War es doch noch wert?

Beitrag zum Schreibwettbewerb echt? jetzt! von Reem, 15 Jahre

Es war Mittwochmorgen, wir hatten Englischunterricht und ich saß da und beobachtete die Uhr, in der Hoffnung, dass die Zeiger sich schneller drehten. Versteht mich nicht falsch, so sehr hasse ich Englisch nicht, aber mir war sehr oft langweilig.
Gerade besprachen wir das Thema New York, genauer gesagt, was am 11. September geschehen ist. Anscheinend passte ich nicht richtig auf, weil plötzlich bekam ich mit, wie über Hamas und den Gazastreifen diskutiert wurde.
Also, nicht wirklich diskutiert. Es war wirklich mehr wie Herr Albrecht, unser Englischlehrer, nur Propaganda verbreitet, die man täglich in den Nachrichten zu hören kriegt. Er ist so in Fahrt gekommen, dass er aufgehört hat, auf Englisch zu reden. Gerade sagt er: "Es ist wirklich schlimm, was am 7. Oktober geschehen ist. Grausam, wie sie Israel angegriffen und dabei über eintausend Menschen umgebracht haben. Die Geiseln, die sie mitgenommen haben, nicht mit eingerechnet. Also wer solch eine Terrororganisation unterstützt und verteidigt, der hat wohl nicht mehr alle Latten am Zaun...“, und immer so weiter. Dabei bemerkte ich, dass er kein einziges Mal erwähnt, was seit nach dem Angriff passiert ist.
Ich guckte mich im Klassenzimmer um meine Mitschüler an. Wollte niemand was sagen? Wohin ich mich umdrehte, ich sah nur gelangweilte Gesichter. Auch die Schüler, die sonst auch immer mitmachten und sich ernst über solche ähnliche Themen äußern, waren in ihrer eigenen Welt.
Ein paar Minuten vergingen, wo er sich weiterhin über Hamas ausließ, bis ich es nicht mehr ertragen konnte. Ich meldete mich und guckte ihn an. Dabei bemerkte ich, wie mein Herz plötzlich zu rasen anfing und ich aus irgendeinem Grund nervös wurde. Endlich nahm er mich dran. Ich versuchte mich zu beruhigen und stellte endlich die entscheidende Frage:
"Was ist eigentlich mit den Tausenden von Menschen, die gerade in Gaza sterben?“
Was folgte, war erstmal Stille. Für einen Moment schien die Welt zu stoppen. Selbst die Uhr hörte für einen Moment auf zu ticken.                 
Herr Albrecht schaute mich kurz an. Unter seinem Blick fühlte ich mich auf einmal unbehaglich. Er nahm tief Luft und schien sich kurz zu sammeln.
"Also, Aria“, begann er, "die Sache ist die...“. Er versuchte ruhig zu erklären. Aber dann... eskalierte es völlig. Er rastete förmlich aus und wurde immer lauter und schneller. Ich konnte grad noch etwas verstehen, wie alle die Juden beschuldigten, einen Genozid zu begehen und dass sie einen solch harte Vergangenheit hätten.
Alle, darunter auch ich, waren erstarrt vor Schreck. Niemand wusste so recht, was wir machen sollten und guckten mit großen Augen zu. Einige waren verängstigt, andere schauten mich voller Mitleid an (ich nehme mal an, weil er mich anzubrüllen scheint), aber es gab auch einige, die ein bisschen verblüfft schauen.
So ging es weiter, bis es zum Stundenende gongte. Für ein paar Minuten saß ich nur da und verdaute, was da gerade abgelaufen ist. Ich fragte mich, ob das wirklich echt war.
Dann stand ich endlich auf und begann meine Sachen einzupacken. Derweil schwirrten hundert Gedanken durch meinen Kopf: Hätte ich doch nichts sagen sollen? Was wenn Herr Albrecht jetzt sauer auf mich ist? Ich hatte ein ziemlich schlechtes Gefühl im Bauch und mein Gesicht fühlte sich warm an.
Gerade als ich aus der Tür rausgehen wollte, rief mich Herr Albrecht zu sich. Nervös lief ich zu ihm.
"Aria, ich wollte dir sagen, dass das was grad eben passiert war, das war nichts Persönliches gegen dich.“, meinte er. "Wirklich. Mich hat es halt ein wenig frustriert, und tja, da ist die Sicherung bei mir rausgelaufen."
Ich nickte und lächelte, als würde ich es verstehen, aber in meinem Kopf dachte ich mir nur: Er nennt das ein "wenig" frustriert?!
"Also, ich hoffe, du nimmst es dir nicht so zu Herzen. Es tut mir leid", entschuldigt er sich.
"Ach, ist schon in Ordnung. Sie haben mich bloß ein bisschen erschreckt", meinte ich nur.
Wir verabschiedeten uns voneinander und ich ging raus auf dem Hof. Ich hatte immer noch ein wenig Zweifel darüber, ob ich mich hätte melden sollte oder nicht. Da kamen ein paar Mitschüler auf mich zu.
"Ey Aria, das war echt mutig von dir, dass du dich getraut hast!"
"Ja, find ich auch, Herr Albrecht hat sich voll daneben benommen!"
Immer mehr Kinder sagten, dass ich mutig war und das Richtige getan habe. Es war ziemlich überwältigend und ich musste mich erst einmal dran gewöhnen. Ich muss zugeben, dass ich mich freue, dass so viele auf meiner Seite waren, auch wenn sie im Unterricht nichts gesagt haben. Dabei dachte ich mir: Vielleicht war es doch noch wert gewesen.

Autorin / Autor: Reem