Tiktok vor 9 Monaten, 10 Tagen, und 5 Stunden gelöscht.
Youtube vor 9 Monaten, 9 Tagen und 7 Stunden gelöscht.
Snapchat vor 8 Monaten, 29 Tagen und 3 Stunden gelöscht.
Seit 9 Monaten nicht mehr einfach so mit Freunden raus gegangen.
Seit 9 Monaten mindestens einmal am Tag an dich gedacht.
Heute.
Heute war ich alleine zu Hause. Keine Hausaufgaben, also etwas gelesen.
Ich kann nicht mal mehr sagen, worüber.
Ich habe gelacht.
Dich 4 Sekunden lang vergessen. Es war wie, als ob ich gegen eine Wand gelaufen bin, wie ein Schlag ins Gesicht. Mein Bauch hat sich verkrampft, ich zog meine erfrorenen Mundwinkel wieder herunter.
4 Sekunden lang normal. 4 Sekunden lang Verrat.
Ich habe versucht, ganz flach zu atmen. Das Lachen wieder zurückzunehmen.
Das Buch zugeklappt, weggelegt.
Ich versprach hoch und heilig, es nie mehr rauszuholen.
Es tut mir leid.
Ich löste gerade die letzte Aufgabe, als Mama reinkam. Sie zögert immer einen Moment länger als nötig, bevor sie die Tür öffnet.
"Hey. Wie geht's?"
Ich schaute zu ihr rüber und zuckte mit den Schultern. Sie sah älter aus, irgendwie erschöpft. "Wie immer. Fast fertig mit den Hausaufgaben."
Sie hielt kurz inne, als würde sie einen Satz im Kopf wiederholen. "Ich habe gedacht, dass wir vielleicht zum Italiener um die Ecke gehen können? Wir haben so lange nichts mehr zusammen gemacht."
"Ich kann nicht." Die Wörter wurden von meinen Lippen gerupft, süchtig, als wären sie die Luft, die ich atme.
Sie nickte langsam, tat so, als ob sie es verstand.
Der Italiener um die Ecke. Auch dein Lieblingsrestaurant.
Es tat mir fast Leid, so wie sie mich angeschaut hat.
Sie drehte sich um, war fast schon raus aus meinem Zimmer, als sie deine Schultasche neben meiner erblickte. "Du musst nicht immer deine Hausaufgaben machen. Du musst mal Spaß haben."
Sie meinte wohl, ich muss mal leben.
Ich lebe auch.
Ich spürte Tränen hinter meinen Augen stechen, heiß und greifend. Ich biss auf meine Lippe.
Ich lebe.
Wind bläst mir hart ins Gesicht. Ich umklammere die eiserne Kette fester und stoße mich ab.
Früher dachte ich, ich könnte fliegen, wenn ich genug Schwung nehme.
Jetzt weiß ich: das hier ist nur eine Schaukel. Wenn man von großen Höhen herunterfällt, zerbricht man nur noch mehr.
Hier haben wir früher gespielt.
Ich weiß nicht, warum ich hier immer noch hinkomme.
Kälte kriecht mir in die Beine, bis in die Knochen. Ich wünschte, ich hätte eine Jacke mitgenommen.
Warum bist du eigentlich nie glücklich? Hatte das Kind von nebenan gefragt.
Natürlich: ich hatte nicht geantwortet, gebetet, dass es aufhört mich anzuschauen, bin einfach weggelaufen.
Aber plötzlich ist die Frage wieder da, vor mir, sie lässt mich nicht los.
Warum bist du eigentlich nie glücklich?
Wegen dir.
Weil die Welt nicht einfach weiterdrehen sollte, wenn du nicht mehr da bist.
Weil ich dich nicht loslassen kann. Nicht loslassen will.
Weil ich dir treu bleibe.
Und plötzlich fühle ich mich wie ein Damm, der bricht, wie eine Flut, die alles auf ihrem Weg mitreißt. Heiße, salzige Tränen laufen mir über die Wangen. Das Monster aus Emotionen ist so groß, so überwältigend. Es hinterlässt tiefe Krallenspuren. Und mein Inneres brennt, es kämpft gegen die Kälte außen. Alles, was ich weggesperrt habe, droht hochzukommen, als müsste ich mich übergeben.
Mir wird schlecht, ich balle die Fäuste.
Das darf nicht passieren!
Angespannt versuche ich ruhig zu atmen, die riesige Welle in mir weg zu drängen.
Sie wird nur größer.
Erinnerungen. Scharf wie zersplittertes Glas.
Alles.
Es kommt zurück.
Ich kann es nicht aufhalten.
Ich verliere die Kontrolle.
Die Schaukel pendelt nur noch unkoordiniert in alle Richtungen, ich klammere mich an der brennend kühlen Kette fest. Nein.
Ich erinnere deine ganzen Witze.
Deine ganzen wilden Ideen und Streiche.
Deine aufbrausende Wut und einfache Vergebung.
Dein Licht, so hell.
Es ist ein süchtig machendes Gift.
Ich weine und weine und es hört nicht auf. Es ist unmöglich rüberzubringen, wie sehr es mich runterzieht. Wie tief die Wunde ist.
Ich könnte schreien, und es wäre nicht genug.
Du wolltest, dass ich glücklich bin. Lach doch mal, hättest du gesagt.
Ich war es, die es nicht wollte. Eigentlich nicht.
Glücklich sein.
Bedeutet, ohne dich lachen zu können.
Ohne dich weiterleben zu können.
Und das will ich nicht. Ich will es nicht können.
Ich will nicht ohne dich leben können.