Erinnerungen

Beitrag zum Schreibwettbewerb echt? jetzt! von Christela Kembi, 22 Jahre

Mittlerweile bin ich schon eine ganze Weile im Wartezimmer. Ich komme jetzt seit 3 Monaten wöchentlich hierher, sitze am selben Platz und noch immer kann ich mich nicht daran gewöhnen. Ich erinnere mich noch daran, wie ich das erste Mal hier saß. Noah war schon 10 Monate tot und ich völlig am Ende. Ich konnte kaum noch essen und in der Uni war ich auch schon lange nicht mehr. Ich hatte es satt mir diese ganzen mitleidigen Blicke tagtäglich anzutun. Auch von meinen Freunden. Als hätten
sie Angst, es auszusprechen. “Frau Ilunga bitte?” ruft Dr. Krügers Assistent ins Wartezimmer und ich stehe zügig auf, um ins Behandlungszimmer zu gehen.
......

“Wie geht es Ihnen Joyce?” “Ich glaube ganz gut. Ich hatte jetzt seit letzter Woche keine Panikattacke mehr. Ich war auch bei dieser Selbsthilfegruppe, die sie empfohlen hatten. Genauso im Malkurs. Es scheint wohl bergauf zu gehen.” sprudelt es aus mir heraus. Und es stimmt, ich hatte keine Panikattacken mehr. Gut fühle ich mich jedoch nicht. “Und wie schlafen sie?” fragt sie mich und durchbohrt mich wieder mit diesem Blick, der sowas bedeutet wie “Lügen Sie mich bitte jetzt nicht an”.
“Besser, wenn ich die Tabletten nehme.”
“Und ohne?”
“Gar nicht.”
“Haben sie wie vereinbart, ihr Handy aus dem Zimmer gelegt?” Jetzt fühle ich mich wie bei einem Gespräch mit meiner Mutter.
“Nein, aber was erwarten sie? Sie verlangen, dass ich die Tabletten absetze, die mich überhaupt schlafen lassen. Und ich weiß es ist nicht gut, aber wenigstens lässt mich das Scrollen vergessen. Da muss ich nicht darüber nachdenken, dass ich lebe und er nicht. Das ich ihn nie wieder lachen hören werde oder darüber sprechen, wie sehr er Veterinär werden will. Wir werden nie heiraten oder Kinder haben. Wir werden nie zusammen alt, obwohl er es immer versprochen hatte. Und ich wäre sauer, wenn ich nicht wüsste das es daran liegt das er verdammt nochmal tot ist. Und ich fühle mich so unendlich allein. Und so schuldig. Wer ist bitte sauer auf den eigenen Freund, weil er gestorben ist? Und wieso erinnere ich mich nicht einmal an die letzten Monate mit ihm? Stattdessen sehe ich ihn immer und immer wieder vor meinem inneren Auge. Wie er da liegt und beatmet wird, während ich ohne einen einzigen Kratzer wie versteinert dastehe. Es ist, als wäre ein Teil von mir gestorben.”

Beim letzten Satz breche ich nun endgültig in Tränen aus. Die Wahrheit ist, es ist ein Teil von mir gestorben. Der Teil, der voller Zuversicht jeden Tag begrüßt hat und mit einem so einen breiten Grinsen rumlief, dass Noah mich immer Sunny nannte. Jetzt dieses Sunny nicht mehr zu hören ist unfassbar grausam. Dabei habe ich diesen immer Spitznamen gehasst. Da ist es einfacher mich völlig der Handysucht hinzugeben. Jede Sekunde, die ich mit Scrollen verbringe, ist eine Sekunde weniger die ich an ihn denke und an das, was passiert ist. Es benutzt ja eh jeder sein Handy als eine Art Eskapismus. Also warum ist es plötzlich so schlimm, wenn ich es tue?
.........

Kiara und ich sind schon Freundinnen, seitdem wir 5 sind. Ich glaube es war ihr erster Tag bei unserem Kindergarten. Sie hatte meine Polly Pocket gestohlen und nach mehreren Tobsuchtsanfällen und einer Versöhnung waren wir die allerbesten Freundinnen. Diese Freundschaft überlebte alles. Mehrere Umzüge, Meinungsverschiedenheiten und das Leben. Nichts konnte uns auseinanderbringen. Nicht einmal, als sie fürs Studium nach Auckland ging. Jetzt ist sie wieder hier und es ist so, als wäre sie nie weg. Und um das zu feiern, sind wir samt Kuchen und billigen Wein zu unserem Feld wie wir es früher immer gemacht haben und haben über alles und nichts Wichtiges gesprochen. Bis sie kurz stoppte.
“Du gehst noch zu deiner Therapeutin, oder?” fragt sie mich in diesem Ton, der mir allzu bekannt ist. Als wäre ich so ein Rehkitz, mit welchem man so behutsam wie
möglich umgehen muss.
“Ja natürlich, warum?” entgegne ich und widme meinen Blick dem halbaufgegessenen Erdbeerkuchen. Er schmeck gut. Kiara kann den unmöglich selbst gebacken haben. Versteht mich bitte nicht falsch. Sie ist eine begnadete Biologin. Doch backen gehört nicht wirklich zu ihren Talenten. Jedenfalls dachte ich das immer.
“Ich glaube ich will auch damit anfangen. Einfach um mit jemanden über alles mal zu reden.”
“Ach echt? Worüber denn?” “Die letzten Jahre waren hart. Die Trennung meiner Eltern, der Umzug nach Auckland, das Studium. Und... Noah. Ich rede nicht oft darüber, aber Noah war auch mein Freund und als ihr diesen Unfall hattet, war es wie meine Familie auf einem Schlag zu verlieren.” Ich weiß nicht, was ich darauf antworten soll. Einerseits bin ich überrascht, weil sie mir nie davon erzählt hatte, andererseits will ich sie gerade wirklich in den Arm nehmen und ihr sagen, dass alles gut wird. Aber das kann ich unmöglich versprechen. Also nehme ich sie einfach in den Arm und wir verbleiben so, bis die Sonne untergeht.