Waffeln und Glühwein

Beitrag zum Schreibwettbewerb echt? jetzt! von Leni, 18 Jahre

„Wow, ich wusste gar nicht, dass dein Vater in einem Bläserensemble spielt.”, sagte Pau staunend und schaute meinem Vater gebannt dabei zu, wie er sein Saxophon auspackte und testweise einmal hineinblies. „Ja”, klagte ich wehmütig und verzog dabei den Mund zu einer Grimasse, „die treten hier jedes Jahr auf und spielen immer die gleichen Weihnachtslieder. Und jedes Jahr klingt es gleich schief.” Denn hier standen wir nun, auf dem wohl weltweit kleinsten Weihnachtsmarkt, mit dem Auftrag, auf meine kleine Schwester aufzupassen. Diese lief gerade zu meinem Vater und ließ sich von ihm etwas Geld geben.
„Aber es ist doch eigentlich ganz schön hier.”, erwiderte meine Freundin optimistisch und schaute sich dabei neugierig um. Auch ich betrachtete die schneebedeckten Hütten, von denen einige mit Tannenzweigen und Weihnachtsschmuck verziert waren. Überall auf dem Gelände tummelten sich die unterschiedlichsten Menschen an runden Tischen. Vergnügt tranken sie heißen Glühwein oder aßen gepuderte Waffeln. Nun stieg auch mir der himmlische Duft von Zimt und heißer Orange in die Nase, was mich sofort in eine weihnachtliche Stimmung versetzte. „Guck mal Luise”, sagte ich zu meiner kleinen Schwester, „da hinten gibt es eine Kinderwerkstatt. Wollen wir das mal ausprobieren?” Eifrig nickte sie und bahnte sich ihren Weg in Richtung des Einganges. Pau und ich sahen uns lächelnd an und folgten ihr gehorsam in den Raum.
Drinnen saßen einige Eltern mit ihren Kindern an den Tischen und bastelten aus Kiefernzapfen Weihnachtsbäume oder auch Rentiere. Wenig später hatten auch wir jeweils einen Zapfen vor uns liegen. Luise suchte sich begeistert farbenfrohe Plüschbälle aus einer Schale und auch Pau sammelte rote Perlen vor sich auf dem Tisch. Nur ich ließ meinen Kiefernzapfen unauffällig wieder in der Box verschwinden und sah den anderen lieber bei ihrer Arbeit zu, was Pau mit einem belustigten Hochziehen ihrer Augenbrauen quittierte. Da Luise ihre Bällchen nun aufkleben wollte, half Pau ihr, die Heißklebepistole zu bedienen.
Bei dem vertrauten Anblick der Beiden durchströmte mich ein wohlig warmes Gefühl. Ich freute mich wirklich sehr, dass Pau sich so gut mit meiner Familie verstand und die Zeit anscheinend ebenso genoss wie ich. Immer wenn ich sie zusammen mit Luise sah, stellte ich mir vor, wie es wäre, selbst eine Familie zu gründen und sich eine gemeinsame Zukunft aufzubauen. Friedlich, ruhig, vereint. Während ich vor mich hin lächelte, horchte ich tief in mich hinein. Noch bis vor kurzem bereitete mir der Gedanke, für immer mit der gleichen Person zusammen zu sein, schreckliches Unbehagen. Denn was, wenn auch ich mich dadurch nie mehr verändere?  Bei dem Gedanken verkrampft sich jeder Muskel in meinem Körper und mein Herz wird von einer Welle der Panik verschlungen. Für immer gefangen, ohne mich selbst zu kennen, ohne meine Ziele zu erreichen und ohne meine Träume zu verwirklichen. Gefangen in der Bindung zu einer anderen Person, in der ich mich langsam selbst verliere.
Mein Blick schweifte einmal mehr über meine Freundin. Ich betrachtete ihre aschfarbenen, zu einem Zopf gebundenen Haare, die hohen Wangenknochen und die glänzenden Lippen, auf denen ein seeliges Lächeln lag. Sie ist wie ein warmer Sonnenstrahl an einem kalten Wintertag. Auch sie wärmt mein Herz und lässt mich ein noch nie gekanntes Gefühl der Glückseligkeit verspüren. Ich bin sicher, erst durch sie gelingt es mir, mich wirklich zu hinterfragen und weiterzuentwickeln. All die schönen und auch traurigen Momente, in denen ich glücklich oder verzweifelt sein werde, darf ich mit ihr teilen, was diese nur umso wertvoller macht. Deswegen weiß ich, dass ich die Kraft haben werde, mit meiner Angst umzugehen.
„Wollen wir einen Glühwein trinken gehen?”, fragte Pau und riss mich somit aus meinem Gedankenstrom. Lächelnd blickte ich sie an. „Klingt gut, die Idee gefällt mir.”
Hand in Hand traten wir aus der Werkstatt und stellten uns gemeinsam an die Schlange des Glühweinstandes. Die Lichterketten leuchteten auf und tauchten den gesamten Platz in ein warmes Licht. „Hey Pau”, flüsterte ich leise, „ich bin froh, dass du hier bist. Ich hab dich lieb.” Berührt schaute sie mich an und hauchte: „Ich hab dich auch lieb.” Dann nahm sie schnell unseren Glühwein entgegen und wandte sich ab.
Ich blickte hoch in den Himmel. Ein leichter Schneefall hatte eingesetzt und durch das gelbliche Licht erschienen die Schneeflocken, wie kleine Goldkristalle, die sanft hinabrieselten und langsam den Boden bedeckten.  Zufrieden nahm ich einen Schluck von meinem Glühwein und folgte meiner Freundin zurück in die Menge.

Autorin / Autor: Leni