Klarnamen verhindern keinen Hass

Es gibt 1000 berechtigte Gründe, warum man bestimmte Inhalte, Fragen oder Meinungen nicht unter seinem echten Namen veröffentlichen möchte.

Anonym pöbelt es sich leichter? Wer unter einem Pseudonym oder Nickname im Web unterwegs ist, hat möglicherweise weniger Hemmungen, andere zu beleidigen, zu beschimpfen, zu drohen, zu hetzen oder politische Positionen zu vertreten, die nicht mit unserer demokratischen Verfassung kompatibel sind. Das zumindest ist eine weit verbreitete Annahme.

Der Fall des ermordeten CDU-Politikers Walter Lübcke, dessen Familie sich nach seinem Tod auch noch mit Hass-Kommentaren von rechten Hetzern auseinandersetzen musste, hat darum eine erneute Diskussion um die Klarnamen-Pflicht angefacht. Sollen Menschen nur noch unter ihrem echten Namen im Internet posten dürfen? Verhindert das den rauhen Ton und hasserfüllte Kommentare im Netz? Die CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer findet jedenfalls, dass wir eine "strengere Netiquette" brauchen und möchte wissen, wer hinter solchen Kommentaren wie im Fall Walter Lübcke steckt. Viele witterten in ihrer Formulierung eine Forderung nach einer Klarnamenpflicht. In die gleiche Richtung tendiert der CSU-Politiker und Fraktionschef der Europäischen Volkspartei (EVP) Manfred Weber, der sich in einem TV-Duell für die Klarnamenpflicht aussprach. 
Auch Social Media Giganten wie Facebook finden die Idee natürlich charmant. Wie wertvoll wären wohl all die gesammelten Daten, wenn sie echten Namen zugeordnet und mit weiteren Informationen über die betreffenden Personen verknüpft werden könnten?

Wer schon einmal anonym beleidigt wurde, wird sich vielleicht ebenfalls wünschen, den Namen der Hater zu kennen, um gegebenenfalls auch rechtliche Schritte einzuleiten. Und schön wäre, wenn man die Verbreiter von Falschinformationen und hetzerischen Gerüchten an ihrem namentlichen Schlaffittchen packen könnte. Das wäre durchaus wünschenswert. Vielleicht gibt es auch tatsächlich Menschen, die sich nur unter dem Deckmantel eines falschen Namens zu Hasspostings verleiten lassen und unter ihrem Klarnamen etwas zurückhaltender sind. Tatsächlich gibt es aber Studien, die sogar das Gegenteil belegen. Die Wissenschaftler_innen Katja Rost, Lea Stahel und Bruno S. Frey haben 2016 in einer Studie mit dem Titel „Digital Social Norm Enforcement: Online Firestorms in Social Media“ gezeigt, dass nicht-anonyme Nutzer_innen sogar noch aggressiver kommentieren. Viele Online Hasser halten es schlichtweg gar nicht für nötig, anonym aufzutreten. Sie fühlen sich im Recht, vertreten ihre Ansichten mit Selbstbewusstsein, signalisieren Risikobereitschaft und erarbeiten sich so einen Vertrauensbonus bei denen, die sie überzeugen wollen, sind die Forscher_innen überzeugt. Forscherin Lea Stahel befürchtet gar, dass die Abschaffung der Anonymität möglicherweise sogar zur Zunahme von Hass-Stürmen führe.
Eine südkoreanische Studie von 2007 konnte ebenfalls keine Erfolge der Klarnamenpflicht vermelden. Nachdem Südkorea eine solche Pflicht für politische Kommentare eingeführt hatte, konnte nur ein kaum nennenswerter Rückgang von missbräuchlichen Postings (0,9 Prozent) oder Gerüchte-Streuerei verzeichnet werden. Die Klarnamen-Pflicht wurde daraufhin wieder außer Kraft gesetzt.

Klarnamen sind demnach keineswegs ein verlässliches Mittel, um Hetze im Netz zu regulieren, ziehen aber einen Haufen Probleme nach sich.
Etwa für all die Menschen, die im Internet Rat suchen. Wer möchte unter seinem Klarnamen Fragen über Geschlechtskrankheiten oder Verhütungsmittel stellen oder sich über Suchterkrankungen austauschen? Wer stellt Fragen zu Liebeskummer, Ärger mit den Eltern, dem Arbeitgeber, dem/der Partner_in oder finanziellen Problemen, wenn jeder sehen kann, wer die Frage gestellt hat?

Wer argumentiert gegen rechte Hetzer im Netz unter seinem echten Namen und riskiert dann selbst, Opfer von Hass-Postings zu werden? Wer outet sich im Netz als schwul, lesbisch oder bi und macht sich zur Zielscheibe für homophobe Hetzer? Welches Mobbing-Opfer möchte auch noch im Netz drangsaliert werden? Welche politisch Verfolgten würden sich unter Klarnamen im Netz äußern wollen?

Es gibt 1000 berechtigte Gründe, warum man bestimmte Inhalte, Fragen oder Meinungen nicht unter seinem echten Namen veröffentlichen möchte - vor allem, weil das Netz nichts vergisst und bestimmte Äußerungen im Netz das ganz Leben lang Konsequenzen für den beruflichen und privaten Lebensweg haben können (von Suchtproblemen über chronische Krankheiten bis sexuelle Vorlieben usw.). Das hat nichts damit zu tun, dass man nicht "hinter etwas steht" oder ja als rechtschaffener Mensch nichts zu verbergen hätte. Jeder hat etwas zu verbergen und wenn es ein Pickel an einer unangenehmen Stelle oder Käsefüße sind. Angst vor Häme kann ebenso ein berechtigter Grund sein wie Angst vor politischer Verfolgung oder Diskrimnierung. Wikia.org hat eine lange Liste mit Menschengruppen zusammengestellt, die ein berechtigtes Interesse haben, anonym im Netz unterwegs zu sein.

Digitalverbände wie Netzpolitik.org sprechen sich darum auch ausdrücklich für Anonymität im Internet aus - sofern die überhaupt noch möglich ist. Denn natürlich sind wir sowieso schon lange nicht halb so anonym unterwegs, wie wir das gerne wären oder glauben möchten.

Das eigentliche Problem ist nicht die vermeintliche Anonymität, sondern der Hass, der leider nicht mit Klarnamen in den Griff zu kriegen ist.

Klarnamenpflicht oder so anonym wie möglich? Was denkt ihr?

Quelle:

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Autorin / Autor: Redaktion
 
 
 

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