Momo - ein Bioladen packt aus

Interview über Verpackungen und deren Alternativen mit Raoul Schaefer- Groebel, dem Inhaber des ältesten Bioladens in Bonn

Um dem Verpackungswahn etwas entgegenzusetzen, gründen sich immer mehr Unverpacktläden, in denen man sich Ware in eigenen Behältern abfüllen kann. Auch viele Bioläden kommen dem Kundenwunsch nach, auf unsinnige Verpackungen zu verzichten. Wie funktioniert aber die Umstellung, wo macht sie Sinn, und welche Schwierigkeiten sind damit verbunden? Darüber sprachen wir mit Raoul Schaefer- Groebel, dem Inhaber des ältesten Bioladens in Bonn.

Seit wann beschäftigt ihr euch mit dem Thema Verpackungsreduktion?

Schon 1983 füllten wir selbst ab, damals war das eine Vollzeit-Stelle bei Momo. Ursächlich aber damals war, dass es die Produkte zum großen Teil gar nicht in vorverpackten Tüten und Gläsern gab. Wir bekamen Sackware bzw. Kisten und Eimer geliefert und füllten in Tüten und Gläser ab, die wir sogar noch per Hand beschrifteten, denn es gab ja noch keine Computer. Mitte der 1990er Jahre wurden die gesetzlichen Auflagen dann aber so streng, dass wir das Abfüllen aufgaben; zudem gab es mittlerweile alle Artikel auch schon fertig verpackt. Allein unser Haus-Müsli und der Haus-Tee wurden weiter von uns bzw. im Auftrag von einem unserer Bäcker abgefüllt.

Und aktuell?
Seit 2018 packen wir wieder Einiges selbst ab. Die rechtlichen Voraussetzungen erfüllen wir jetzt ja sowieso, da wir uns von einer Kontrollstelle zertifizieren lassen - und das ist nicht zu vergleichen mit den Ansprüchen der europäischen Bürokratie der 1990er-Jahre.
Wir haben einen kleinen Lagerraum umfunktioniert, Regale, Flockenquetschen, Abfülltisch, Rollbretter und Waage installiert und einen deutschen Glasproduzenten (wegen der Transportwege!) gesucht und gefunden, der uns die Pfand-Gläser zum Abfüllen liefert. Im Warenwirtschaftssystem werden die Artikel angelegt und los geht´s.

Und was füllt ihr selbst ab?
Bisher mischen wir unsere vier Sorten Hausmüsli wieder selbst und wir packen wir den Tee der Marke „Heuschrecke“ aus Troisdorf in Papiertüten.
Dann füllen wir step-by-step immer mehr Produkte ab, bei dem man keinen Staubschutz für den Abfüller braucht, denn der Raum ist klein, und wer einmal Cayennepfeffer in Tüten gefüllt hat, weiß wovon ich rede. Also: Getreidekörner, Hülsenfrüchte (Erbsen, Bohnen, Linsen…), Ölsaaten (Kürbiskerne, Sesam, Leinsaat…), Nusskerne (Hasel-, Mandel- Cashew…), Trockenfrüchte, ungemahlene Gewürze kommen nun im Pfandglas daher, und das Sortiment wird ständig erweitert. Aktuell stehen Zucker und Kaffee auf der Agenda. Seit letztem Jahr haben wir dazu jemanden eingestellt, der sich um nichts Anderes kümmert. Zur Zeit kommt er auf 20-25 Stunden die Woche.

Foto eines MOMO-Kunden

Was ist eure Hauptmotivation dahinter?

Die Absicht des Ganzen ist einfach: Wir wollen Ökologie und Ökonomie verbinden. Bio-Anbau ist schön und gut, nutzt aber recht wenig, wenn dabei zum Beispiel Themen wie Verpackung, Transport, Arbeitsbedingungen usw. auf der Strecke bleiben. Das können andere schneller, größer und billiger, aber nur wir können das Komplettpaket. Ökonomisch ist das Ganze, weil wir unsere Authentizität so sehr gut transportieren können. Auch dadurch grenzen wir uns vom Mainstream-Bio ab.

