Akademische Selbstinszenierungen

Studie zu Geschlechterunterschieden auf wissenschaftlichen Tagungen: Männer reden mehr und länger

Wer im Wissenschaftsbetrieb unterwegs ist, weiß, dass es immer auch um Sichtbarkeit und Anerkennung geht. Auf Konferenzen treten Wissenschaftler_innen nicht nur auf die Bühne, um ihre Forschungsergebnisse, sondern auch sich selbst anderen Kolleg_innen zu präsentieren. Dabei geht es häufig auch darum, die persönlichen Karrierechancen zu steigern. Wie es hierbei um die Gleichstellung der Geschlechter bestellt ist, untersuchte nun ein Team aus Geograph_innen der Universität Passau und fand heraus: Nach wie vor kommen Männer häufiger und länger zu Wort als Frauen.

Vorgenommen hatte sich das Team den 61. Deutschen Kongress für Geographie 2019 in Kiel. Neben der Auswertung der Gästestruktur und des Konferenzprogramms, wurden in 233 Vorträgen Daten zur Größe und Zusammensetzung der Auditorien, zu Redezeiten und dem Diskussionsverhalten erhoben. Der erste Eindruck: durchaus positiv. Ein nahezu ausgeglichenes Verhältnis bei den Kongressbesucher_innen von 47 Prozent Frauen und 52 Prozent Männern. Bei der Zahl der Vortragenden ergab sich aber schon ein weniger ausgewogenes Bild: 46 Prozent waren Frauen, 54 Prozent Männer.
Dabei sei das durchaus als Erfolg der Gleichstellung in ihrem Fach zu werten, sagt Koautor Christian Haase von der Universität Passau. „Noch in den späten 1980er Jahren waren Vorträge von Geographinnen eine absolute Ausnahme.“ Ist die Gleichstellung der Geschlechter also (fast) erreicht?

Vorträge von Männern besser besucht
Ganz so einfach scheint es leider nicht zu sein, denn bei genauerem Hinsehen zeigten sich den Wissenschaftler_innen deutliche Geschlechterunterschiede. Zum Beispiel wurden Vorträge von Männern besser besucht als die von Frauen. Vor allem Männer nahmen wohl weniger häufig an Vorträgen ihrer Kolleginnen teil.

Auch im Hinblick auf die Redezeiten ergaben sich große Unterschiede: Männer überschritten nicht nur häufiger, sondern auch auch länger die Zeitvorgaben für einen Vortrag. Und auch in Diskussionen meldeten sie sich mehr zu Wort und redeten dabei auch deutlich länger – selbst, wenn im Publikum überwiegend Frauen saßen. „Männer beanspruchen für ihre Ausführungen und ihre akademischen Selbstinszenierungen im Schnitt deutlich mehr Raum“, konstatiert Franziska Meixner, studentische Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Anthropogeographie an der Uni Passau.

Unbewusste Verhaltensweisen und tradierte Rollenvorstellungen
„Da bestehen überkommene geschlechtsspezifische Kommunikationsmuster fort, und diese sind offenbar zählebiger als die formalen Strukturen und Positionen im Unisystem, wo sich in den letzten Jahren eine sehr positive Dynamik abzeichnet“, kommentiert Prof. Dr. Malte Steinbrink, einer der Studienleiter.

Trotz aller Erfolge universitärer Gleichstellungsbemühungen wirken unbewusste Verhaltensweisen und tradierte Rollenvorstellungen noch immer, darauf wollen die Geograph_innen mit der Studie hinweisen und sie appellieren: „Hier gibt es weiter Reflektions- und Handlungsbedarf – nicht nur in der Wissenschaft“.

Die Studie erscheint voraussichtlich im Frühjahr 2021.

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Autorin / Autor: Redaktion/ Pressemitteilung - Stand: 6. November 2020