Nächster Halt: Menschlichkeit

Beitrag zum Schreibwettbewerb echt? jetzt! von Sophie, 20 Jahre

Und so machte ich mich auf den Weg irgendwohin. Ich hatte zwar kein richtiges Ziel, musste aber schleunigst mal raus aus diesem Zimmer. Und ich war schließlich in einer neuen Stadt, die es noch zu erkunden galt. Ein letzter Blick durch mein neues Zuhause, fielen mir die Taschentücher auf meinem Bett auf und kurz verbreitete sich ein schlechtes Gefühl in meinem Magen. Umso schneller verließ ich die Wohnung. Draußen war wunderbares Wetter, der Himmel hellblau mit ein paar einzelnen Wölkchen, ein leichter Wind und die Sonne strahlte eine angenehme Wärme aus. Ein Mittwochnachmittag im September.

Mein Blick wanderte das Kondominium hoch bis zu meinem Zimmerfenster im dritten Stock. Ein schönes Gebäude von außen, die Wohnung war auch von innen echt cool, genauso wie mein Zimmer. Meine Mitbewohnerinnen waren richtig nett und die Lage könnte echt schlechter sein. Ich spürte, wie die Tränen sich wieder ihren Weg bahnten, wie sie wieder loslaufen wollten. Ich schluckte und hielt sie zurück. Nicht jetzt, nicht hier in der Öffentlichkeit. Ich drehte mich um und spazierte los Richtung Straßenbahn.

Ich versuchte meine Gedanken woandershin zu lenken, doch es half nichts, sie fanden immer wieder den Weg zurück. Und dann kam alles über mich, erneut kämpfte ich gegen die Tränen. Ich hatte es so gut, eine tolle Wohnung, ein super Zimmer und generell echt großes Glück. Warum war ich dann die ganze Zeit so traurig? Warum musste ich andauernd weinen? Ich war vor vier Tagen hierhergezogen, in eine Großstadt zum Studieren. Ich war ehrlich gesagt richtig aufgeregt gewesen. Klar, war auch etwas Angst im Spiel, schließlich war es eine neue Stadt, neue Leute, neue Wohnsituation, ein neues Lebenskapitel. Anfangs war ich noch voller Vorfreude, doch das änderte sich schnell und so lag ich schon am zweiten Tag Rotz und Wasser heulend auf meinem Bett und wusste nicht mal genau, warum ich weinte. Vielleicht eine Mischung aus allem: ein bisschen Heimweh, ein bisschen viel Umstellung und Überforderung und auch einiges an Einsamkeit. Die Uni würde erst nächste Woche beginnen, also hatte ich weder etwas zu erledigen noch Bekannte hier, um etwas zu unternehmen.

In der Straßenbahn setzte ich mich auf den erstbesten freien Platz. Die ältere Dame neben mir lächelte mich freundlich an, also rang ich mir ein Lächeln auf meine müden Augen. In meinen Ohren hörte ich Makkos Stimme mit der Frage, ob ich morgen oder heute leben möchte. Bevor ich in Gedanken genauer darüber philosophieren konnte, registrierte ich von der Seite, dass meine Sitznachbarin mit mir sprach. Ich nahm meine Kopfhörer heraus, nicht sehr begeistert, denn ich hatte mich auf meine Musik gefreut, und fragte nach.
„Ach so, entschuldigen Sie, ich hatte gar nicht gesehen, dass Sie auch solche Ohrhörer drin haben“, sagte sie, immer noch lächelnd.
„Nein, alles gut. Brauchen Sie Hilfe?“, fragte ich. Ihre Antwort darauf war lediglich ein Lachen, sie lachte kurz auf, kehrte dann wieder zu ihrem Lächeln zurück. Ich war verwirrt. „Habe ich was falsches gesagt?“, versuchte ich es.
Ihr Blick wanderte wieder zu mir und immer noch lächelnd sprach sie mit ruhiger Stimme: „Nein, gar nicht. Ich brauche nur keine Hilfe, das ist alles. Ich wollte Ihnen lediglich etwas erzählen, weil ich dachte, Sie wären auch einfach so hier. Alle anderen hören Musik oder weiß Gott was oder sind andauernd in ihr Telefon vertieft. Aber ich möchte Sie auch gar nicht stören.“ So wandte sie sich ab und schaute zum Fenster hinaus.

Ich hatte ein schlechtes Gewissen und schon fast wieder Tränen in den Augen. Es schien, als könnte jede Kleinigkeit schon ein Auslöser sein. Ich hielt sie zurück und suchte nach fester Stimme. „Sie können es mir gerne erzählen, ich höre zu.“
Unsere Blicke trafen sich und plötzlich fing sie an zu erzählen. Es war ein Geschehnis, das ihr heute Morgen im Supermarket widerfahren war. Nichts Besonderes, sondern etwas Alltägliches, ein Missverständnis, worüber man sich im Nachhinein amüsieren konnte. Doch sie erzählte die Geschichte so lebendig und interessant und am Ende lachte sie so herzlich darüber, dass ich nicht anders konnte, als mitzulachen. Wir saßen also da in der Straßenbahn, zwei Fremde, und lachten gemeinsam über ihre Erzählung. Es war wirklich schön, trotzdem brachen bei mir genau in dem Moment die Tränen aus, nein, eigentlich brach alles aus. Alles wollte raus und ich konnte es nicht stoppen. Ich weinte einfach drauflos. In der Öffentlichkeit. In der Straßenbahn. Vor all diesen fremden Leuten. Was die sich nur dachten? Die ältere Dame reichte mir stumm ein Taschentuch. Ich nahm es dankbar an. Ich wollte aufhören, doch es kam immer mehr. Plötzlich spürte ich eine Hand in meiner. Ich schaute auf und sah, dass es die meiner Sitznachbarin war. Sie drückte meine Hand leicht und als wir uns in die Augen schauten, flüsterte sie mir zu: „Alles wird gut.“ Und irgendwie spürte ich, dass sie Recht hatte.