Bei welchen Produkten ist es schwierig auf Unverpackt oder Mehrwegverpackungen zu setzen?
Schwierig wird es bei flüssigen, cremigen, verarbeiteten Produkten; da lassen wir die Finger von. Tatsächlich hatten wir ganz damals auch mal tonnenweise Honig oder Erdnussmus in Selbstabfüllung, das überschritt aber so manche Grenze des Zumutbaren; dazu sind Maschinen einfach besser geeignet. Außerdem geht das auch nicht bei empfindlichen Produkten wie Kartoffelchips oder Schokolade. Schließlich ist das alles auch eine Frage der Relation, wir sind zwar kein kleiner Laden, aber auch nicht vergleichbar mit den Großen der Branche, wie Rapunzel zum Beispiel: die kümmern sich um solche Verpackungen.

Wie steht ihr zu dem Thema "unverpackt"?
Gänzlich unverpackt anzubieten ist für uns kein Thema (mehr). Es gab zahlreiche Versuche in der Vergangenheit: Frischmilch oder Spülmittel und Shampoo aus der Zapfsäule, lose Ware in Säcken, die von der Decke hingen oder in Tonnen mit Schaufel präsentiert wurden, Abfüllstationen für Nusskerne und Co. Ich würde sagen, das war alles zum Scheitern verurteilt. Abfüllstationen dienen eher der Individualisierung der Abnahmemenge und brauchen dazu eben auch ein Gefäß, das, wenn es aus Plastik ist, das Ganze konterkariert. Auch Hygiene ist ein Grund, warum so etwas nicht funktioniert, der extreme Mehrbedarf an Platz ein weiterer.

Ihr führt ja gerade auch eine Art Pfandsystem ein, bei dem ihr Glasverpackungen für Lebensmittel wie Nüsse, Hülsenfrüchte etc. nutzt. Wie funktioniert das für die Kund_innen? Und wie laufen da die Prozesse bei euch ab?
Die Gläser werden von uns gespült. Dazu haben wir eine Industrie-Spülmaschine, das geht in einer Minute plus Zeit zum Trocknen. Die Kunden kaufen das Produkt im Glas, bringen die Gläser relativ sauber zurück, wir spülen und befüllen neu. Manchen Kunden ist das Glas zu schwer, daher bieten wir einiges parallel in Papiertüten an, was nicht fetthaltig ist. Ökologisch ist die Papiertüte mit dem Pfandglas wahrscheinlich vergleichbar, denn Spülen kostet Energie und das Glas kostete Energie bei der Produktion. Zwar hat das niemand kalkuliert, aber so in etwa wird es gleich sein.

Was sind die Schwierigkeiten bei diesem System?

Die Schwierigkeit sind der Aufwand und die Kosten, also: Raum (Mietkosten, Nebenkosten) und Personal. Das muss jemand bezahlen, also letzten Endes der oder die Endverbraucher_in. Je kleiner das System, desto teurer im Verhältnis, also: wenn die Biomarke Rapunzel ihre haushohe Abfüllanlage in Gang bringt, sind nach einem Tag einige LKW mit verpackten Waren beladen. Bei Momo ist dann gerade mal ein Regal gut gefüllt.

...und trotzdem füllt ihr wieder selbst ab...
Die extrem wachsende Nachfrage der Kundschaft nach plastikfreier Verpackung, angeregt durch die krassen Bilder der Müllinseln in den Ozeanen, halfen uns bei der Entscheidung, back-to-the-roots wieder selbst abzufüllen. Finde ich gut, denn diesmal sind nicht die Momos Vorreiter, sondern die Kunden. Es tut sich was in der Gesellschaft. Manchmal auch ein wenig sehr unrealistisch, denn kompletter Plastikverzicht ist illusorisch. Aber es braucht die Extreme, um den richtigen Weg zu finden.

