Mathematikerin sucht Lektor

Neue Studie zeigt: Nicht die Lehrerin, sondern die Rollenstereotype sind schuld am Notengefälle zwischen Mädchen und Jungs

Seit Jahren schon wird heftig darüber gestritten, wer Schuld daran trägt, dass Jungs schlechtere Schulabschlüsse mit nach Hause bringen als Mädchen. Ist es das Bildungskonzept, das angeblich brave Mädchen bevorzugt? Ist es die Tatsache, dass das Lehrpersonal hauptsächlich aus Frauen besteht, die das Wesen des männlichen Schülers einfach nicht verstehen? Die Presse wirft dabei oft und gerne mit dem Schlagwort "arme Jungs" um sich und schimpft, dass der Bildungserfolg hierzulande "Frauensache" sei. Jetzt gibt es eine neue Studie, die sich mit den Phänomen beschäftigt, und zum Glück schlägt sie mal einen ganz anderen Ton an. Es sei zu kurz gegriffen, die Verantwortung für das Geschlechtergefälle allein dem weiblichen Lehrerüberhang anzulasten. Vielmehr seien es die gelebten Geschlechterstereotype in- und außerhalb der Schule, die dazu führen, dass 15-jährige Mädchen beispielsweise im Lesen einen Leistungsvorsprung von mehr als einem Schuljahr haben, während die Mathematik weiterhin eine Jungendomäne bleibt.

„Erstaunlicherweise hört man immer wieder, dass Jungen mehr männliche Lehrer benötigen und von nach Geschlechtern getrenntem Unterricht profitieren würden“, stellt Studienautor Stephan Sievert fest. Die vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung herausgegebene Studie "Schwach im Abschluss - Warum Jungen in der Bildung hinter Mädchen zurückfallen - und was dagegen zu tun wäre" untersuchte, ob diese beiden Maßnahmen tatsächlich etwas ändern würden. Die Wissenschaftler_innen fanden kaum Hinweise dafür, dass sich dadurch etwas verbessert hätte.

Früher war die katholische Arbeitertochter vom Land benachteiligt
Nicht immer fiel das Bildungsgefälle der Geschlechter zu Ungunsten der Jungs aus: In den 1960er Jahren war es noch die katholische Arbeitertochter vom Land, die als Symbol für im Bildungssystem Benachteiligte galt. Heute machen mehr als die Hälfte der Mädchen jedes Geburtsjahrgangs Abitur – aber nur etwa 41 Prozent der Jungen. 21 Prozent der Jungen verlassen hingegen die Schule mit höchstens dem Hauptschulabschluss, aber nur 14 Prozent der Mädchen. Schon vor mehreren Jahrzehnten begannen Mädchen, ihren Notendurchschnitt kontinuierlich zu verbessern, das bedeutete allerdings nicht, dass sie auch höhere Schulabschlüsse erreichten. Diese Entwicklung setzte erst Anfang der 1990er Jahre ein, wobei auch die Jungs heute bessere Abschlüsse erreichen als früher. „Trotzdem sind die Geschlechterunterschiede relevant,“ erklärt Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. „Denn sie führen zu ungleichen Lebenschancen – etwa weil Jungen seltener studieren können und Mädchen weniger häufig lukrative Karrieren im Mint-Bereich einschlagen.“

Keine Intelligenz- sondern Verhaltensunterschiede
Es gibt aber laut den Forschern eine gute Nachricht: Ungleiche Bildungserfolge von Jungen und Mädchen müssen nicht zwangsläufig auftreten. Auch wenn biologische Unterschiede zwischen den Geschlechtern sich auf den Schulerfolg auswirkten, könnte das soziale Umfeld versuchen, sie auszugleichen. Der Hauptgrund für das Gefälle seien weniger Intelligenz-Unterschiede als unterschiedliche Verhaltensweisen von Jungen und Mädchen in und außerhalb der Schule. Und die würden von Eltern, Lehrer_innen und älteren Mitschüler_innen verfestigt, die gesellschaftliche Rollenbilder transportieren, die Kinder bei der Bildung ihrer Geschlechtsidentität beeinflussen.

Um diesen Geschlechterunterschieden beizukommen, müsste man das tatsächliche Unterrichtsgeschehen ins Augenmerk nehmen, raten die Studienautoren. "Die größte Hebelwirkung für Lernerfolge geht von der Lehrkraft und dem Unterricht aus. Oberstes Gebot ist es also, für den Lehrberuf geeignete Personen zu finden und sie zu guten Lehrern auszubilden. Sie müssen für Geschlechterunterschiede im Lern- und Freizeitverhalten sensibilisiert werden – auch um Kinder dazu zu bringen, diese zu hinterfragen", heißt es im Forderungskatalog der Studie. So ließe sich zum einen das Interesse der Jungen am Lesen wecken und das der Mädchen an den Mint-Fächern.

Beim Thema Geschlechtergleichheit in der Schule gehe es aber nicht ausschließlich um Jungen, denn in den sogenannten Mint-Fächern liegen die Mädchen leistungsmäßig noch weiter hinten. Dies führt dazu, dass Jungs häufiger Schwerpunktfächer wählen, die ihnen später auf dem Arbeitsmarkt besonders gute Chancen eröffnen. Eine geschlechtergerechte Schule dürfe sich also nicht nur auf Jungen konzentrieren, sondern müsse beiden Geschlechtern die gleichen Chancen eröffnen.

Die Studie zum Herunterladen

Stichworte

Mathe-Lust  Mathe und Mädchen  Arme Jungs

Autorin / Autor: Redaktion/ LizzyNet - Stand: 9. Juli 2015