Wie geht gutes Leben im Digitalzeitalter?

Interview mit Saskia Dörr über Chancen und Risiken für Menschen und Planeten durch die Digitalisierung

Saskia, du berätst Unternehmen zu Nachhaltigkeit im Digitalzeitalter. Die Digitalisierung verspricht uns eine „bessere Welt“. Ist das so?
Die zunehmende Vernetzung aller Menschen und vor allem der „Dinge“, die uns umgeben, verbunden mit immer mehr Rechenpower, bietet große Chancen, die globalen Herausforderungen, wie sie in den Sustainable Development Goals (SDG) vereinbart wurden, zu erreichen. Es geht dabei beispielsweise um mehr Klimaschutz, Zugang zu Bildung, bessere medizinische Versorgung oder eine umweltverträgliche Landwirtschaft. Manche meinen sogar, dass einige der globalen Ziele ohne eine Beschleunigung durch Digitaltechnologie gar nicht mehr zu erreichen sind.

Das klingt vielversprechend. Heißt das, dass in der digitalen Zukunft alles besser wird?
Leider nein. Keiner weiß wie die Zukunft genau aussieht. Aber aus der Vergangenheit der technischen Entwicklung weiß man, dass Technik weder gut noch schlecht ist. Sie trägt in gleicher Weise zu besseren humaneren Lebensbedingungen wie zu Zerstörung von Umwelt oder Vergrößerung von Unfairness bei. Beispielsweise hat die Entwicklung des Autos im Massenmarkt einem Teil der Menschen auf der Erde eine mobile Freiheit gegeben – und andererseits zerstört es unsere natürlichen Lebensbedingungen durch Abgase und Klimaemissionen sowie Bodenversiegelung. Wir müssen also als Gesellschaft gemeinsam darauf achten, dass die guten Wirkungen für Planet und Menschen durch Digitaltechnologie überwiegen.

Es könnte also auch schlechter werden... Welche Risiken gibt es für Menschen und Planeten durch die Digitalisierung?
Wir sehen das bereits heute. Ich möchte einige Beispiele nennen: Durch Datenanalyse und „Profiling“ entstehen undurchschaubare Möglichkeiten, im Verhalten manipuliert zu werden – wie im Fall von Cambridge Analytica und Facebook. Der bzw. die Einzelne ist dem scheinbar machtlos ausgeliefert. Die Anpassung von Gesetzen geht nicht schnell genug, um uns Verbraucher zu schützen. Zudem haben wir bisher nicht gelernt, wie wir die schädlichen Wirkungen der Sozialen Medien, wie FakeNews, Cybermobbing oder Digitalstress, vermeiden können. Die Fähigkeiten, die es braucht, um als mündiger Bürger im mehr und mehr digitalisierten Leben gut zurecht zu kommen, muss man sich selbst aneignen. Die Schulen kommen nicht hinterher, um die Kids darauf vorzubereiten.
Ein anderes Thema sind die Umwälzungen in der Arbeitswelt und den Jobs. Es scheint, als wäre es aktuell unvermeidbar, dass es eine Gruppe von „Verlierern“ gibt. Das müssen wir als Gemeinschaft verhindern oder auffangen. Und noch ein Thema, das es aktuell in die Medien geschafft hat: Die Künstliche Intelligenz. Unklar ist, ob sie eine Bedrohung für die Menschen darstellen kann. Sicher ist aber, dass sie die Machtverhältnisse in Wirtschaft und Gesellschaft verschieben kann. Hier ist die Frage, wer Künstliche Intelligenz kontrolliert und wie wir sie für das Gemeinwohl nutzen können. Und schließlich nicht zu vergessen - die materielle Seite der Digitalisierung: Blockchain-Anwendungen, wie z.B. Bitcoin, verbrauchen heute bereits so viel Energie wie ganze Staaten. Es ist unklar, wie der Strom für die Digitaltechnik, wie z.B. auch E-Autos, produziert werden kann, ohne dem Klima weiter zu schaden.

Die materielle Seite der Digitalisierung: Blockchain-Anwendungen, wie z.B. Bitcoin, verbrauchen heute bereits so viel Energie wie ganze Staaten.

