Wenn ich sterbe…

Beitrag zum Schreibwettbewerb echt? jetzt! von Vivienne R., 15 Jahre

Ich starre auf den Sarg vor mir. Das Holz ist wurmstichig und die silbernen Beschläge angelaufen. Auf dem geschlossenen Deckel liegt ein Strauss mit Wiesenblumen und davor steht ein eingerahmtes schwarzweiss Bild und daneben flackert eine einsame Kerze in einem Glas. Meine alten, faltigen Hände zittern, als ich wortlos die Papierbögen auf den Sarg lege, kurz mit der Hand darüberfahre und in meinen Gedanken einen letzten Wunsch für die Tote ausspreche. Der Sarg steht nicht in einer Kirche, sondern auf einer Wiese, mitten im Nirgendwo. Die langen Grashalme sind rau und das juckende Gefühl, welches sie auf der Haut verursachen, erinnert mich an die gute alte Zeit, wie ich es nenne. In meinen knapp achtzig Jahren habe ich so gut wie alles erlebt, was man überhaupt erleben kann. Ich machte eine Weltreise, danach arbeitete ich viele Jahre lang bei einer Aufforstungsstation in Brasilien, bis ich schliesslich zurück in die Schweiz zog, mein Heimatsland. Ich heiratete, zog fünf Kinder gross, die schliesslich ihr Zuhause wieder verliessen und selbst in die Welt hinauswanderten. Seit einigen Jahren macht mir das Alter zu schaffen und selbst der Gang von meiner Wohnung im dritten Stock über die Strasse, zwei Blocks weiter bis zum nächsten Coop und dann alles wieder zurück, strengt mich an. Ich setze mich auf einen Klappstuhl, den meine Kinder extra für mich aufgestellt haben. Umringt von meinen Grosskindern, sieben Stück insgesamt, komme ich ein wenig zur Ruhe und vergesse beinahe, weshalb ich überhaupt hier sitze; mitten auf einem Feld neben einem Sarg, mit gut zwei dutzend schwarzgekleideten Trauernden. Ich fühle mich mit meinem luftigen, geblümten Sommerkleid nicht fehl am Platz, da ich weiss, dass die Tote es so gewollt hätte. Bei der Toten, von der die Rede ist, handelt es sich um meine beste Freundin. Seit Kindertagen kannte ich sie. «Erzählst du uns jetzt von früher?», unterbricht die kindliche Stimme meines jüngsten Enkelkindes meine Gedanken. Ich lehne mich zurück, kratze mich nachdenklich am Ohr und räuspere mich.

«Komm schon, da vorn ist es bereits!» Ich kam nur dazu, dem feurigen Streif aus wehendem rotem Haar hinterher zu blicken. Ihre Silhouette verschwand zwischen den Bäumen und die dunkle Kleidung machte es nicht gerade einfacher, sie in der einbrechenden Dämmerung wiederzufinden. Die Bäume lichteten sich abrupt und ein riesiges Haus wuchs vor uns aus dem Boden. «Bist du dir sicher?», flüsterte ich ihr zu. Sie kauerte bereits neben dem schmiedeeisernen Tor, welches die beiden Enden einer hohen Betonmauer, die das gesamte Anwesen umschloss, vereinte. Moos und kleine Pflanzen hatten mit der Zeit Risse in die graue Masse gesprengt, und auch das Tor hing nur noch locker in den Angeln. Die beiden Messinglöwen links und rechts des Eingangs schienen majestätisch auf uns niederzublicken, wie Könige auf ihre Untertanen. «Na komm schon, es kann doch nichts passieren.» Sie rammte eine Schulter gegen die eisernen Gitterstäbe und das Tor sprang mit einem hässlichen, metallischen Quietschen auf. Kies knirschte viel zu laut unter unseren Füssen, als wir den schnurgeraden Weg bis zum Haus entlangschlichen. Die Eingangstür war ein Spalt breit offen und der silberne Schein des Vollmondes belichtete die Szenerie gerade genug, damit man die unförmigen Gebilde im Innern des Hauses erblicken konnte. Bei genauerem Hinsehen erkannte ich, dass es sich um Möbel handelte, die mit weissen Bettlacken abgedeckt waren. Die Tür schlug zu.

Kalte Angst packte mich und ohne einen Blick zu wechseln stürmten wir beide schreiend den Weg hinunter. Wir rannten und rannten, ohne genau zu wissen, wohin. Die Bäume lichteten sich bereits ein zweites Mal, doch nun standen wir auf einer weiten Wiese. Die kniehohen Grashalme strichen über unsere entblössten Knöchel. «Hier will ich sterben», meinte sie und liess sich mit ausgebreiteten Armen zu Boden sinken. Ich legte mich neben sie und betrachtete die glitzernden Sterne über mir. «Wie willst du bitte auf einer Wiese sterben?» Sie schnaubte. «An einem Herzinfarkt vielleicht.» «Schwachsinn.» «Dann will ich eben hier begraben werden.» «Themawechsel», kommentierte ich nur. Ich sprach nicht gerne über den Tod. Ihr schien es jedoch nichts auszumachen. «Wir sterben alle irgendwann», hauchte sie leise. Eine Sternschnuppe zischte über den Himmel. Ich kniff die Augen zu und wünschte mir etwas. Nicht, dass mein Leben nie enden sollte, denn das wollte ich gar nicht. Meiner Meinung nach hatte das Leben wenig Sinn, wenn es unendlich war. Ich wünschte mir, dass sich jede einzelne Sekunde lohnen würde. Dass ich meine Tage auskosten würde, bis sie irgendwann gezählt waren.