Ich möchte euch heute von meinem 13. Geburtstag erzählen. „Der erste Geburtstag als Teenager, das wurde bestimmt groß gefeiert“, das denkt ihr jetzt vielleicht, aber damit liegt ihr komplett daneben. In Wahrheit habe ich meinen 13. Geburtstag auf Bahnsteig 1 im Bahnhof Buchholz verbracht.
Mit dem Zug fuhren wir am letzten Tag unserer Klassenfahrt nach Kiel als ersten Stopp zum Hauptbahnhof Hamburg. Dort warteten wir auf unseren Zug. Natürlich hatte er Verspätung. Also vertrieben meine beste Freundin und ich uns die Zeit mit „Zwei Wahrheiten, eine Lüge“. Als wir endlich im Zug saßen, fluchte meine beste Freundin plötzlich: Ihr Handyakku war leer. Ich warf einen Blick auf mein Handy, doch durch die ungeplante Verzögerung war auch mein Akku leer – das Beste, was uns hätte passieren können, wie sich später noch herausstellen würde. Als wir schließlich im Bahnhof Klecken angekommen waren und sich die Zugtüren wieder geschlossen hatten, knackte es nach einer gefühlten Ewigkeit in den Lautsprechern: „Achtung, Achtung, ich muss Ihnen leider mitteilen, dass sich die weitere Abfahrt um undefinierte Zeit verzögert, da sich Personen im Gleisbereich befinden.“ „Na toll“, dachte ich. Eigentlich sollte ich um 15 Uhr zu Hause sein und meinen Geburtstag mit meiner Familie feiern. Nun war es bereits 14:20 Uhr. Gelangweilt sah ich mich im Abteil um. Dabei fiel mir ein Mann auf, der mit seiner Freundin auf der anderen Seite des Ganges saß. Ich glaube, es war sein freundliches Lächeln, das ihn mir sofort sympathisch machte. Ich hörte, wie er zu seiner Freundin sagte: „Ich wette, wir fahren in genau 14 Minuten, also um 14:36 weiter.“ „Ich tippe auf 33 Minuten“, antwortete ich ungefragt. Immer mehr Wetten wurden abgegeben. Da ich nichts anderes zu tun hatte, begann ich, mit dem sympathischen Mann Smalltalk zu führen. Plötzlich schaute er auf meinen Koffer. Irritiert folgte ich seinem Blick. Da fiel es mir wieder ein: Auf meinem Koffer lag ein Luftballon mit der Aufschrift „Happy Birthday“, den meine beste Freundin für unser Zimmer in der Jugendherberge besorgt hatte. Da mein Koffer schon voll war, hatte ich ihn außen daran festgebunden.
„Hast du etwa heute Geburtstag?“ „Äh, ja“, gab ich etwas verlegen zu. „Oh, herzlichen Glückwunsch.“ Da knackte es wieder in den Lautsprechern: „Achtung, Achtung, die Strecke ist jetzt wieder frei und wir werden nun weiterfahren.“ Schnell schaute ich auf die Uhr: 14:54 Uhr. Der Mann tat es mir gleich. „Oh, das wird knapp.“ Ich starrte auf den Sekundenzeiger: 14:54:48. In unserem Abteil war es still geworden. Jeder spürte die Spannung. Sekunde 52. Sekunde 56. Ein Ruck ging durch den Zug. Sekunde 58. In dem Moment, in dem der Minutenzeiger auf 55 sprang, rollte der Zug an. Ein Jubeln ging durch den Zug und kurz darauf klatschte jeder. „Auf die Sekunde genau, das muss Geburtstagszauber sein“, sagte der nette Smalltalktyp. Schließlich kamen wir am Bahnhof Buchholz an. Es war wie ein Déjà-vu. Wieder knackte es nach einer gefühlten Ewigkeit in den Lautsprechern: „Achtung, Achtung, ich muss Ihnen leider mitteilen, dass die Strecke erneut blockiert ist und wir in wenigen Minuten zum Hauptbahnhof Hamburg zurückfahren werden.“
Da unsere Lehrer in einem anderen Abteil saßen, wurde uns von ein paar Mitschülern mitgeteilt, dass auch wir hier aussteigen sollten. Kurz darauf standen wir mit unserer Klasse auf Bahnsteig 1 im Bahnhof Buchholz. Nach zehn Minuten hatte meine beste Freundin keine Lust mehr zu stehen und setzte sich auf ihren Koffer. Weil auch meine Beine langsam schwer wurden, tat ich es ihr gleich. Großer Fehler. Ich hatte es mir gerade gemütlich gemacht, da knallte es plötzlich. Mein Koffer war geplatzt. „Na toll“, dachte ich mir, „kann dieser Tag noch schlimmer werden?“ Ich begann, den Inhalt des Koffers, der nun eher der Belag des Bahnsteigs war, wieder einzusammeln. Schließlich setzten wir uns auf den Boden. Der nette Typ aus dem Zug stand nicht weit von uns. Plötzlich sagte er: „Dieses Mädchen hier hat heute Geburtstag und hatte bisher noch nicht den besten Tag. Kommt Leute, lasst uns für sie singen.“ Er begann „Happy Birthday“ anzustimmen. Erst stimmten ein paar Klassenkameraden ein, dann der Rest meiner Klasse und schließlich so ziemlich jeder Mensch, der gerade auf dem Bahnsteig stand. Ich begann zu klatschen, und alle applaudierten mit. Auch wenn ich so viel Aufmerksamkeit eigentlich nicht so gern habe, war allein die Atmosphäre und dieses Gefühl von Zusammenhalt und Menschlichkeit einfach unbeschreiblich. Mir wurde ganz warm ums Herz und trotz dieses nicht gerade perfekten Tages war ich überglücklich.
Diesen Geburtstag werde ich nie wieder vergessen und bis heute neckt mich meine beste Freundin mit dem Satz: „Erinnerst du dich noch, als du deine Socken vom Bahnhof gepflückt hast?“