"Ich möchte keinen Palast, aber gemütlich ohne Schimmel und defekte Heizungen wohnen"

Interview mit den Mädchen und Mitarbeiterinnen des Bonner Mädchentreffs AZADE zum Projekt "Wohn(t)räume"

Bild: AZADE

Wie kam es zu dem Projekt "Wohn(t)räume"?

Anlass zu dem Projekt „Wohn(t)räume“ war die zum Teil katastrophale Wohnsituation von Migrantinnen und Migranten in vielen Bonner Sozialbausiedlungen, besonders in Stadtteilen wie Auerberg oder Tannenbusch. Besucherinnen unseres Offenen Treffs, des Sozialberatungsangebots und viele Teilnehmerinnen unserer Integrationskurse berichteten häufig über Schimmel, Feuchtigkeit, fehlendes Warmwasser, defekte Stromleitungen und kaputte Heizungen etc. Viele erzählten uns auch über gesundheitliche Beschwerden wie z.B. Allergien und Atemprobleme durch den Schimmel in der Wohnung. Vor Jahren hat die Stadt Bonn viele Sozialwohnungen, also Wohnungen mit günstigen Mieten, an private Firmen verkauft. Gerade diese großen Wohnungsfirmen denken nur an viel Gewinn und lassen die Häuser verfallen. Trotz Beschwerden von Mieterinnen und Mietern verändert sich seit Jahren nichts an dem Zustand.

Wir wollten mit dem Projekt die Perspektiven von Migrantinnen und Migranten zum Thema Wohnen in Bonn sichtbar machen. Ziel war es, die betroffenen Menschen zu ermutigen, selbst aktiv zu werden und gemeinsam mit anderen Strategien und Forderungen zu entwickeln, um etwas in Bonn zu verändern.

Was habt ihr in dem Projekt gemacht? Wie lange ging das?

Seit dem Projektstart am 1. Oktober 2013 gab es zahlreiche Gesprächskreise, Miettreffs, Kreativ-Aktionen u.v.m. Die Mädchen des Mädchentreffs Azade haben über ein Jahr lang recherchiert, Interviews geführt, fotografiert und sich mit der Frage auseinandergesetzt, wie sie wohnen möchten und wie sie derzeit tatsächlich wohnen. Dabei entstanden Traumwohnungen und Bauruinen im Miniaturformat, aber auch Fotostorys und Collagen.

So ist auch das Fotoprojekt „1 Stadt, 2 Perspektiven“ entstanden. Damit machen die Mädchen sehr eindrucksvoll deutlich, wie unterschiedlich Lebenswelten in Bonn aussehen. Wie sieht der Schulhof, der Spielplatz oder die Bushaltestelle in einem Stadtteil aus, in dem einkommensschwache Menschen wohnen? Wie unterscheidet sich das Stadtbild von Stadtteilen, in denen reichere Familien leben? Und in welche Schublade werde ich gesteckt, wenn ich als Jugendliche sage, dass ich in Tannenbusch wohne und welche Auswirkungen hat das z.B. auf meinen Zugang zur Arbeits- und Berufswelt? Es gab auch eine Postkartenaktion, mit der die Mädchen Chancengleichheit und bezahlbarem Wohnraum für Viele statt Luxuslofts für wenige fordern.

Schwerpunkt eures Projektes war ja die Situation für MigrantInnen auf dem Wohnungsmarkt, warum?

Die Mieten in Bonn werden für alle immer teurer. Günstige Wohnungen befinden sich oft in katastrophalem Zustand und sind kaum bewohnbar. Für Migrantinnen und Migranten ist die Situation allerdings ungleich schwerer, denn migrantische Mieterinnen und Mieter sind von Diskriminierung und rassistischen Vorurteilen betroffen. Mit dem "falschen" Nachnamen oder der "falschen" Hautfarbe bleibt die Wohnungssuche oft aussichtslos. Die Situation in Bonn und auch in anderen Städten ist wirklich sehr alarmierend. Selbst wir als etablierte Migrantinnenselbstorganisation haben für unsere Einrichtung Gülistan trotz intensiver Raumsuche über ein Jahr lang keine Räume bekommen. Teilweise wurde uns offen gesagt, dass nicht an „Ausländer“, „Migranten“ oder „Integrationskursträger“ vermietet wird. Neun Monate lang waren wir also praktisch obdachlos. Die gesellschaftliche Atmosphäre, die wir ganz klar zu spüren bekommen haben, lässt sich mit folgenden Worten zusammenfassen: „Integration ja, aber nicht in meinen Räumen“.

Welche Erfahrungen haben euch MigrantInnen erzählt? Mit welchen Problemen haben MigrantInnen zu kämpfen?

Eine Teilnehmerin aus einem unserer Deutschkurse fehlte häufig beim Unterricht. Sie hat uns erzählt, dass ihre Kinder ständig krank sind wegen des Schimmels in der Wohnung. Aus diesem Grund hat sie sich 2011 das erste Mal an die Wohnungsfirma gewandt. Es dauerte allerdings ein halbes Jahr, bis sich ein Mitarbeiter die Situation vor Ort ansah. Daraufhin wurde ihr gesagt, dass eine Firma die Schimmelbeseitigung übernehmen würde. Allerdings sollte sie erst einmal neue Tapeten kaufen und die Möbel wegräumen. Das hat sie auch getan, doch was passierte daraufhin? Nichts. Über Monate hinweg spielte sich das Leben der Familie im mit Möbeln vollgestopften Wohnzimmer ab. Sie hat mehrfach bei der Wohnungsfirma angerufen, aber erst Ende 2012 nach Einschalten des Mietervereins erschien eine Malerfirma zur Besichtigung. Die Schimmelbeseitigungsmaßnahmen bestanden darin, dass eine Sperrholzplatte vor die schimmlige Wand angebracht und gestrichen wurde. Wir haben mittlerweile Herbst 2014 und die Familie wohnt immer noch in der gleichen Wohnung, weil sie keine passende bezahlbare Wohnung gefunden hat.

