An meine beste Freundin

Beitrag zum Schreibwettbewerb echt? jetzt! von S. Paddy, 26 Jahre

Ich sitze an meinem Laptop, einen dicken Kloß im Hals, den Wunsch, meine Gefühle in Worte zu packen, aber mein Kopf ist voll und gleichzeitig völlig leer.

Wie bedankt man sich bei einem Menschen, der mit dir durch die tiefsten Täler gegangen ist, der bei dir geblieben ist, als du zu einer schrecklichen Person wurdest – einem unnahbaren Skelett ohne Gefühle?

Ja, wir haben darüber gesprochen und doch fühlt es sich an, als sei so vieles ungesagt, weil es keine Worte dafür gibt, die ausdrücken könnten, wie leid mir das tut, was ich dir angetan habe, und wie viel mir unsere Freundschaft bedeutet. Nach über sieben Jahren versuche ich, dir das mit diesem Brief zu zeigen.

Ich weiß, wie es ist, seinen eigenen Gedanken ausgeliefert zu sein, sich in seinem Körper gefangen zu fühlen und Angst vor lebensnotwendigen Dingen zu haben. ABER ich weiß nicht, wie es ist, wenn man hilflos dabei zusehen muss, wie die beste Freundin langsam stirbt.

Ich kenne das Gefühl der tiefen Hoffnungslosigkeit, der Leere und der Wut auf mich selbst und den Gedanken, nie genug zu sein. ABER ich weiß nicht, wie es sich anfühlt, wenn alle Versuche, jemandem zu helfen, daran scheitern, dass eine andere Stimme immer lauter ist, mehr Vertrauen genießt und letztlich stärker ist als jeder gut gemeinte Ratschlag.

Ich habe oft zu dir gesagt, dass immer alle sagen, sie würden mich verstehen, es aber nicht können, solange sie es nicht selbst durchlebt haben. Gleiches gilt wohl auch für diejenigen, die es von der anderen Perspektive erleben müssen. Es ist zwar etwas völlig anderes, aber deshalb nicht weniger schlimm. Ich habe damals nicht nur meinen Körper zu Höchstleistung getrieben, sondern auch die Menschen, die mir am meisten bedeuten, auf eine harte Belastungsprobe gestellt.

Wenn ich zurückdenke, ist es unglaublich, was du damals geleistet hast – mit 18 Jahren! Du hast mich zum Arzt begleitet, mich in Krankenhäusern besucht, mich nie verurteilt, hast ausgehalten, wenn ich ein emotionales Frack war, und mehr als ein Jahr akzeptiert, dass ich nicht für dich da war, wenn du deine beste Freundin gebraucht hättest.

Und das, obwohl du plötzlich Konkurrenz hattest: Sie war jeden Tag da, ist mit mir eingeschlafen und am nächsten Morgen mit mir aufgewacht. Sie war meine Beschützerin, meine Beraterin und sie hatte IMMER recht. Denn wenn ich nicht auf sie hörte, dann bereute ich es schnell. Bis ich verstanden hatte, dass sie nicht meine beste Freundin, sondern meine schlimmste Feindin war, vergingen Monate. Keiner kann heute wissen, ob ich auch so stark gewesen wäre, wenn ich an deiner Stelle gestanden hätte.

Als mein Gewicht so im Keller war, dass ich nicht mehr klar denken konnte, brauchte ich Gründe, jeden Tag gegen die kranken Gedanken anzukämpfen und ihnen die Macht zu nehmen. Aber ich selbst war es mir nicht wert. Du, meine Familie und mein Hund schon. Ohne euch wäre ich nicht mehr hier. Und wenn ich das schreibe, dann spüre ich, wie der Kloß in meinem Hals immer größer wird und wie sich meine Augen mit Tränen füllen – eine Mischung aus Trauer und Dankbarkeit. Damals konnte ich es nicht fühlen. Dass es jetzt möglich ist, verdanke ich auch dir!

Wenn eine Freundschaft eine Essstörung überlebt, dann nur, weil beide stark genug waren. Der Unterschied ist, dass einer damit beschäftigt ist, sie zu überleben, und der andere, sie auszuhalten. Mittlerweile weiß ich, dass beides eine Prüfung ist, auf die man sich nicht vorbereiten kann, und eine Erfahrung, die das gesamte Leben und die Freundschaft prägt.

Ich wünschte, ich könnte die Zeit zurückdrehen und es ungeschehen machen, aber das Einzige, was ich tun kann, ist, dir mit diesem Brief zu sagen, wie dankbar ich für unsere Freundschaft bin. Freundschaft sollte nie eine Einbahnstraße sein, aber diese Krankheit hat sie zeitweise dazu gemacht. Und trotzdem stehst du neben mir auf dem Konzert unserer Lieblingsband, schaust mich an und singst mit mir „Du bist das Beste was mir je passiert ist“ von Silbermond. Vielleicht sind letztlich doch das die richtigen Worte, die das alles zusammenfassen.

Ich wünsche mir, dass wir noch viele, viele Jahre zusammen auf Konzerte gehen, in der ersten Reihe stehen, mit unseren Hunden am Meer spazieren gehen und das Leben gemeinsam genießen können. Und wenn das jetzt kitschig klang, dann ist es mir egal, denn Dramen dürfen auch ein kitschiges Happy End haben.