Das klingt nicht gerade erfreulich. Was wird denn getan, damit die negativen Auswirkungen verringert oder vermieden werden können?
Für mich ist das Wichtigste, dass ein Dialog zur Zukunft in der Gesellschaft noch stärker in Gang kommt. Wie soll das Deutschland im Digitalzeitalter aussehen? Wie wollen wir leben? Ich habe den Eindruck, dass - zwar verzögert - die Handlungsnotwendigkeit in der Politik angekommen ist. Der neu gegründete Digitalrat der Bundesregierung ist ein Zeichen dafür. Und in der EU gibt es beispielsweise inzwischen eine Expertengruppe zur Künstlichen Intelligenz, die europäische Leitlinien erarbeitet, während bei uns in NRW gerade eine Bürgerbeteiligung zur Digitalstrategie des Landes anläuft, bei der sich jeder beteiligen kann. Dabei geht es um Themen wie Bildung, Teilhabe, Energie und Klima, um nur einige zu nennen.

Das klingt gut. Regierung und Politik fangen an, etwas zu tun. Und welche Rolle spielen Wirtschaft und Unternehmen?
Eine zentrale Rolle. In der deutschen Wirtschaft dreht sich aktuell (fast) alles um Digitalisierung. Es geht für die bestehenden Unternehmen darum, die Veränderungen aufzugreifen und sich im Markt zu behaupten. Der Umbau zur „Industrie 4.0“, d.h. die Vernetzung der Produktion, ist im Gange. Das bedeutet auch Stellenabbau. Produktion, Automobilbau, Energie, Banken und Versicherungen – kaum eine Branche ist nicht davon betroffen. Diese Veränderungen für die Beschäftigten gut zu gestalten, ihre „Beschäftigungsfähigkeit“ beispielsweise durch Weiterbildung zu unterstützen sind wesentliche Aufgaben.
Doch die Verantwortung von Unternehmen geht darüber hinaus. Beispielsweise besteht die Unternehmensverantwortung im Digitalzeitalter auch darin, Kunden und Verbraucher digital zu schützen, ihnen beispielsweise einen einfachen Zugriff und Kontrolle über die gespeicherten Daten zu geben. Oder die Nutzungsbedingungen von Apps einfach und verständlich zu schreiben. Sie besteht auch darin, das Gemeinwesen bei der Veränderung zu unterstützen, indem Daten-Pools öffentlich für Forschung und Wissenschaft, Zivilgesellschaft sowie junge Unternehmen frei gegeben werden. Manche Unternehmen geben sich selbst einen Ethik-Kodex zur Verwendung von Künstlicher Intelligenz oder ganze „digitale Manifeste“. Mehr und mehr Unternehmen sind dabei, ihren „Wertekompass“ neu ausrichten und übernehmen Verantwortung für eine Digitalisierung „nicht um jeden Preis“.

Was kann jede/r einzelne von uns tun?
Das ist eine nicht leicht zu beantwortende Frage. Ich denke, dass es eine Art Basiswissen für ein gutes Leben im Digitalzeitalter gibt. Das besteht beispielsweise auch darin zu wissen, wie man sich selbst und die eigenen Daten als Verbraucher im Netz schützt und sich dennoch das Leben damit erleichtert. Dafür gibt es inzwischen richtig gute Websites z.B. https://www.klicksafe.de/themen/datenschutz/privatsphaere/tipps-zur-digitalen-selbstverteidigung/
Ich hoffe, dass wir zukünftig mehr einfache Verbraucherinformationen haben werden, die uns sagen, welchem Anbieter von Apps und Co. wir vertrauen können und welchem nicht. Aktuell muss da jeder selbst recherchieren und mit dem eigenen gesunden Menschenverstand entscheiden.

Danke für das Interview!

Über Saskia Dörr
„Die digitale Welt – smarter, fairer und umweltfreundlicher? Das muss keine Utopie bleiben!", sagt Dr. Saskia Dörr.  Sie ist Nachhaltigkeitsberaterin, Digitalexpertin und Design-Thinking-Coach mit über 20 Jahren Erfahrung in Management-Positionen: als Director, Vice President und Project Lead in der Internet- und Kommunikationsbranche. Sie ist Gründerin der Unternehmensberatung WiseWay BERÄT UNTERNEHMEN.
Im aktuellen Schwerpunkt ihrer Tätigkeit unterstützt sie Menschen und Organisationen mit digitalen Innovationen und digitalen Kompetenzen für eine nachhaltige Zukunft. Ihre berufliche Laufbahn begann sie mit einer naturwissenschaftlichen Promotion.

Weitere Informationen über Saskia Dörr und ihre Tätigkeit unter

Autorin / Autor: Redaktion/ Saskia Dörr - Stand: 5. September 2018
 
 
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