Dies ist nur eine von vielen Geschichten, die uns in dem Projekt begegnet sind. Es gab auch noch viele weitere Themen und Fragen, mit denen wir uns beschäftigt haben: Wie sieht die Wohnsituation von Flüchtlingen in den Unterkünften und Heimen aus? Wieso gibt es keine Bemühungen in Bonn, den Bestand an Sozialwohnungen, also Wohnungen mit sehr günstigen Mieten, zu halten bzw. ihn zu erhöhen? Warum werden manche Stadtteile wie die Altstadt umgestaltet und gleichzeitig auch immer teurer und dadurch Migrantinnen an den Stadtrand gedrängt und zwar teilweise genau dahin, wo die Wohnsituation katastrophal ist?

Das Projekt hat das Wort Träume im Namen. Wie sehen eure Wohnträume aus?

Malak (20 Jahre): Ich habe so viele Träume, aber ich glaube, dass sie niemals wahr werden. Ich würde gerne in einem freistehenden Haus aus schwarzem Stein und mit viel Glas wohnen. Toll wäre ein Pool im Erdgeschoss und draußen gäbe es ein Garten. Es gibt Tiere, die dort leben  wie z.B. Pferde und weiße Tauben. Ganz oben ist der Schlafbereich. Im Wohnbereich gibt es einen Kamin, wenn es hier in Deutschland wäre. Am liebsten würde ich in einem Haus am Rhein wohnen, nicht allzu ländlich, aber auch nicht allzu sehr in der Stadt.

Hatice (17 Jahre): Ich wünsche mir größere Wohnungen mit viel Platz für Familien, die man auch bezahlen kann und wo man nicht an jeder Ecke renovieren muss.

Fatma (16 Jahre): Ich möchte keinen Palast und keine Villa, aber gemütlich ohne Schimmel und defekte Heizungen wohnen können.

Was sind eure Forderungen? Und an wen richten sie sich?

Wir wünschen uns, dass die Bewohnerinnen und Bewohner mit ihren Problemen nicht allein gelassen werden. Die Lage in Bonn verschärft sich zusehends und es wird insgesamt viel zu wenig dagegen unternommen.
Wir fordern die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum. Gerade auch für ältere Migrantinnen und Migranten sowie für Menschen mit Behinderung braucht es geeignete und günstige Wohnungen, die z.B. rollstuhlgerecht sind.
Wohnungen sollen erneuert werden, aber ohne Luxussanierung, denn sonst kann sich nachher fast niemand mehr die Miete leisten.
Leerstand - d.h. leer stehender Wohnraum - muss bekämpft werden, damit es mehr Wohnungen in Bonn für alle gibt.
Menschen, die Geld vom Jobcenter bekommen, werden oft aufgefordert, sich preiswertere Wohnungen zu suchen. Es gibt aber wenig bezahlbare Wohnungen in Bonn. Deswegen darf ihnen kein Geld gestrichen werden, wenn sie keine günstigere Wohnung finden.
Mieten in zentrumsnahen Stadtteilen müssen begrenzt werden, damit die Menschen mit wenig Einkommen nicht an den Stadtrand verdrängt werden. Eine strenge Kontrolle der Wohnungsfirmen ist notwendig, um etwas gegen explodierende Nebenkosten, nicht funktionierende Heizungen oder verschimmelte Wohnungen unternehmen zu können.

Und was wünscht ihr euch generell, über die Wohnsituation hinaus, damit rassistische Diskriminierung aufhört?

Malak (20 Jahre): Die Gesellschaft soll menschlicher werden. Wenn eine Familie vier oder sechs Kinder hat, soll sie nicht merkwürdig angeschaut werden. Ich wünsche mir eine Gesellschaft, die familien- und kinderfreundlich ist, in der es Leben und Streit geben kann. Leute mit Migrationshintergrund, die Kinder haben, sollen nicht in Hochhäuser-Blocks gesteckt werden. Diese Menschen wollen auch in Einfamilienhäusern oder kleineren Mehrfamilienhäusern leben und sie wollen mehr Chancen in dieser Gesellschaft haben.

Die Hauptschule muss abgeschafft werden. Wenn man einmal dorthin geschickt wird, dann kommt man nicht mehr raus. Schon in der Grundschule wird darauf geschaut, wie du angezogen bist, wer deine Eltern sind, und dann wird direkt entschieden: Du kommst auf das Gymnasium oder auf die Hauptschule. Die Kinder können nichts dafür und Kinder, die es nicht leicht haben, bekommen nicht die gleichen Chancen. Wenn einem nichts zugetraut wird, dann ist man irgendwann nicht mehr motiviert. Sie denken dann, dass sie sowieso nichts erreichen werden, weil es keinen Sinn macht. Kinder können alles erreichen, wenn sie Unterstützung bekommen. Deswegen brauchen wir sozial engagierte Lehrer/-innen, denn die Kinder verbringen mittlerweile den ganzen Tag in der Schule und Lehrer/-innen tragen also eine sehr große Verantwortung.

Vielen Dank für das Interview!

Das Projekt „Wohn(t)räume“ fand vom 1.10.2013 bis zum 31.12.2014 im Interkulturellen Mädchentreff AZADE und im Migrantinnentreff Gülistan statt und wurd aus Mitteln der Robert-Bosch-Stiftung gefördert.

Hier geht´s zur Homepage des Mädchentreffs

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Stand: 27. November 2014