Zwischen Baileys und Blues – Amy Winehouse

„They tried to make me go to rehab
I said no, no, no!”

Im Gegensatz zu all den Pop-Püppchen, die zurzeit die MTVs und VIVAs dieser Welt bevölkern und die sich Musik, Texte, Aussehen und Image von Managern und Produzenten vorgeben lassen, singt sich Amy Winehouse in ihren selbst geschriebenen Songs aufrichtig aus der Seele: Die rebellische Soulsängerin lässt sich nichts vorschreiben. Doch der Erfolg, den sie damit hat, birgt auch seine Schattenseiten.

Allein in ihrer Heimat Großbritannien verkaufte sich ihr ’06-Album „Back to Black“ über eine Million Mal; in vielen anderen Ländern, darunter Frankreich, Norwegen, Australien und USA, erreichte es Gold- oder Platinstatus. Zahlreiche Auszeichnungen und Anerkennung durch Musik-Größen wie Mick Jagger und Lou Reed pflasterten den Weg ihrer Traum-Karriere. Der 24 Jahre jungen Vollblut-Musikerin mit der beeindruckenden Soul-Stimme liegt buchstäblich die Welt zu Füßen.

Doch mit ihrem steilen Aufstieg zeigte sich auch eine ganz andere Seite der Sängerin und Songwriterin: Ihr Hang zum Exzessiven. Amy ist für ihre Liebe zum Alkohol ebenso bekannt wie für ihren Hang zur Magersucht und Selbstverletzung... und 2007 war weniger ihre Musik im Mittelpunkt des Medieninteresses, als ihre scheinbar endlosen Drogengeschichten. (Gibt es sie, die „schlechte Publicity“? Wer weiß.) Dazu die öffentlich dokumentierten, gewalttätigen Streitereien mit ihrem – ebenfalls abhängigen – Ehemann.

Der Erfolgsdruck scheint sein Übriges zum ohnehin schon schwierigen Temperament des Jungtalents beigetragen zu haben...

Aufwachsen in der Hauptstadt des Pop

1983 erblickt die Tochter englisch-jüdischer Eltern im Nordteil Londons das Licht der Welt. Der Vater ist Jazzmusiker, die Mutter bringt ihr Gitarre spielen bei. Soul-, Rap- und Jazzplatten begleiten Amy durch ihre Kindheit. Mit neun Jahren erlebt sie die Scheidung ihrer Eltern; mit zehn gründet sie ihre erste Rap-Gruppe „Sweet’n’Sour“.

Leicht zu handhaben ist das Energiebündel schon damals nicht: So wird Amy mit 15 Jahren von der angesehenen Sylvia Young's Stage School geschmissen, weil sie sich nicht genug unterordnet (ein selbst gestochenes Nasenpiercing soll beim Rauswurf ebenfalls eine Rolle gespielt haben). Daraufhin studiert sie Geschichte und spielt nebenbei in einem Jazz-Orchester.
Da kommt ein im Musikgeschäft tätiger Freund Amys auf die Idee, seinem A&R-Manager ein Demo der Sängerin vorzulegen – und der ist so begeistert von der einzigartiger Stimme der 16-Jährigen, dass er sie sogleich unter seine Fittiche nimmt. Auf eine Zusammenarbeit folgt schließlich der ersehnte Plattenvertrag mit Island Records.
2003 bringt Amy ihr Debütalbum „Frank“ (engl. für: offen, aufrichtig) heraus, das prompt auf Platz 13 der britischen Charts schießt.

Musik jenseits von Schubladendenken
„Frank“ wird nicht nur von den Musikfans, sondern auch von den Kritikern begeistert aufgenommen – Elemente von Jazz, R’n’B, und (dem Albumtitel entsprechend) offene, freche Texte ergeben darauf, durch den musikalischen Mixer gejagt, einen orinellen, kaum einzuordnenden Sound, der ihr jeweils eine Nominierung für einen Brit Award und für den Mercury Music Prize einbringt. Zwar gehen ihr beide durch die Lappen, dafür kann sie aber im Mai 2004 einen Ivor Novello Songwriting Award für die wunderbar leicht daherkommende Single „Stronger than me“ einstecken.

Den richtig großen Erfolg bringt ihr aber das Folgealbum „Back to Black“ (2006) – nicht zuletzt, weil man ihr hier die künstlerische Freiheit lässt, die Amy beim Debütalbum so vermisst hat. „Back to Black“ ist nicht nur melodischer und ausgereifter als „Frank“, sondern stellt auch deutlicher als bisher die tiefe Soul-Stimme der Musikerin in den Vordergrund. Gospel und 60er-Girlgroup-Sound finden darauf ebenso Platz wie Swing und moderne Hip-Hop-Beats. Im Februar 2007 kann Amy endlich einen Brit Award sowie einen zweiten Ivor Novello mit nach Hause nehmen, später noch einen Mobo Award als „Best UK female“. Die Single „Rehab“ (kurz für „rehabilitation clinic“ = Reha), die vom Versuch ihres Ex-Managements handelt, sie zu einem Aufenthalt in der Entzugsklinik zu zwingen, wird zum internationalen Hit.

Zu diesem Zeitpunkt ist „Wino’s“ übertriebene Zuneigung zu Hochprozentigem der Öffentlichkeit längst nicht mehr unbekannt – dafür sorgen ihre Songtexte und die britische Boulevardpresse gleichermaßen. Doch im Laufe des Jahres nimmt ihr (Konsum)Verhalten verhängnisvolle Züge an...

Autorin / Autor: Lina - Stand: 30. Oktober 2007