Wir nutzen alle Kanäle, um in Kontakt zu bleiben

Interview mit dem Tivolotte Mädchen*club über Mädchenarbeit in Corona-Zeiten

Wie alle Jugendtreffs muss auch der Mädchenclub Tivolotte in den Zeiten von Corona-Kontaktbeschränkungen seine Türen verschlossen halten. Dennoch halten die Mitarbeiterinnen ihre Angebote für die Besucherinnen aufrecht und sind für sie da - nur eben anders. Im Interview mit LizzyNet erzählten sie über den Alltag in dieser außergewöhnlichen Situation.

Wie geht es euch in dieser Corona-Zeit persönlich und als Team?
Uns geht es als Team meistens ganz gut. Natürlich ist es aber, wie für viele Menschen, auch für uns oft ein großes Auf- und Ab. Die Unsicherheit, wie sich die Corona-Zeit weiterentwickeln wird, die Sorge um andere Menschen, privat und bei der Arbeit macht auch uns zu schaffen. Gleichzeitig befinden wir uns sowohl privat als auch als Team in einer überwiegend privilegierten Situation, wir können weiter arbeiten, bekommen vollen Lohn, müssen uns nicht um Einkommen sorgen und können, zum Beispiel verglichen mit den Menschen in den Flüchtlingslagern an den Grenzen Europas oder mit obdachlosen Menschen, uns gut um die eigenen Hygiene- und Abstandsregeln bemühen und leben in Wohnungen mit Platz und Rückzugsmöglichkeiten. Wir wissen, dass das vielen Menschen anders geht und versuchen uns dafür einzusetzen, dass alle Menschen die gleiche Rechte haben sollten. Als Team versuchen wir, uns an die aktuelle Situation zu gewöhnen und diskutieren viel. Zum Beispiel wie wir weiterhin gute Angebote für die Besucherinnen entwickeln können, wie Gremienarbeit oder Teamsitzungen kontaktlos funktionieren oder welche Technik wir für den Kontakt mit den Besucherinnen nutzen können. Auch um den Umgang mit Lockerungen der Kontaktsperren machen wir uns Gedanken, zum Beispiel in welchem Umfang wir nach einer Öffnung der Einrichtung wieder Angebote durchführen können, und wie das aussehen kann, ohne Menschen auszuschließen oder uns und andere zu gefährden.

Da die Mädchentreffs jetzt ja geschlossen sind, denken sich viele Einrichtungen besondere Formen der Kommunikation aus, um mit den Mädchen in Verbindung zu bleiben. Welche Kanäle nutzt ihr? Und wie läuft das ab?
Wir nutzen alle Kanäle, die uns zur Verfügung stehen und haben auch neue Möglichkeiten aufgebaut. Wir telefonieren mit Mädchen und jungen Frauen, skypen, chatten auf instagram und facebook, machen Live-Videos und schicken Emails. Wir haben auch schon Briefpost bekommen sowie Spiele und Bücher an Mädchen an der Einrichtungstür ausgeliehen. Wir haben Challenges und Quizze gemacht. Wir versuchen, die Besucherinnen zu beteiligen - z.B. an Entscheidungen, die gerade anstehen. Außerdem haben wir kleine Anleitungen ins Internet gestellt, zum Beispiel wie man seine eigene Balkonpflanze aussäen kann. Manchmal sehen wir Kinder und Jugendliche im Umfeld des Mädchenclubs und sprechen miteinander. All diese Möglichkeiten der Kontaktaufnahme haben wir auf allen Plattformen beworben (z.B. instagram und facebook, oder auch Mädchen am Telefon darüber informiert). Wir wollen in Zukunft auch versuchen, noch mehr Videos zu machen, z.B. Einrichtungsrundgänge, online kochen oder tanzen.

Ihr bietet ja auch Beratung an. Wie geht das in diesen Zeiten, wo man sich nicht persönlich gegenübersitzen kann?
Wir haben festgestellt, dass Online-Beratungen per Chat für einige Kinder und Jugendliche sehr gut funktionieren. Wir glauben, dass das manchmal sogar einfacher sein kann, über Probleme zu schreiben und um Unterstützung zu bitten, wenn man sich nicht gegenübersitzt. Mit manchen Mädchen sind wir fast jeden Tag im Chatkontakt und beraten zu Krisen oder Konflikten. Manchmal geht es aber auch um sehr alltägliche Themen wie Hausaufgaben oder Langeweile. Es gibt aber auch Besucherinnen, die wir jetzt gar nicht mehr erreichen, sei es weil sie kein eigenes Handy haben oder kein Guthaben, weil sie zu jung sind, um die Chatmöglichkeiten zu nutzen, weil sie nicht gut schreiben oder lesen können oder weil sie gar nicht wissen, dass es unser Beratungsangebot gibt. Ein großes Problem in der Beratung ist, dass im Moment alle Beratungsstellen geschlossen sind oder nur telefonische Beratungen möglich sind und dass Therapeutinnen gerade meistens keine neuen Therapien beginnen. Das heißt, wenn wir Jugendliche an andere Stellen vermittlen wollen, dann geht das gerade nur per Telefon, was für manche nicht ausreichend oder abschreckend ist. Desweiteren vermissen wir und die Mädchen natürlich den persönlichen Kontakt, der ja viele Dinge erst ermöglicht.

