Notizblöcke aus Altpapier

Walter Günther, Schlossermeister und Erfinder hat eine Einzelzettelschneidmaschine erfunden, mit der man aus Altpapier Notizblöcke herstellen kann

Fotos: Matthias Wenger

Mein Name ist Walter Günther, ich bin Schlossermeister und Erfinder mit eigener Werkstatt in Frankfurt am Main. Meine Vorliebe ist es, alltägliche Vorgänge wie z.B. Würstchengrillen oder Korkenziehen anschaulich zu mechanisieren. Mit dem Höher-Schneller-Weiter der modernen Technik haben die meist historisch anmutenden Ergebnisse meines Tuns nichts zu tun. In meinem Buch: „Die mechanische Bratwurst“  kann man sich diese Geräte anschauen und ihre Entstehungsgeschichte erfahren.

Tagsüber arbeite ich hauptberuflich schon viele Jahre als Fachkraft für Berufsförderung in einer Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM). Hier werden hauptsächlich Aufträge aus der Industrie bearbeitet. Manchmal kommt es vor, dass ein Auftrag nur mit Hilfe mechanischer Vorrichtungen bewältigt werden kann. Die werden dann zeitnah in meiner Erfinderwerkstatt hergestellt.

Doch neben der „Teilhabe am Arbeitsleben“ (Industrieaufträge) werden den behinderten Mitarbeiter/innen auch verschiedene Kurse zur praktischen Förderung angeboten. Um dieses Angebot möglichst abwechslungsreich zu gestalten, ist man immer auf der Suche nach neuen Themen für diese Förderkurse. Diesbezüglich begab sich im Frühjahr 2016 Folgendes:
Die Besitzerin meines Stammcafes beklagte sich, dass der Getränkelieferant keine Kellnerblöcke mehr als Werbegeschenk mitbrachte. Die mussten nun eingekauft werden. Dieser, zunächst als alltägliches Ärgernis wahrgenommene Umstand löste jedoch in meinem Kopf, soweit ich das heute zurückverfolgen kann, folgende Gedankenkette aus: Der Wegfall der Kellnerblöcke bedeutet letztlich: einen akuten Bedarf an einer größeren Anzahl zumindest einseitig unbedruckter, kleiner, gleichgroßer Zettel (ich sah sie förmlich vor mir flattern). Dieses Zettelbedarfsgefühl kam mir bekannt vor. Ich erinnerte mich: Als Kind suchte ich oft in Zeitschriften und Illustrierten nach unbedruckten Stellen, um darauf zu malen. Geht mir heute noch so, wenn ich gerade einen spontanen Gedanken zu Papier bringen will und kein Block in Reichweite ist. Da greife ich auch mal in den Papierkorb, und es kommt zur Altpapierverwertung.

Mit dem Begriff „Altpapier“ erschien auch das Bild eines Containers auf meinem inneren Bildschirm. Die Gedanken fügten sich weiter:
Diese gesuchten Notizzettel liegen ganz aktuell in Unmengen im Altpapiercontainer im Hof unserer Firma. Man muss sie nur bergen. Die Idee zum Förderkurs: „Kellnerblöcke aus Altpapier herstellen“ entstand. (Eigentlich sind es ja Notizblöcke, aber „Kellnerblock“ spricht sich besser). Ein besonderer Aspekt bei diesem Projekt: Diese gesuchten, kleinen, unbedruckten  Kritzelflächen, sogenannter Weißraum,  kommen auch auf beidseitig bedruckten Papier vor. 
Bei ähnlichen Projekten zum Herstellen von größeren Schreib und Malblöcken (z.B. an Universitäten), können nur einseitig bedruckte Zettel verwendet werden. Um diese freien Flächen aber „rauszuholen“, waren  neben einem Arbeitskonzept auch handwerkliches Gerät und spezielle Schneidvorrichtungen notwendig, bei deren „Erfinden“ ich nun meinen mechanischen Ambitionen freien Lauf lassen konnte. (Ich muß gestehen: Ein wesentlicher Motivationspunkt.)

Im Rahmen der Arbeit in einer WfbM geht es mir um eine Art von Technik, die nicht in erster Linie dem Wegrationalisieren jeglicher Arbeit dient, sondern die möglichst vielen Menschen Tätigkeit ermöglicht, erleichtert und gestaltet. (Wäre toll, wenn das überall so wäre...) So entstand besonders bei der zweiten Einzelzettelschneidmaschine (EZSM 2) reichlich anschauliche Mechanik. Die vielen Bewegungen ihrer Teile bleiben direkt beobachtbar und für die Mechanikfans nachvollziehbar. Viele Sinne werden beansprucht. Man spürt und hört. So findet eine direkte Rückmeldung von der Maschine zum Menschen hin statt. Eine wesentliche Voraussetzung, um gerne mit diesen Geräten zu arbeiten. Elektronik ist indirekt und leistet das erstmal nicht.

Wer es dennoch reizärmer mag, nutzt die EZSM H. Ihr einfach strukturierter Aufbau aus Holz mit einem Hauch von Puppenküche erklärt sich beim Hantieren von selbst. Sie kann, was durchaus gewünscht ist, leicht nachgebaut werden.  (Bei allen Geräten des Projekts wurde deshalb auf jegliche Schutzrechte verzichtet.) Inzwischen können die Mitarbeiter/innen ohne mein Zutun Blöcke in verschiedenen Größen und Variationen nicht nur für´s Café, sondern auch für den allgemeinen Bedarf herstellen.

Die Einzelzettelschneidmaschine auf YouTube (Klick aufs Bild öffnet das Video)

Eine weitere Einzelzettelschneidmaschine auf YouTube (Klick aufs Bild öffnet das Video)

Neueste Erfindung: Fechenheimer Drahtwaren

Upcyling-Produkte aus Fahrrradspeichen

Die Idee war hierbei, aus alten Fahrradspeichen mit Güntherscher Technik neue, praktische Dinge zu zaubern. Vom Schraubkarabiner, bei denen alle Teile einer Speiche Verwendung finden, über Schlüsselringe bis hin zu kleinen Ketten.

Autorin / Autor: Walter Günther - Stand: April 2018