Am laufenden Band

Beitrag zum Schreibwettbewerb echt? jetzt! von Nele Köster, 24 Jahre

Schnell kneife ich meine Augen zusammen, nicht vollständig, sodass ich gar nichts mehr sehen kann, aber weit genug, um das Risiko deutlich zu verringern, wieder einen halben Ast im Auge zu haben. Ständig fliegen mir Dinge ins Gesicht, vor allem, wenn es windig ist, aber auch sonst läuft mir eigentlich alles vor die Nase, außer Menschen, die ich attraktiv finden könnte. Bis vor zwei Monaten. Da habe ich das erste Mal jemanden kennengelernt, den ich wirklich toll finde. Wenn er in der Nähe ist, fangen meine Knie an, ihr Gleichgewicht zu verlieren. Oft tue ich dann auf cool, aber meistens stolpere ich über sämtliche Bordsteine. Ab und zu verfalle ich in eine Art Trance, wenn ich zehn oder zwanzig Sekunden lang mit meinen Fingerspitzen des Zeige-, Mittel- und Ringfingers in meinen grünblauen Augen herum reibe. Gesund ist das nicht, aber dieses Universum an Möglichkeiten schwimmt dann so durch meine Sinne und was soll ich sagen, es macht Spaß, sich vorzustellen, dass ich beim Öffnen meiner Augen an einem anderen Ort aufwache.
Mittlerweile bin ich zufrieden mit meinem Ort, mit den Palmen, die ich sehe und höre, sobald ich einen Fuß vor die Tür setze. Die Menschen hier sind mehr wie ich, sie leben in der, wie ich sie nenne: „Ruhe der Sonne“ und passen ihre Natur der Außenwelt an. Die Arbeit ist trotzdem da, aber das Nervensystem wird entlastet und Verständnis wird großgeschrieben. Mein Körper mag es hier sehr. Noch besser wäre es, wenn meine Dating-Historie ebenso zufrieden wäre wie der Hund, den ich vor einigen Monaten adoptiert habe. Ich habe ihn noch nie bellen gehört, er ist sehr ruhig und läuft immer einen Meter vor mir. Als ob die Leute wirklich Angst vor ihm hätten. Er ist zwar groß, aber an ihm wächst nahezu so viel Fell wie an einem Mammut. Ahnung habe ich keine, aber wenn ich den Zeichentrickfilmen meiner Kindheit traue und das tue ich – denn selten habe ich so euphorisiert Worten zugehört, deren Persönlichkeit ich nicht persönlich kenne –, so möge mein Hund aus der Eiszeit entstanden sein.

Eiszeit gibt es hier unten nicht. Die Männer gehen im Hochsommer oberkörperfrei einkaufen und ich sitze hinter der Kasse und kämpfe gegen die Schweißflecken an. Mein Kleiderschrank besteht mehr aus Shirts, die, wie mein Vater so schön sagt, mich aussehen lassen wie den Geschenkesack vom Weihnachtsmann, aber mein Argument der Luftigkeit und die Priorität der Gemütlichkeit wird er vermutlich erst nachvollziehen können, wenn er alle vier Jahreszeiten in diesem schönen Land verbracht hat. Ich arbeite in einem kleinen Biomarkt, die Gerüche sind unglaublich und wir verkaufen viele bunte Früchte. Meistens stehe ich sehr früh auf, morgens ist es noch ein wenig kühler in den Straßen. Aber heute ist der erste Oktober, das bedeutet Nebensaison, weniger Touristen und Frühschwimmen. Ich fahre mit meinem dunkelroten Rad zum Meer. Das passiert viel zu selten und für meinen Geschmack viel zu spät, denn die Sonne ist bereits aufgegangen.

Warmer Rückenwind lässt nun auch meinen Kopf aufwachen und bringt mich auf dem Rückweg auch wieder nach Hause. Das Meerwasser dusche ich eiskalt ab und schenke mir dadurch einen immensen Adrenalinschub. Es fühlt sich alles so echt an in dieser Stadt am Meer, mitten drin das Leben und seine Temperaturen. Um neun Uhr schließe ich pünktlich auf. Die Hitze krabbelt mit Ablauf der Schatten jede Treppenstufe einzeln hoch und steht mit Start der Mittagsruhe an der Türzarge. Gerade will ich meine Runde durch die Regale machen, da legt jemand im Augenwinkel einen Strauß Blumen auf das Kassenband. Ich schaue hoch und gucke in die Augen eines jungen Mannes, der mir nicht unbekannt ist. „Die Blumen sind nicht von hier“, spreche ich ihn an, auch um die peinliche Stille schnellstmöglich zu unterbrechen. „Ich weiß, ich habe sie gekauft. „Sowas Schönes steht in diesem Markt nicht in der Vase, sondern sitzt hinter der Kasse“, reagiert er gekonnt mit seiner gezielt ekligen, aber romantischen Art und lächelt mich an. Ohne nachzudenken, drückt mein Fuß aus Gewohnheit auf das Pedal und zieht aus Versehen einen kleinen Teil des Blumenstraußes unter das Kassenband. Anspannung verlässt meine Beine und wortlos bleibt das frisch gewischte Band stehen.

„Wenn du mich nicht magst, musst du das nicht an den Blumen auslassen, die können nichts für deinen falschen Geschmack“, sagt er so gelassen, als hätte ihn der Strauß nicht mindestens zwanzig oder dreißig Euro gekostet. „Ich mag dich so viel mehr, als du dir vorstellen kannst“, denke ich mir und grinse leicht verlegen auf die übrigen Blumen. „So radikal und verträumt heute, ich finde es richtig gut, wenn du etwas nicht vorhersiehst.“ Flüstert er und läuft einige Schritte nach vorne. „Naja, also meine Liebhaber kommen jetzt nicht wie am laufenden Band vorbei“, antworte ich frech zurück und ziehe vorsichtig den vermutlich schönsten und traurigsten Farbklecks aus dem Zwischenraum. „Komm, wir müssen den Laden zumachen und als Dankeschön und Entschuldigung für all das hier lade ich dich auf einen riesigen Eisbecher ein“, hänge ich noch hinterher und gehe ein Stück auf ihn zu. Ich stelle mich direkt vor diesen schönen Menschen, der vor kurzem noch ein Fremder für mich war, und spüre, wie die Sonne mittlerweile unsere Füße erreicht hat.