Das Vorstellungsgespräch

Beitrag zum Kreativ- und Schreibwettbewerb "Das ist mir was wert" von Teresa Tonndorf, 24 Jahre

Auf dem Weg nach Hause überschlagen sich die Gedanken in meinem Kopf. Eigentlich verlief das Gespräch gut, sicher bin ich mir trotzdem nicht. Ich habe die Tendenz, mir alles schlecht zu reden und voller Scham in die Vergangenheit zu schauen.
Ich atme tief ein. Atme tief aus.
Mein Kopf ist leer, ich fühle mich entspannter.
„Es ist gut gelaufen.“ sage ich mir. „Eigentlich wissen die ja, dass nur ich dafür geeignet bin“ füge ich in Gedanken hinzu.
Es war ein Gespräch für eine hohe Position in meiner Firma, von der ich seit Jahren träume. Schon als kleines Mädchen wollte ich insgeheim später mal eine Chefin sein.
„Hermannplatz!“ höre ich plötzlich die Durchsage in der U-Bahn.
„Huch, schon meine Station.“ Ich muss aussteigen.
Ich nehme die Rolltreppe nach draußen, atme den unangenehmen und gleichzeitig heimeligen Geruch ein. Es ist eine Mischung aus Döner, Pommes, ungewaschenen Menschen und verbranntem Plastik.
Auf der Sonnenallee zwänge ich mich zwischen den Menschenmassen hindurch. Man kann von diesen Horden an Personen, die alle aufeinander hocken, ganz schön genervt sein. Andererseits weiß ich, dass ich es vermisse, wenn keiner unterwegs ist. Ich biege in die dritte Straße rechts ab. Hier ist es ruhiger, fast – aber nur fast – menschenleer.
Ich stehe mit dem Schlüssel vor meiner Haustür. Stecke diesen ins Schloss, überlege es mir dann aber doch anders. Bevor es dunkel wird, möchte ich noch etwas die Sonne genießen, die Frische, mich in den Strahlen wiegen. Ich entscheide mich für einen kleinen Spaziergang durch den Kiez.
Während ich durch die Straßen schlendere, an nichts Spezifisches denkend, stoße ich mir plötzlich den Kopf. Bumm.
Gedankenabwesend gehe ich weiter.
Doch dann geschieht es wieder. Bumm, Kopf gestoßen.
Jetzt schaue ich mich genauer um, so ungeschickt kann ich mich nicht anstellen. Ich betrachte die abblätternden Häuserwände, das lieblos an den Baum abgestellte Fahrrad. Auch die Straßenlaterne ist viel zu weit weg, als dass sie der Grund sein könnte.
Ratlos gehe ich weiter.
Eine Weile passiert nichts. Ich setze vorsichtig einen Schritt vor den nächsten, schaue mich um, wage dann noch einen.
Bumm, Kopf gestoßen.
Ich verstehe nicht, an was. Denn vor mir ist nichts.
Ich hebe die Hände, taste meine Umgebung ab. Ist da vielleicht etwas, das in der Dämmerung nicht so gut erkennbar ist?
Ich schaudere. Irgendwie ist mir das Ganze nicht geheuer.
Die Arme um mich schwingend gehe ich ein paar Schritte nach vorn, ein paar zur Seite. Die vorbeigehenden Personen müssen denken, dass ich nicht ganz dicht sei, andererseits fällt in Berlin fast gar nichts mehr auf. Und tatsächlich: Keiner der Passanten schaut sich nach mir um.
Ich gehe ein paar Schritte nach hinten, strecke die Hände aus. Da ist es wieder. Ich versuche es zu greifen, bekomme es aber nicht richtig zwischen die Finger. Es ist glatt.
Ich lege beide Hände auf die Oberfläche, an der ich mir kurz vorher den Kopf gestoßen hatte. Da ist sie, jetzt ganz deutlich. Mit den Augen sehe ich sie zwar nicht, aber ich kann sie ertasten.
Die Leute um mich herum scheinen davon nichts zu merken.
Ich komme mir ein bisschen verrückt vor.
Trotzdem möchte ich dieser Sache nachgehen.

Ich taste mich von der entdeckten Stelle weiter, Fingerbreite um Fingerbreite. Sie scheint nicht aufzuhören. Kurz vor meiner Stirn beginnt die feste Oberfläche. Sie ist durchsichtig, wölbt sich etwas und geht gen Himmel weiter. Irgendwann kann ich sie nicht mehr ertasten. Doch hinter mir ist sie dann plötzlich wieder da. Eine Art Kuppel aus Glas, eine Glasdecke. Was tun?
Beim genaueren Hinschauen entdecke ich etwas. Mit schwacher Farbe steht dort etwas geschrieben. Ich lese.
Gleichberechtigung.
Und dann entdecke ich noch ein Wort.
Feminismus.
Und weitere.
Gender Pay Gap.
Und plötzlich sehe ich sie überall. Und nicht nur Worte, auch Bilder. Die Glasdecke ist mit dünner aber klar erkennbarer Farbe komplett bedruckt. Wie konnte mir das vorher entgehen?
Ich erkenne ein Bild von einem wichtigen Politik-Gipfel – Merkel als einzige Frau. Und dort – ein Video – es sind Ausschnitte aus dem italienischen Fernsehen, in dem Frauen wie Fleisch behandelt werden. Und eine Schrift aus der griechischen Stadt der Antike, in der zwar die Demokratie entstanden ist, Frauen dort aber nicht beteiligt waren. „Fraglich dies heute so stark als Idealbild darzustellen.“ Denke ich mir. „Was da wohl dahintersteckt?“
Und weiter ist ein Video der Rede von Emma Watson bei der UN zu erkennen, in der sie erklärt, dass es bei Feminismus sicher nicht nur um die Rechte der Frauen geht, sondern gerade auch um die der Männer und Jungen, denen ebenfalls eine Rolle aufgedrückt wird. Und weiter ein Bild der 1.926 österreichischen Bürgermeister und der lediglich 169 Bürgermeisterinnen.
Und und und….
Die Masse an Informationen erschlägt mich. Mir wird schwindelig. Ich muss mich übergeben. Wie kann ich nur so blind gewesen sein?
Ich bin als privilegiertes Kind in einem privilegierten Land in eine privilegierte Familie geboren. In der Schule war ich immer eine der Besten, auf der Straße hat sich nur selten jemand getraut, mich blöd anzumachen. Durch meine Position in der Gesellschaft sind mir viele strukturelle Probleme entgangen.
Eine Gesellschaft, die noch immer so ungleich aufgeteilt ist, ist sicher keine gerechte. Es gibt weder Chancengleichheit, noch Geschlechtergleichstellung und sicher auch noch kein Überkommen des Cisgender-Systems.
Ich raffe mich auf. Es ist dunkel, ich mache mich auf den Weg.

Noch in meinen Gedanken über die neuen Erkenntnisse verloren, komme ich nach Hause. Ich öffne meinen Laptop. Es blinkt. Eine neue E-Mail.
Mein Herz schlägt schneller, mein Hals zieht sich zusammen. Ich schließe die Augen.
Dann öffne ich sie wieder und klicke schnell auf das Symbol.
Eine Absage.
Ich sacke im Stuhl zusammen.
Die Glasdecke schließt sich über mir.

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