Ich sitze und warte. Warte, dass sich die Tür öffnet, hinter der sich gerade meine Zukunft entscheidet. Die Tür, vor der meine Vergangenheit flieht.
Meine Füße taumeln eine Haaresbreite überm Boden, aber gerade genug um mich wie ein kleines Kind fühlen zu lassen. Dann ist da auch noch dieser Druck in meiner Brust, auf der linken Seite, wo das Herz liegt und auf ein Kommando wartet, um zu wissen ob es erleichtert aufhüpfen oder irreparabel brechen soll. Wenn ich mich zu sehr darauf fokussiere, gerate ich wieder in Panik, also stehe ich auf und versuche mich irgendwie abzulenken. In diesem grauen Labyrinth von Wänden und Türen kommt es mir fast unmöglich vor. Das einzig bunte, dass sich in Reichweite befindet ist die Kinderecke, ein roter Tisch auf dem kritzeleien und Spielzeuge liegen. Kleine, grüne Hocker, die aussehen, als ob sie unter meinem Gewicht zerbrechen würden. An einem Tag wie heute, an dem auch ich mein Gewicht nur schwer tragen kann, möchte ich wieder klein sein. Wieder gehalten werden. Meinen Kopf und die Gedanken darin für einen Moment ablegen. Einem fremden Herzschlag lauschen, der meinen dann beruhigt. Irgendwo ankommen. Plötzlich ist da wieder dieser Kloß in meinem Hals, den ich seit heute Morgen runterschlucke. Um ihm weiter zu entkommen, setze ich mich schließlich auf den viel zu kleinen Hocker und fange an vor mich hin zu kritzeln. Zu einem anderen Zeitpunkt wäre es mir vielleicht unangenehm gewesen, hier zu sitzen, mit den Knien, die so angewinkelt fast bis zu meinem Kinn reichen, doch gerade ist mir das egal. Mir ist so ziemlich alles egal, außer die Frage, die seit heute Morgen ununterbrochen auf mein Herz drückt: "Wird er überleben?" Mein kleiner Bruder ist der wahrscheinlich stärkste Junge, den ich kenne, ich sollte also nicht daran zweifeln, dass er es schafft. Ich schäme mich dafür, dass ich es trotzdem tue. Als die Rettungskräfte ihn mitnahmen fing ich plötzlich an zu beten, dabei war ich nie gläubig und weiß nicht, wie Beten funktioniert, aber ich dachte, vielleicht könnte mein Wunsch bevorzugt werden, da ich ja noch nie zuvor um etwas gebeten hatte. Mein Gebet hält jetzt schon Stunden an, vermittelt mir das Gefühl etwas für ihn tun zu können, während ich nichts tun kann. Ein schrilles Kreischen holt mich aus der Trance meiner Gedanken wieder zurück ins Jetzt. Ein kleiner junge sitzt auf dem Arm seiner Mutter und schreit, streckt seine Hand nach mir aus. Ich starre ihn eine Weile fassungslos an, bis ich realisiere, dass seine Hand sich nicht nach mir, sondern nach einem Gummi Tier sehnt, dass neben mir auf dem Tisch liegt.
Ein Pinguin. Milo's Lieblingstier.
Ich greife nach dem Pinguin, um ihn dem kleinen Jungen zu reichen, doch meine Hand lässt sich nicht weiter bewegen als bis vor mein Gesicht, wo ich verharre und dem Pinguin für einen Moment in die Augen starre, bis ich schließlich in Tränen ausbreche. Erst leise, dann laut schluchzend. Speichel läuft mir aus dem Mund, den ich plötzlich nicht mehr zu kriege. Ich wische mir schnell mit dem Ärmel durchs Gesicht und halte dem Jungen den Pinguin hin. Seine Mutter setzt ihn ab und lässt ihn zum Tisch laufen, wo er mit dem Pinguin das Wartezimmer wie eine Eislandschaft bespielt. Passend, denke ich und lasse meinen Kopf wieder in meine Arme gleiten, wo ich leise weiter schluchze. Das Schluchzen fühlt sich tatsächlich besser an als der ständige Kampf gegen den Kloß. Das letzte Mal habe ich so geweint, als Mama starb. Ich weiß noch, dass ich Angst hatte, nie mehr damit aufhören zu können, doch mit jedem Mal lernte ich, dass das Wasser nur so lange fließt, wie es laufen muss bis der Druck nachlässt. Also lasse ich das Wasser fließen. Ich spüre, wie die heißen Tränen meine Wangen runterkullern und Schnodder meine Nase runterläuft. Eine Weile spüre ich nur das, bis plötzlich eine Hand auf meinem Rücken liegt und sanft über meinen Rücken streicht. "Möchtest du ein Taschentuch?", fragt die Person, zu der die Hand gehört. Unfähig zu sprechen ohne wieder in Tränen auszubrechen, nicke ich bloß und hebe meinen Kopf um zu erkennen, wer dort steht. Es ist die Mutter des Kindes, sie drückt mir die ganze Packung Taschentücher in die Hand und schaut mich mit einem einfühlsamen Blick an, dem meine Fassade keinen Stand hält. "Möchtest du gedrückt werden?" fragt sie und setzt sich neben mich auf einen der grünen Hocker und öffnet ihre Arme. Ich lege meinen Kopf auf den Schultern der Fremden ab und lasse meinen Tränen freien Lauf. Ich lausche ihrem Herzschlag und komme für einen Moment an.