Ach, ein Moment

Beitrag zum Schreibwettbewerb echt? jetzt! von Stella, 24 Jahre

Zuerst holte ich mir einen Smoothie.
Ach, ein Moment.
Eigentlich hatte ich an diesem Tag einen Termin, den ich nicht wahrnehmen konnte, weil ich viel zu spät dran war. Das war mir schon bewusst, als ich losgefahren bin. Mittlerweile sage ich mir, dass ich trotzdem losgehe und das Beste aus dem Tag mache, um mich nicht aus Scham alleine zu Hause zu verkriechen. Ich sagte also Bescheid, dass ich heute viel zu spät dran wäre. Meine Nachricht wurde verständnisvoll empfangen. Jedenfalls überwiegend. In der letzten Nachricht stand, dass sie beim nächsten Termin gerne kurz mal darüber sprechen mag, wie wir mit kurzfristigen Terminänderungen umgehen werden. Ich zeigte Einsicht und verfiel allerdings ein wenig in Rechtfertigung, da … (wäre jetzt wieder wohl eine Rechtfertigung, denke ich mal). Das Positive an dieser Terminsetzung war, auch ohne die Wahrnehmung des Termins, dass ich es endlich mal geschafft hatte, meine Haare zu waschen und komplett durchzukämmen. Wirklich schön sahen sie aber nicht aus. Es wurde wieder mal ein Produkt aus dem Sortiment genommen, das sehr gut funktioniert hatte, und das Produkt über andere Seiten zu Bestellen ist aktuell auch nicht möglich. Ich fuhr also mit der Bahn in die Stadt. Jetzt holte ich mir meinen Smoothie.
Ach, ein Moment.
Also, eigentlich fragte ich tatsächlich die Frau vor mir, die schon bestellt hatte, für welchen Smoothie sie sich entschieden hat und ob sie mir den oder einen anderen empfehlen könnte. Ihrer war mit Roter Bete, Karotte und so. Ehhm, den schlug ich ab. Ich wollte einen Smoothie- Smoothie. Der eine Verkäufer sagte: „Vitaminbombe!, der ist gut.“ Ich schaute ihn grinsend an und dann den anderen Verkäufer, der direkt vor mir stand. Er schaute mich erwartungsvoll an. Ich sagte: „Okay, den nehme ich.“ Er nahm den Mixer und das Erste, was mir auffiel, war, dass er den Mixer nicht kurz davor einmal mit Wasser ausspülte, obwohl man deutlich gesehen hat, dass vorher anderes Obst darin gemixt wurde. Mulmig wurde es mir. Ehrlich gesagt fragte ich mich: Was ist eigentlich, wenn ich einfach genau jetzt sagen würde: „Nope, ich denke, ich habe wohl meine Meinung geändert und ich will doch keinen Smoothie mehr. Tschüüüüs“? Irgendwie habe ich aber auch darüber nachgedacht, ob ich ihn nicht einfach fragen kann, ob er den Mixer nur kuuurz mal mit Wasser ausspülen könnte. Man! Ich habe mich dazu entschieden, meinfach dieses Gefühl auszuhalten. Ich sollte ja nicht immer so pingelig sein. Oder? Er fragte mich etwas, während ich gerade doch total mit meinem Gedankenchaos beschäftigt war. Ich habe es irgendwie nicht ganz verstanden. Klang für mich irgendwie genuschelt. Also, ich bin ehrlich, es liegt selten daran, dass jemand wirklich nuschelt. Der andere Verkäufer daraufhin: „Ja, immer mit Liebe.“ „Für so eine schöne Frau immer mit Liebe.“ Mittlerweile konnte ich die Wörter entziffern, die der erste Verkäufer zu mir sagte: „Mit oder ohne Liebe?“. Ich daraufhin:
„Ja, okay, dann wohl mit Liebe.“ Nachdem er den Smoothie fertig gemixt hatte, sagte er wieder irgendwas, was ich nicht richtig entziffern konnte. Ich habe nachgefragt und es wieder nicht verstanden. Also grinste ich einfach und sagte: „Dankeschön und schönen Tag noch, nh.“ Jetzt habe ich wohl meinen Ekel-Smoothie.
„Für so eine schöne Frau immer mit Liebe.“ Es klang nicht anmachend, aber ich sah an diesem Tag ein wenig wie ein Penner aus, also, glaube ich. Oder ehrlich gesagt: keine Ahnung. Meine Jogginghose so weit, ich glaube, ich hätte in ein Hosenbein dreimal reingepasst. Ich hatte einen Pickel auf meiner Stirn und wieder mal keine Zeit gehabt, mich im Gesicht zurechtzumachen. Zu der Hose gab es die passende Sweatjacke und darunter ein schwarzes Top. Alle drei Kleidungsstücke sowie meine Tasche waren schwarz. Außer meine Schuhe. Die waren braun. Ein dunkleres Braun. Nicht zu vergessen: Meine rosa Kopfhörer hatte ich auf. Als der Verkäufer zu mir sagte, dass ich schön sei, empfand ich, ein nicht wirklich eindeutig beschreibbares Gefühl dabei. Andererseits finde ich es nicht schlimm, dass jemand mich schön findet. Mich begleitet dennoch des Öfteren ein unangenehmes Gefühl.
Schönheit und unsere Floskeln. Was ist mit den anderen Menschen, die jemand dann mal nicht als schön betrachtet? Wieso sollten die keinen Smoothie mit Liebe verdient haben? Jaja, das sind alles immer nur Floskeln, die man so sagt. Aber sollte so etwas wirklich normalisiert sein?

Autorin / Autor: Stella