-Benachrichtigungen unruhig.
55,9 Prozent nutzen ihr Smartphone länger als geplant.
52,0 Prozent fällt es schwer, digitale Benachrichtigungen zu ignorieren.
Über die Studie
Die Studie „Always-on: Digitaler Stress in Deutschland" der IU Internationalen Hochschule untersucht, wie digitale Dauererreichbarkeit den Alltag prägt und welche Auswirkungen sie auf Gesundheit, Konzentration und Lebensqualität hat. Für die Studie wurden 2.000 Personen in Deutschland im Alter von 16 bis 65 Jahren befragt. Die Stichprobe ist repräsentativ für die deutsche Bevölkerung nach Alter und Geschlecht. Die Befragung wurde im Zeitraum vom 13.01. bis 19.01.2026 durchgeführt.
Quelle
Autorin / Autor: Redaktion / Pressemitteilung - Stand: 9. Juli 2026