Endlich wieder Wut

Beitrag zum Schreibwettbewerb echt? jetzt! von Vicky, 22 Jahre

Kraft strömt mir durch die Adern
Lässt mich leben, macht mich laut
Fließt mir in die Fingerspitzen
Lässt mich laufen, taut mich auf

Es ist Wut
Nie war sie immer zwingend etwas Negatives, etwas Böses gar
Ist sie doch zum Leben, zum Überleben da
Wär da nicht die Gesellschaft, die Empörung eingezogen
Hätten dank der Wut vielleicht mehr Menschen aus Mut den Kopf erhoben
Vielleicht auch ich


Es war einer dieser Tage, an denen die Wut durch meine Adern strömte wie ein goldener Strom. Und ich schwöre, hätte mich an diesem Abend jemand richtig angeschaut, hätten sie den gelben Glanz auch auf meinen Armen und dem Rest meines Körpers sehen können. Doch keiner schaute. Und so verbarrikadierte ich mich in meinem Zimmer.

Es war zu viel, ich hatte kein Ventil, und ich wusste, wenn nicht bald etwas geschah, würde ich platzen.

Und so nahm ich mein Handy zur Hand, scrollte, und ignorierte den Strom voll goldener Partikel in mir. Als ich mein Handy schließlich weglegte, klebten Tränen an meinen Wangen wie verstaubter Glitzer und die Wut in meinem Körper war von einem grauen Schleier bedeckt.

Jetzt fühlte ich mich nicht mehr wütend.

Ich fühlte mich elendig.

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Ich weiß nicht, welches Gefühl es an diesem Freitag um 19:43 gewesen war, das ich wegscrollen wollte. Was ich noch weiß, ist, dass ich keine Zeit zum Scrollen hatte, da ich an diesem Abend zu einer Veranstaltung gehen würde.

Und ich freute mich sehr darauf.

Der Stand der Veranstaltung, den ich besuchte, hieß „Living Library“. Ich wusste nicht genau, was ich mir darunter vorstellen konnte, nur, dass ich unbedingt dort hingehen musste.

Ein gemütliches kleines Sofa war vor einem abgerundeten Bücherregal aufgebaut worden. Davor waren Sessel und weiche Decken drapiert, die so bunt waren wie die Cover der Bücher selbst. In dem kleinen Sofa vor dem Bücherschrank würde bald die erste Person sitzen, die uns einen Teil ihrer Lebensgeschichte mitteilen würde. Sie würde uns laut des Aushangs daneben diesen Teil jedoch nicht in Form eines Buches übergeben, sondern das Buch lebendig werden lassen, in dem sie direkt mit den Menschen sprach.

Die erste Person in der Living Library war jung, nicht viel älter als ich. Sie erzählte uns von ihrer Geschichte, die geprägt war von sexualisierter Gewalt und Erlebnissen, die den Zuhörenden vor schierer Fassungslosigkeit zuerst die Worte nahm und dann wieder um ein Vielfaches zurückgab.
Denn es entstand ein Austausch, bei dem zahlreiche Anwesenden ihre eigenen Geschichten und Gedanken mit einer solchen Offenheit teilten und auf ebenso offene Menschen trafen, dass es mir fast die Tränen in die Augen trieb.

Und ich schämte mich kein bisschen dafür.

Ich hatte das Gefühl, dass an diesem Abend jede anwesende Person, ungeachtet von Alter und Geschlecht und Besonderheit, den schützenden Kokon, unter dem ihre Emotionen im Alltag verborgen lagen, ein Stück weit zur Seite gelegt hatte. Und das war eine ganz neue Erfahrung für mich. Zum ersten Mal in meinem Leben konnte ich nur kurz überlegen, ob ich überhaupt den Mut hatte, auch selbst meine Gedanken zu teilen.

Ich erzählte einfach.

Ich erzählte zu den verschiedenen Erzählungen der Menschen von meinen eigenen Erlebnissen und auch meiner Wut und das ermutigende Lächeln der Menschen auf dem Sofa und den Sesseln war alles an Bestätigung, was ich dafür brauchte. Die Menschen in diesem Raum waren objektiv gesehen Fremde. Und doch heilten sie etwas in mir, von dem ich nicht einmal gewusst hatte, dass es existierte, geschweige denn Heilung brauchte.

Erst später an diesem Abend merkte ich, dass ich, als ich an diesem Abend mit den verschiedensten Emotionen inmitten der Living Library gesessen hatte, nicht einmal auf die Idee gekommen war, wie fremdgesteuert auf meinem Handy zu scrollen.

Vielleicht, weil es einer der wenigen Momente war, in denen ich mich nicht fremdgesteuert gefühlt hatte.

Ich war so präsent gewesen wie selten zuvor in meinem Leben. Mein Herz war weit gewesen, mein Gesicht am Strahlen, und ich hatte das erste Mal nicht überlegen müssen, ob das wirklich schon alles war, was es im Leben gab.
Denn dieser Moment war alles und mehr gewesen, was ich an diesem Abend in meinem Leben gebraucht hatte.

Ich wusste jedoch auch, dass sich mein ganzes Leben ab diesem Abend nicht einfach auf magische Weise verändern würde. Doch ich wusste, dass dieser Abend etwas in mir verändert hatte.

Und das konnte mir keiner mehr nehmen, nicht einmal stundenlanges Scrollen. Denn dieser Moment hatte etwas in mir erschüttert, wachgerüttelt, mein Innerstes aufgeschüttelt.

Und wenn ich jetzt eines wusste, dann war es, dass ich meiner Wut nicht das Leben nehmen musste.

Denn sie war an diesem Abend der Grund gewesen, warum ich mich das erste Mal seit langem wieder richtig lebendig gefühlt hatte.

Wut und Mut in meinem Geist, meinen Gedanken, meinen Worten
Drücke sie aus in Texten und Gesprächen an den verschiedensten Orten
Ich habe mein Handy nicht dabei
Und fühle mich zum ersten Mal in meinem Leben einfach frei.