"Beweisstück Unterhose"
Citizen Science-Projekts: 2000 vergrabene Unterhosen und 12.0000 Teebeutel zeigen 5 Jahre später, wie es um die Artenvielfalt im Boden bestellt ist
Bild: Nicolas Zonvi; Zwei Monate vergraben im Boden und zersetzt durch die Bodenorganismen hinterlassen bei einer neuen Baumwoll-Unterhose (links) deutliche Spuren (rechts).
Wenn ihr durch euren Garten stapft oder über eine Wiese spaziert, ahnt ihr dann, was sich unter euren Füßen eigentlich abspielt? Schätzungen zufolge lebt mehr als die Hälfte der weltweiten Biodiversität im Boden. Doch die Artenvielfalt geht nicht nur über der Erde, sondern auch im Boden stark zurück. Um das wissenschaftlich zu erfassen, haben Forscher:innen der Universität Zürich und Agroscope ein ebenso witziges wie effektives Citizen Science-Projekt (Wissenschaftliches Projekt, an dem Bürger:innen mithelfen) unter dem Titel «Beweisstück Unterhose» durchgeführt. Vor fünf Jahren vergruben 1.000 Freiwillige in der ganzen Schweiz mehr als 2.000 Baumwoll-Unterhosen nach einem einheitlichen Verfahren. Nach zwei Monaten wurden sie wieder ausgegraben, fotografiert und zusammen mit einer Bodenprobe ins Labor zur weiteren Analyse geschickt.
Nun wurden die Ergebnisse – eine Landkarte der Bodenaktivität – im Fachjournal «Plants, People, Planet» vorgestellt. Die Auswertung zeigt, dass sich die Unterhosen je nach Standort sehr unterschiedlich zersetzt haben. Dabei gilt die Abbaugeschwindigkeit als Indikator für das Bodenleben: Je aktiver die Bodenorganismen, desto schneller wird das Baumwollmaterial abgebaut.
Am stärksten zersetzten sich die Unterhosen in Privatgärten. Dort fanden die Forschenden die höchsten Anteile an organischer Substanz – ideale Bedingungen für Regenwürmer, Pilze, Bakterien und andere Bodenlebewesen. Die geringste Aktivität der Bodenlebewesen wurde in Rasenflächen festgestellt, landwirtschaftlich genutzte Äcker und Wiesen lagen dazwischen.
Die Forscher:innen schließen daraus, dass die Art, wie wir Böden nutzen dafür verantwortlich ist, wie gesund der Boden ist. Warum das wichtig ist, erklärt Co-Studienleiter Marcel van der Heijden, UZH-Professor für Agrarökologie: «Ein lebendiger Boden ist entscheidend für die Fruchtbarkeit, die Nährstoffkreisläufe und zahlreiche weitere Ökosystemleistungen.» Zu den Maßnahmen, die das Bodenleben fördern können, zählen etwa eine permanente Bodenbedeckung, der Einsatz von Kompost, vielfältige Fruchtfolgen, sowie reduzierter Einsatz von Mineraldünger und Pflanzenschutzmitteln.
Stark abgebaute Unterhose deutet auf fruchtbaren Boden hin
Die Art der Landnutzung erwies sich dabei als der wichtigste Faktor für die Zersetzung der Unterhosen. Ob ein Standort als Garten, Wiese, Acker oder Rasen genutzt wurde, erklärte die Unterschiede besser als die meisten gemessenen Bodeneigenschaften. Eine weitere wichtige Rolle spielten chemische Bodeneigenschaften, wie der Gehalt an Nährstoffen.
Die Resultate zeigen zudem, dass ein starker Unterhosenabbau häufig auf eine hohe Bodenfruchtbarkeit und eine gute Nährstoffversorgung hindeutet. Dies ist insbesondere für die landwirtschaftliche Produktion von Vorteil. «Ein maximaler Abbau ist aber nicht in jedem Ökosystem wünschenswert», sagt Franz Bender, Teamleiter für Agrarökologische Bewertungen bei Agroscope und Co-Projektleiter.
Zu viele Nährstoffe nicht immer erwünscht
«In naturnahen Lebensräumen wie Wäldern können sehr hohe Nährstoffgehalte auf Störungen des natürlichen Nährstoffhaushalts hinweisen. Auch in Gärten kann ein starker Unterhosenabbau auf eine Überversorgung mit Nährstoffen hindeuten», so Bender. In solchen Fällen lohnt es sich zu überprüfen, ob die Düngung reduziert werden sollte. Hinzu kommt, dass die biologische Aktivität im Boden stark von Temperatur und Bodenfeuchtigkeit abhängig ist: Ist es zu kalt oder zu trocken, ist der Boden kaum aktiv.
Unterhosen-Index könnte Bewusstsein für Bodengesundheit schaffen
Vergrabene Baumwoll-Unterhosen können ein aussagekräftiges Instrument sein, um Unterschiede in den biologischen Prozessen und der Fruchtbarkeit von Böden sichtbar zu machen. Die Forschenden schlagen deshalb den «Unterhosen-Index» als einfach verständliche Methode vor, um Bodenprozesse zu veranschaulichen und das öffentliche Bewusstsein für Schutz der Böden zu stärken.
Grossangelegte Forschung dank Citizen Science
Das Projekt «Beweisstück Unterhose» zeigt, welches Potenzial in der Citizen Science für die Forschung steckt. Ohne die Mithilfe der zahlreichen freiwilligen Bürgerwissenschaftler:innen wäre eine Untersuchung in dieser räumlichen Auflösung mit 1'000 Standorten nicht möglich gewesen.
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Autorin / Autor: Pressemitteilung / Redaktion; Bild: Nicolas Zonvi - Stand: 28. August 2026