Steht ihr auch in Verhandlung mit Unternehmen zum Thema Verpackung? Wie ist deren Haltung zum Thema? Könnt ihr da als einzelner Bioladen Einfluss nehmen?
Die Branche ist keineswegs untätig. Zum Beispiel hat die Spielberger-Mühle ihr komplettes Sortiment auf reine Papierverpackung umgestellt. Die Gläser für die Aufstriche von Zwergenwiese und Rapunzel sind PVC-frei, das sind Innovationen, die diesen Herstellern zu verdanken sind. Authentischen Herstellern, die, so wie wir Momos, nicht nur des Geldes wegen im Markt tätig sind, liegt es am Herzen, auch hier konsequent ökologisch zu sein. Seit Jahren predigen wir, sich um das Thema Verpackung zu kümmern und die Ökologie nicht nur auf den Anbau zu beschränken. Das ist keine leichte Aufgabe, und die Hersteller sind keineswegs untätig, aber die Verpackungsindustrie kommt aus dem konventionellen Markt, es gibt keine alternative Verpackungsbranche. Daher ist mittlerweile zwar einiges besser, Bio-Produzenten machen ja inzwischen auch einen ansehnlichen Umsatz, der Innovationen erst möglich macht, aber dennoch steckt vieles noch in den Kinderschuhen.

Helfen deiner Meinung nach freiwillige Maßnahmen, wie von der Politik bevorzugt, oder müssen noch mehr Gesetze her?
Freiwillig passiert gar nichts. Nicht im großen Ganzen. Zahlreiche Beispiele belegen das. Es müssen verbindliche Regelungen getroffen werden. Scharfe Strafen, scharfe Gesetze, keine Ausnahmen. Vor allem die Lobbyisten müssen aus der Politik raus, und es muss international miteinander und voneinander gelernt werden, statt weitere Millionen für zwielichtige Berater aus dem Fenster zu schmeißen. Wenn man sich das derzeit gültige Regelwerk der EU zu Mehrweg und Einweg anschaut, lacht man sich kaputt, oder man weint, weil es total viele Ausnahmeregeln zugunsten der Verpackungs-Lobby beinhaltet.

Welche ist die unschädlichste Verpackung?
Verpackung ist nicht per se böse. Es ist natürlich viel zu schade, den endlichen Rohstoff Erdöl dafür zu verprassen, ein Produkt abzufüllen, zu verbrauchen und dann wegzuwerfen. Papier ist aber, entgegen seines Öko-Images, keineswegs eine saubere Alternative, kostet ebenso Energie, verbraucht riesige Mengen an Wasser, Anbauflächen und verursacht ebenso Transportaufwand. Ökologischer ist die Plastiktüte, wenn sie häufiger verwendet wird als die Papiertüte, aber sie ist immer noch aus Erdöl. Tüten aus Stärke, vor allem Maisstärke, ist der Beelzebub: Gerodete Urwälder, genetisch manipuliertes Saatgut, Pestizide bis zum Erbrechen, Arbeitsbedingungen des vorvorigen Jahrhunderts, Transport um den halben Globus - alles für den umweltbewussten Verbraucher in den Industrienationen..?

Was ist denn dann die Lösung?
Es ist keineswegs einfach, eine Lösung zu finden. Ich finde aber, es ist falsch, Plastik generell als böse zu deklarieren, obwohl davon viel zu viel nicht im Recycling landet. Ein absehbares Problem, mit dem sich - wie immer - viel zu spät im Großen beschäftigt wird.
Mehrweg ist natürlich die beste Alternative, aber wenn jemand aufrechnet, dass die Milchtüte ökologischer ist als die Flasche, stimmt das sogar, wenn die Transportwege zu groß sind. Man braucht dezentrale Strukturen und regionale Produktion für den regionalen Markt, statt das Zeug quer durch Europa zu karren, nur um hier und da wieder irgendetwas für den preisbewussten Verbraucher billiger anbieten zu können.

Dein Traum für die Zukunft?
Es gibt einen wunden Punkt, wie man die Industrie zu Änderungen zwingen kann: fallende Umsätze. Denn erst wenn kein Mensch mehr Mist kauft, wird es ein Umdenken geben. Ich bin sicher, dass der Tag kommen wird, an dem es ein Produkt gibt, das regional erzeugt wird, das kaum landwirtschaftliche Flächen verbraucht, das ohne Kunstdünger angebaut werden kann, das schadstofffrei recycelt werden kann. Es geht niemals ganz ohne „ökologischen Rucksack“, das ist der Preis des Daseins - aber es sollte eben den geringst-möglichen geben...

Mehr über Momos Verpackungs-Philosophie findet ihr hier

Autorin / Autor: Redaktion/ Raoul Schaefer- Groebel - Stand: 12. März 2019
 
 

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