Wie geht es den Mädchen mit Homeschooling und Kontaktbeschränkungen?
Eigentlich vermissen alle Mädchen, mit denen wir Kontakt haben, ihre Freund_innen, das gemeinsame Abhängen und Spaß haben. Manche Mädchen dürfen wenig bis gar nicht nach draußen, andere sind trotzdem viel unterwegs, d.h. es ist wirklich sehr verschieden, wie es den Mädchen und jungen Frauen grad geht und meistens abhängig von vielen Faktoren. Manche genießen es, mehr Zeit mit ihren Eltern zu haben, für andere ist das Zuhause kein sicherer Ort, und die Konflikte mit der Familie haben eher noch zugenommen. Für manche ist Homeschooling eine schwere Aufgabe, weil sie weniger Untersützung haben als in der Schule, für andere ist es entspannter, weil sie zum Beispiel weniger gemobbt werden als zu Schulzeiten. Ältere Schülerinnen, die kurz vor den Prüfungen stehen, sorgen sich um eine gute Vorbereitung, und junge Mütter fühlen sich durch die Kitaschließung oftmals alleingelassen mit ihren Problemen. Auch Themen wie fake news, Verschwörungstheorien rund um Corona oder eine allgemeine Unsicherheit, was der richtige Umgang mit der aktuellen Situation ist, beschäftigt viele. Einige Mädchen und junge Frauen haben viele Ängste und Sorgen, zum Beispiel um die eigene Familie (um Angehörige, die zu Risikogruppen zählen oder sie sind es selbst) oder um ihre Zukunft, weil sie nicht wissen, ob sie ihre Arbeit behalten werden.

Was sind gerade für die Mädchen die dringendsten Probleme, und wie könnt ihr sie unterstützen?
Das ist sehr vielschichtig, bei manchen sind es psychische Belastungen, da versuchen wir zu beraten und manchmal auch an andere Stellen zu vermitteln. Oft hilft auch, dass wir einfach da sind und zuhören. Viele Jugendliche sorgen sich um die wirtschaftliche Situation, um das Einkommen der Familie, den eigenen Job, die berufliche Zukunft. Junge Mütter sind belastet, weil die Kitas und Spielplätze geschlossen sind. Manche haben große Geldsorgen, weil sie zum Beispiel viel öfter kochen müssen, da die Kinder nicht in die Kita gehen und die Mehrkosten nicht schnell und unbürokratisch übernommen werden vom Jobcenter. Manche fühlen sich sehr beengt und eingesperrt in ihrem Alltag, vermissen die Aktivitäten, denen sie sonst nachgehen können und fühlen sich allein. Wir versuchen dann gemeinsam rauszufinden, was Alternativen sein können, die gerade gehen und wie zum Beispiel eine gute Tagesstruktur aussehen kann oder tauschen uns zu Themen wie selfcare mit den Mädchen aus und geben Tipps. Wir sorgen uns auch um Kinder und Jugendliche, weil wir wissen, wie groß in manchen Familien gerade die Belastung ist und sich das auch manchmal in einem Alltag mit vielen Konflikten, Streit oder sogar Gewalt äußern kann.

Und wer unterstützt euch in eurer Arbeit?
Wir sind ganz gut vernetzt mit anderen Mädchenprojekten in Berlin sowie anderen Kinder- und Jugendeinrichtungen. Da hilft uns der digitale und telefonische Austausch sehr, und wir lassen uns täglich von anderen tollen kreativen Ideen zur digitalen Jugendarbeit inspirieren. Wir erleben hier eine große Solidarität unter den Projekten und viel gegenseitige Unterstützung. Auch von unserem Träger bekommen wir viele Freiräume, unsere Arbeit aktuell neu zu denken und Dinge auszuprobieren.

Was wünscht ihr euch jetzt für den Moment und für die Zukunft?
Wir wünschen uns weiterhin so viel Unterstützung unter den Projekten. Wir brauchen mehr technische Ausstattung, um auch in Zukunft im Kontakt mit den Mädchen und jungen Frauen sein zu können und unsere Möglichkeiten ausweiten zu können. Zum Beispiel ganz pragmatische Dinge wie Diensthandys oder schnelles Internet. Wir brauchen grundsätzlich eine verlässliche Finanzierung der Mädchenprojekte, unser Projekt ist beispielsweise immer nur bis zum Jahresende finanziert und hält sich nur
über Drittmittel am Laufen.

Vielen Dank für das Interview, und wir drücken euch die Daumen für eine in jeder Hinsicht sichereren Zukunft!

Anmerkung: Tivolotte schreibt eigentlich das Wort Mädchen* mit Sternchen, was hier aus technischen Gründen nicht im ganzen Text möglich ist. Mit dem Sternchen an den Worten „Mädchen“ und „Frau“ soll verdeutlicht werden, dass dahinter vielfältige Identitätsentwürfe stehen können. Die tivolotte ist ein Ort für alle, die sich im Moment als Mädchen(mit Sternchen) oder Frau( mit Sternchen) verstehen, es nicht mehr sein wollen oder es gerne sein möchten.

Der Mädchen*club im Internet

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Autorin / Autor: Redaktio/ Tivolotte - Stand: 29. April 2020