Schon als mir heute Morgen aufgefallen war, dass ich keinen Akku mehr hatte, war der Tag gelaufen gewesen.
Zuerst hatte die ganze Sache gar nicht so schlimm gewirkt: In den Unterrichtstunden hätte mir dieses verfluchte, kleine Gerät ohnehin nichts genützt - die waren auch so schon immer genauso schlimm gewesen; später in den Pausen hatte ich nach reichlicher Überlegung (man hatte eine Menge Zeit, wenn es da nur die Stille gab) sogar beschlossen, mich an einem Gespräch zu beteiligen.
Bloß nur, dass die angesagtesten Themen bei den Gleichaltrigen eben Kleidung oder die viralsten Influencer waren. Wenn man dann über die wahren Interessen sprach, erntete man Blicke, wie die Tiere im Zoo. Mit wem sollte man sprechen, wenn sich niemand für die gleichen Themen interessierte?
Nun saß ich an der Bushaltestelle - endlich auf dem Weg nach Hause, die Augen geschlossen, um den letzten, blendenden Sonnenstrahlen dieses Sommers zu entfliehen, sodass nur noch der bissige Verkehrslärm blieb, der mich durch sein stetiges Rauschen daran erinnerte, dass die Welt sich weiter drehte - wenn heute auch ohne die Akkorde.
Die Zeit verging und langsam sammelten sich die Menschen um mich herum; auch die vielen Stimmen in den Gesprächen über die Schule, das neuste Videospiel oder die angesagtesten Modetrends fanden über meine Ohren einen Weg in meinen Bauch, der anfing zu schmerzen - wie immer, in dieser gesprächigen Stille.
Ich öffnete die Augen und schaute mich um, blickte zu eben diesen Menschen, die in Grüppchen zusammen standen und redeten und lachten. Nur ich war allein - allein, ohne die Songtexte, die mich trösteten.
Mein Blick fand ein Mädchen, sie musste etwa in meinem Alter sein (auch wenn man das heute kaum noch sagen konnte). Mir ihren langen blonden Haaren und den lockeren, um ihren Körper geschlungenen Stoffen, die vergnügt im Wind flatterten, strahlte sie wie eine kleine Sonne. Das Gespräch mit ihrer Freudin erschien so herzhaft. Für einen Moment stelle ich ich mich vor, wie es wäre, jetzt einfach aufzustehen, zu den beiden hinzugehen und … was genau?
Ich hätte fragen können, wie die Schule war, welche Lehrer sie heute wieder genervt hatten, oder wo das Mädchen sein Oberteil herhatte. Das schien doch alle so brennend zu interessieren.
Die Mädchen stiegen in den Bus, der gerade gespenstisch quietschend die Tür geöffnet hatte - ich blieb sitzen - allein - immer noch ohne die vertonten Emotionen.
Ein Junge trat neben mir ins Licht. Mit den braunen hoch gegelten Haaren und der halb zerrissenen Kleidung sah er aus wie der perfekte Bad Boy, aber von der romantisierenden Sorte, denen man das Trauma nicht anssah. Kaum ein Meter trennte uns. Es wäre ein Leichtes gewesen, den Abstand zu überwinden und den Jungen zu fragen, woher er die Hose hatte, oder was das für ein Tuch war, das um seinen Hosenbund gewickelt war. Vielleicht auch wie sein Tag war; vielleicht fühlte ich mich heute so mutig.
Für einen kurzen Moment erlaubte ich es meinem widerspenstigen Gehirn sich auszumalen, ob sich aus so einer kleinen Begegnung etwas so Großes wie eine Freundschaft entwickeln könnte, da kam ein anderer Junge aus dem Schatten und verpasste ihm einen Handschlag.
Diesen Jungen kannte ich. Vor wenigen Tagen erst noch hatte ich mit ihm geredet, war so mutig gewesen, nur damit er mich dann so seltsam angeschaut und ich mich ohne ein weiteres Wort verabschiedet hatte. Genauso wie vorhin, wie sich Mädchen, als ich von echten Interessen erzählt hatte, alle reihum weggedreht hatten. Alle nacheinander haben Ausreden gemurmelt, sind weggegangen, nur um ein paar Meter weiter stehen zu bleiben.
Die Tränen hatte ich weggeblinzelt, war in die Bücherei gegangen.
Jetzt blinzelte ich gegen den Wind an - zumindest redete ich mir das ein. Ich stieg in den Bus direkt vor mir - ein Raum voll von sinnlosen Lauten oder Stimmen - zumindest wenn sie nicht gesungen waren.
Ich suchte mir einen Sitzplatz ganz vorne, sodass ich die anderen Gleichaltrigen nicht sehen musste, auch wenn ich ihre Stimmen hörte. Die Stimmen dieser Grüppchen, die mir als Sekten erschienen: Sie redeten so seltsam; wenn man nicht drin, war verstand man nichts, war nicht erwünscht und wollte doch irgendwie dazu gehören.
Es waren diese Gleichaltrigen, die ich jetzt schon so lange kannte - oder dann doch wieder nicht. Diese wertenden Gesichter rief ich mir zurück ins Gedächnis: Was hätte anders laufen sollen, sodass ich mit ihnen hätte Freundschaft schließen können? Hätte ich das können?
Kaum, dass ich zu Hause war, schaltete ich die Musik an und vergaß sie alle, vergaß diese bittere Einsamkeit, die nur die Musik vertreiben konnte.