Wie Flamingos im Nebel

Beitrag zum Schreibwettbewerb echt? jetzt! von Fenja Brodersen, 16 Jahre

Es waren so viele graue, verschwommen Gestalten um mich, die eigentlich bunt und laut sind. Sie waren verzerrt und an den Rändern zerfranst, beinahe so, als hätte jemand sie gemalt und anschließend das Pinselwasser über das Bild geschüttet. In unmöglichen Bewegungen verschwammen sie, stieben schemenhaft zusammen und auseinander, zerliefen in feinen Tropfen und wirbelten dann als Wolken durch die Bahnhofshalle. Vollkommen, still und grenzenlos, so wie der blasse Nebel, der morgens über den Wiesen hing und mit den ersten Strahlen der Sonne durch das hohe Gras davonhuschte.

Und plötzlich erkannte ich inmitten der Nebelgestalten die eine Person, mit der ich immer sprechen wollte, mich aber nie getraut habe. Und jetzt stand sie da. Einfach so, wartend zwischen irgendwelchen Menschen, an irgendeinem Bahnhof.
Endlich schaffte mein Körper es, sich aus seiner Starre loszureißen und quälend langsam Treppenstufe für Treppenstufe nach unten zu schweben. Nach unten, zu den Gleisen, zu den Menschen, zu der Sehnsucht. Probehalber versuchte er den einen Namen auszusprechen, aber kein Ton kam über seine Lippen. In diesem Moment fingen zwei Arme mich auf und eine schmerzlich bekannte Stimme fragte "Was machst du denn hier?" Es machte nichts, dass ich nicht antwortete, weil sowieso alles egal war, es warm und vertraut roch und so unendlich surreal war. Und weil Atmen nicht ging, ließ ich es sein, bis ich zusammenbrach und zitternd in diesen haltgebenden Armen hing.
Die Frage, ob mir kalt sei, beantwortete ich mit einem Nicken, weil ich immer noch nichts sagen konnte, und bekam daraufhin die flauschige Weste, die es gab. Lauter klitzekleine Flamingos und wieder dieser vertraute, zu Tränen treibende Geruch. Aber ich weinte nicht, weil diese wunderbare Person da war und es keine Tränen mehr gab.
Nicht mehr, seit wir vor Monaten telefoniert hatten und ich kein Wort rausgebracht habe. Nicht mehr, seit die Kälte mich erstarren ließ.
Und jetzt war ich plötzlich hier, wurde festgehalten und ließ mich von einer Kerze im Wind wärmen. Und mein Atem funktionierte wieder. Viel zu kurz, aber er funktionierte und mein Herz pumpte Blut durch meinen selbstständigen Körper. Ich klammerte mich noch immer an der Umarmung fest, aber alles war gut, nichts war gut und es blieb viel zu wenig Zeit. Aber bis der Zug fuhr, gab es nur uns. Wir beide, mehr und viel weniger als genug für immer und jetzt.
Ich versuchte noch etwas zu sagen, aber mir entwich nur ein Krächzen, woraufhin der Bahnhof sich drehte, eine eigene Welt in einer Atmosphäre aus Glas. Irgendwann schaffte ich es zu wispern, dass alles so weit weg sei, bevor ich mein Gesicht wieder in dem duftenden Pullover vergrub.
"Alles ist so schwer und gleichzeitig schwerelos", fing ich zittrig an. "Wenn ich nach Hause komme, lege ich mich ins Bett, kann nicht mehr aufstehen und verzweifle, wenn ich mich erinnere, wie lang der Tag noch ist. Generell spüre ich nichts, außer Verzweiflung. Manchmal, wenn ich etwas sage, ist es, als würde ich mir selbst zuhören, alles ist gedämpft wie durch meterdickes Glas. Nicht mal mehr Hunger spüre ich. Ab und zu gibt es doch noch ein Gefühl. Panik. Dann fühlt es sich an, als wären Ketten um meine Rippen gelegt, sodass meine Lunge keinen Platz zum Atmen und mein Herz keinen Platz zum Schlagen hat. Ich habe versucht, die lähmende Angst mit kaltem Wasser zu vertreiben, die ersten Male ging das noch, aber dann nicht mehr. Deswegen musste ich mir in den Handrücken beißen, aber ich habe Angst, dass das irgendwann auch nicht mehr reicht. Was ist, wenn ich zu schmerzhafteren Waffen greife? Dann ist es mir doch lieber, wenn alles unter Wasser ist. Aber das ist so endlos. Außerdem will ich nicht existieren, ich will leben. Und jetzt treffe ich dich hier am Bahnhof, einfach so, und alles wird noch verwirrender. Es ist schön mit dir zu reden und das alles zu erzählen, nur habe ich Angst, dass ich zu viel sage. Aber verschweigen will ich auch nichts. Wahrscheinlich tut es gut und weh so ehrlich zu sein…"
Plötzlich gingen mir die Worte aus. Ich war mir gar nicht mehr so sicher, ob ich das alles wirklich gesagt hatte. Aber als ich nach oben schaute, blickte ich direkt in zwei ernste Augen.
Starke Arme hielten mich und ich hielt mich fest, niemand konnte etwas sagen und als dann der Zug einfuhr, hatte der Pullover einen kleinen, salzigen Tränenfleck, von dem gleich nichts mehr da sein würde, und die flauschige Flamingoweste in meinen Besitz gewechselt. Als der Zug wegfuhr, stand ich, nicht mehr ganz so allein, am Bahnsteig und winkte, bis die Lichter in meiner gläsernen Atmosphäre verschwammen.

Autorin / Autor: Fenja Brodersen