Alle sitzen nur noch rum

Studie zu physischer Inaktivität: Immer mehr Menschen in  Europa sitzen täglich mehr als viereinhalb Stunden

Schule, Büro, Home-Office, Serien-Marathon - viele Menschen kommen aus dem Sitzen gar nicht mehr heraus. Und das ist schlecht für die Gesundheit. Sitzen ist den Augen vieler Gesundheitsexpert_innen nämlich "das neue Rauchen", das eine Vielzahl chronischer Erkrankungen befördert. Obwohl die Risiken zunehmender sitzender Tätigkeiten bekannt und anerkannt sind, gab es lange keine Untersuchung dazu, wie sehr europäische Bürger_innen wirklich an ihren Stühlen kleben.

Forscher_innen der spanischen Universidad Rey Juan Carlos (URJC) haben dies nun nachgeholt und Daten aus vier europäischen Befragungen zur körperlichen Aktivität mit insgesamt 96.004 Teilnehmenden ausgewertet. Erfasst wurde darin das sogenannte „Sedentary behaviour (SB)“, das als Verhalten definiert ist, bei dem sitzend, angelehnt oder liegend ein bestimmter (sehr niedriger) Energieverbrauch nicht überschritten wird.

8% mehr "Sitzenbleiber"
In der Auswertung der Daten zeigte sich, dass die körperliche Passivität vor allem im Zeitraum zwischen 2002 und 2017 in Europa stark zugenommen hat: Die Zahl der Menschen, die täglich länger als viereinhalb Stunden sitzen, lag 2002 noch bei 49.3%, 2017 bereits bei 54.3%. In Deutschland stieg die Anzahl der "Sitzenbleiber" in diesem Zeitraum sogar um fast 8 %.
Studienautor Xián Mayo Mauriz erklärt, dass Sitzen für mehr als viereinhalb Stunden pro Tag mit dem Risiko bestimmter Krankheiten wie etwa Herzleiden verbunden sei. Weil sitzende Tätigkeiten in ganz Europa zugenommen hätten, könne das Auswirkungen auf die Gesundheit in allen europäischen Staaten haben.

Die Autor_innen stellten fest, dass sowohl der Zuwachs an Rumsitzerei jüngere wie ältere Menschen betraf. Von 2002 bis 2017 waren 55,6% der über 65-Jährigen und 58,3% der 18-24-Jährigen körperlich inaktiv. Die Altersgruppe mit dem stärksten Anstieg der körperlichen Inaktivität bis 2017 war die der 35- bis 44-Jährigen, wobei die Zahl der Erwachsenen, die mehr als viereinhalb Stunden pro Tag saßen, von 43,7% auf 50,4% anstieg.
Insgesamt war die „Sesshaftigkeit“ bei Männern etwas deutlicher ausgeprägt als bei Frauen

Nicht nur mehr Sport, sondern weniger Inaktivität
Die Forscher_innen glauben, dass vor allem technische Errungenschaften wie Smartphones, Streaming-Dienste usw. ihren Anteil zu unser physischen Inaktivität beigetragen haben. Regierungen, die die Gesundheit ihrer Bürger_innen unterstützen möchten, müssten sich nicht nur darauf konzentrieren, sie zu Bewegung anzuregen, sondern auch, sitzende Tätigkeiten zu reduzieren. Tatsächlich kann eine einstündige Fitness-Session das stundenlange Sitzen nämlich kaum ausgleichen.

Die Forscher_innen fürchten, dass die körperliche Inaktivität in Wahrheit noch viel schlimmer ist, als diese Studie vermuten lässt. Denn die Daten wurden aus selbstberichteten typischen Tagesabläufen von Freiwilligen erfasst. Bewegungsprofile von Handys könnten an dieser Stelle wohl noch Schlimmeres offenbaren.
Wenn ihr also auch viel zu oft auf dem Sofa oder am Schreibtisch festklebt, steht öfters mal auf, macht kleine Besorgungen oder gymnastische Einheiten. Denn Dauersitzen ist schädlich.

Die frei zugängliche Studie ist in der Zeitschrift BMC Public Health erschienen.

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Autorin / Autor: Redaktion / Pressemitteilung